Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Schreiten ist besser als springen

Von Till Hoppe und Thomas Knüwer
Die Ex-Stars der New Economy sind zurück. Und wieder suchen einstige Senkrechtstarter wie Paulus Neef und die Samwer-Brüder ihr Glück im Internet. Diesmal handeln sie weiser und planen durchdachter. Langsamer sind sie deswegen noch lange nicht.
Der ehemalige Intershop-Chef Stephan Schambach heute. Foto: PR
BERLIN/JENA/DÜSSELDORF. Paulus Neef kämpft mit einer Erkältung. Blässe und Bartschatten lassen die Falten um seine Augen hervortreten. Neef hat viel gearbeitet zuletzt ? ?und die Arbeit wird auf absehbare Zeit auch nicht weniger werden?. Kreuz und quer reist er durchs Land, feilt an Businessplänen, verhandelt Verträge, heckt Strategien aus.Neef schuftet für seine Vision. Es ist wieder ein bisschen wie früher.

Die besten Jobs von allen

Damals, um die Jahrtausendwende, hatte er das alles schon einmal gemacht. Damals war Neef Chef der Internetagentur Pixelpark und Vordenker einer Generation jung-dynamischer Unternehmer, die mit dem Internet die Wirtschaft auf den Kopf stellen wollten. Als die Kurse am Neuen Markt ? scheinbar unaufhaltsam ? die 10 000-Punkte-Grenze anpeilten, faselten selbst renommierte Ökonomen etwas von immerwährendem Wachstum.
Bildergalerie Bildergalerie: Gefallene Helden ? was aus den Börsenlieblingen von einst geworden ist
Daraus wurde bekanntlich nichts. Spätestens als mit dem Software-Unternehmen Intershop aus Jena einer der Vorreiter der New Economy im Januar 2001 eine drastische Gewinnwarnung veröffentlichte, war klar: Die Revolution fällt aus.Viele der gescheiterten Helden tauchten ab ins Private, manche, wie der Ex-Comroad-Chef Bodo Schnabel, wanderten ins Gefängnis. Andere gründeten neue Unternehmen. Heute sind Ex-Stars wie Neef, Intershop-Gründer Stephan Schambach und der frühere Chef der DAB Bank Matthias Kröner wieder im Geschäft. Ein paar Nummern kleiner zwar und verantwortungsbewusster ? aber immer noch davon überzeugt, im Internet gutes Geld verdienen zu können.Ein wenig eifern Neef & Co. auch jenen wenigen nach, die es durchgezogen haben, sich nicht beirren ließen. Wie die Brüder Alexander, Marc und Oliver Samwer. Sie landeten am Dienstag einen neuen Coup und beteiligten sich beim boomenden Sozial-Netzwerk Facebook.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Worauf Neef heute seine Hoffnungen setzt Paulus NeefNeefs Firma Neva Media sitzt in Berlin-Mitte. Hier trägt, wer dazugehört, Armeejacken zu Laptoptaschen von Apple. Der Fahrradhändler nebenan vermietet ?gepimpte? Bikes für zehn Euro am Tag. Es ist die Gegend der digitalen Bohème, und Neef setzt sich auf seine Weise von ihr ab: Er trägt ein tailliertes Jackett, und das weiße Hemd ist einen Knopf weiter geöffnet, als es wohl in der Old Economy freitags erlaubt wäre.Paulus Neefs Mission: Fernsehen per Handy in Deutschland etablieren. Eineinhalb Jahre lang verhandelte er mit Sendern und Handyherstellern. Das meiste hat er persönlich gemacht, statt es zu delegieren ? ?sonst hätten wir es auch nicht so hingekriegt?. Schon früher gehörte die Bescheidenheit nicht unbedingt zu seinen großen Stärken.Aber bisher liegt er im Plan. Am Dienstag gaben die Landesmedienanstalten einem Konsortium um Neva Media und dem Unternehmen Mobiles Fernsehen Deutschland aus Köln den Zuschlag, eine Plattform für Handy-TV aufzubauen. Hinter dem Konsortium stehen der südafrikanische Medienkonzern Naspers und die Verlagsgruppen Burda und Holtzbrinck (?Handelsblatt?).Neef & Co. setzten sich gegen namhafte Bewerber wie T-Mobile, Vodafone und Telefonica (O2) durch. Weil die Lizenz als Eintrittskarte in einen Zukunftsmarkt gilt, ist sie so begehrt.Genau richtig also für Neef: ?Ich habe immer Spaß daran gehabt, ein Stück Zukunft zu bauen.? Zukunft, das ist für ihn das Zusammenwachsen von Fernsehen, Mobilfunk und Internet. An den Schnittstellen entstünden neue Geschäftsmodelle, und dort will Neef ganze vorne mit dabei sein.Doch einmal ist er bereits gescheitert, mit Pixelpark. Plagen ihn keine Zweifel, dass Millionen Kunden auf einem Bildschirm fernsehen wollen, der kleiner ist als eine Zigarettenschachtel? Neef sagt: ?Wer so ein Gerät einmal in der Hand gehalten hat, der will es nicht mehr loslassen.?Er muss das wohl so sagen.Was ihn die New Economy gelehrt hat? Damals habe er sich von allen Seiten treiben lassen, Banken, Aktionären, Medien. ?Es ist besser, eine Treppe hochzugehen, als sie hochzuspringen?, sagt Paulus Neef. Und er hat auch gelernt zuzuhören. Heute stünden Berater ?ganz dicht an meiner Seite?, die sich etwa um Steuern und Finanzen kümmern.Aber vorsichtiger geworden, nein, das sei er deshalb nicht. Nun muss alles schnell gehen. Die Fußball-Europameisterschaft im Juni 2008 sollen sich viele Fans schon auf dem Mobiltelefon anschauen können.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Was Intershop-Gründer Stephan Schambach heute macht Stephan SchambachDie Lichter im einstigen Leuchtturm der ostdeutschen Wirtschaft brennen noch. Doch der ehemalige Hausherr ist nur noch Gast. Als Stephan Schambach in den Aufzug des Intershop-Towers in Jena einsteigen will, hält ihn die Empfangsdame auf. ?Wohin wollen Sie?? ?Ins Restaurant.? ?Das müssten Sie eigentlich anmelden?, rügt ihn die wachsame Dame.Früher hätte sie sich das kaum erlaubt. Als Schambach Mitte 1998 das auf Internethandel spezialisierte Unternehmen Intershop an die Börse führte, wurde er als Hoffnungsträger der neuen Bundesländer gefeiert. Während des Booms leistete sich das Unternehmen rund um die Welt Geschäftsstellen, im Foyer des 159 Meter hohen Glasturms zeigen noch Uhren die Zeiten in Sydney, London und New York an. Gegenüber hingen früher noch mehr Uhren. Dort stecken heute nur noch Dübel in der Wand.Über Vergangenes möchte Schambach eigentlich gar nicht reden. Aus Rücksicht auf seine Ex-Firma, ?die ich sehr mag?. Mit seinem leichten thüringischen Akzent und den strubbeligen Haaren erinnert der 37-Jährige eher an einen netten Nachbarn als an einen Ex-Börsenstar.Ein bisschen über damals redet er dann doch und sagt Sätze wie: ?Ich würde fast alles wieder so machen.? Oder: ?Was damals ablief, lässt sich mit ganz rationalen Argumenten erklären. Zugegeben: Einige Irrationalitäten habe es gegeben, danach eine Eiszeit, und schließlich habe sich herauskristallisiert, wer mit seinem Geschäftsmodell Geld verdient und wer nicht. So einfach war das? Aktionärsschützer werfen ihm als Intershop-Chef Selbstüberschätzung und Realitätsferne vor. ?Kein Kommentar.?Schambach hat Deutschland verlassen. ?In den USA sieht man das wesentlich aufgeklärter als in Deutschland?, sagt er. Sein neues Unternehmen Demandware, das er 2004 gründete, hat er in Woburn angesiedelt, einer Kleinstadt bei Boston.Eine Flucht? Nein, sagt Stephan Schambach. ?In den USA sind die Bedingungen viel besser: Der Markt ist viel größer, und es gibt ein größeres Angebot an talentierten Programmierern und Risikokapital. ?Wie früher bei Intershop verkauft Schambach heute Software an Firmen, die über das Internet verkaufen wollen. Nur dass sich um die Technik allein Demandware kümmert. ?Software as a service? heißt das im Fachsprech. Marketingprofi Schambach nennt es griffiger ?Software aus der Steckdose?. Und sagt: ?E-Commerce geht jetzt erst richtig los.?Dabei will er nicht fehlen, sondern Dinge tun, bei denen andere sagen, das sei ihnen zu neu. Schon wieder in eine Blase zu geraten fürchtet er nicht: ?Die Experimentierphase ist weitgehend vorbei, heute wissen die Anwender, wie man im E-Commerce Geld verdient.? Seine Firma sei ?sehr erfolgreich?, 100 Mitarbeiter beschäftige Demandware, ?und wir stellen ein?, sagt der Chef. Mehr verrät er aber nicht: ?Wir sind nicht an der Börse notiert, und ich genieße es außerordentlich, keine Berichte mehr abliefern zu müssen.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Die neuen Projekte des DAB-Gründers Matthias Kröner Matthias KrönerPackt Matthias Kröner, 42, etwas Neues an, muss es schon ein bisschen revolutionär sein. Schon mit seinem ersten Unternehmen, der Direktbank DAB, hielt er sich nicht an die Regeln: weder dunkelblauer Maßanzug noch einfarbiges Hemd, stattdessen Cordhose und kariertes Hemd. Seine Finanzprodukte brachte der gelernte Hotelkaufmann ohne Filialen und Berater über das Internet an den Mann. Das lief glänzend ? ?bis die einbrechenden Märkte uns von heute auf morgen in die Suppe spuckten?.Als Chef der DAB hat Kröner gut verdient, aber: ?Ich muss schon noch arbeiten für mein Geld.? Nun will er noch einmal mit ?regelbrechenden Konzepten? Unruhe stiften ? noch immer bullig antreibend, mitreißend, wortgewaltig. Dafür ersteigert Kröner schon mal bei Ebay ein Startup-Unternehmen.Sein neues Unternehmen Fidor betreibt beispielsweise eine Internet-Plattform, auf der die Nutzer Aktientipps austauschen und die Güte der Ratschläge bewerten können. Zudem ist das Münchener Unternehmen an einem Portal beteiligt, mit dem Möchtegern-TV-Stars eigene Videos hochladen können, um sich später auf einem Satellitensender im Fernsehen bewundern zu können. Fidor bietet auch eine Software an, das digitale Radiosender nach Lieblingstiteln der Nutzer durchsucht und speichert.Damit noch nicht genug: Wer sich eine Lebensversicherung aufschwatzen ließ oder mit der Beteiligung an einem Immobilienfonds auf das Entstehen eines Speckgürtels um Frankfurt an der Oder spekuliert hat, dem vermittelt Kröner Käufer. Das Geld lässt sich gleich auf ein Konto einzahlen, das Kröner gemeinsam mit der Karstadt-Quelle-Bank anbietet.Ein wenig gleicht Kröners Start-up-Potpourri noch einem Kessel Buntes. Doch sein Unternehmen wächst schnell: Der Umsatz legte vergangenes Jahr von 12 auf 20 Millionen Euro zu. Und Kröner verdient Geld: zwei Millionen Euro 2007. Für eine Internetfirma ist das keineswegs normal. 2008 soll Fidor weiterwachsen, dazu haben Kröner und sein Vorstandskollege Martin Kölsch, früher Vorstand der DAB-Mutter Hypo-Vereinsbank, eine Vollbanklizenz beantragt.Ende 2002 war das, da hatte die Münchener Großbank Kröner den Stuhl vor die Tür gesetzt, nur wenige Monate nachdem sie den Vertrag mit ihm um drei Jahre verlängert hatte.Heute fühlt er sich bestätigt: ?Ich habe gesagt, die Märkte kommen wieder, und sie kamen wieder.?Dennoch: Die Erfahrung aus DAB-Zeiten, vor 800 ängstlichen und wütenden Mitarbeitern ein Sparprogramm samt Entlassungen zu verkünden, die wolle er nicht missen, sagt Matthias Kröner. ?Wer so etwas miterlebt hat, wird vorsichtiger und verantwortungsbewusster.?Lesen Sie weiter auf Seite 5: Der neuste Coup der Samwer-Brüder Die SamwersMarc Samwer dagegen hat wenig Grund zur Vorsicht. Ebenso wenig wie seine Brüder Alexander und Oliver. Einst waren die drei Samwers die Boygroup auf der deutschen New-Economy-Bühne. Blitzschnell kopierten sie 1999 die Idee des Internet-Auktionshauses Ebay, schufen Alando ? und verkauften es nach einem halben Jahr für 43 Millionen Dollar an Ebay.Strahlende Helden waren sie, gerade einmal zwischen 20 und 27, ausgestattet mit besten Schul- und Uni-Noten. Ihre nächste Gründung, Jamba, kratzte am makellosen Image: Der Klingeltonverkäufer war Jugendschützern ein Dorn im Auge. Nicht so dem Softwarehersteller Verisign: Er kaufte Jamba 2004 für 273 Millionen Dollar.Seither investieren die Samwers mit ihrem European Founders Fund in Internetfirmen und verkaufen diese weiter. Dass die meisten davon als platte Kopien von US-Vorbildern gegeißelt werden, stört sie nicht.Ebenso wenig, dass auch ihr neuestes Investment manchem Geschäftspartner sauer aufstoßen könnte: Die Samwers sind bei Facebook eingestiegen, jenem boomenden Web-Netzwerk mit fast 60 Millionen Mitgliedern. 10 bis 15 Millionen Dollar hätten sie gezahlt, heißt es. Da Facebook aber derzeit mit 15 Milliarden Dollar bewertet wird, dürfte ihr Anteil höchstens 0,1 Prozent betragen.?Wir freuen uns sehr darüber?, sagt Marc Samwer. Er spricht vom Autotelefon aus, im Hintergrund Kinderstimmen, im CD-Spieler ein Märchen. Zum Finanziellen schweigt er.Und nur wenig ist ihm zu der pikanten neuen Situation zu entlocken. Denn die Samwers hatten auch bei der deutschen Facebook-Kopie StudiVZ investiert, als die Verlagsgruppe Holtzbrinck diese kaufte. Danach standen sich beide geschäftlich nah. Doch nun paktieren die Samwers mit dem schärfsten Gegner von Holtzbrincks wichtigster Internetbeteiligung. Kenner erwarten, dass Facebook StudiVZ den Garaus machen könnte. ?Unsere Beteiligung an StudiVZ ist ein Jahr her. Beide Seiten sehen das sportlich. Wir bleiben Holtzbrinck freundschaftlich verbunden?, hofft Samwer. Ob das so bleibt? Will doch Facebook spätestens im Juni eine deutsche Seite präsentieren.Vielleicht hätte Marc Samwer früher aggressiver getönt. Heute klingt vieles wie beim Medientraining auswendig gelernt. Wer ihm und seinen Brüdern heute begegnet, der entdeckt höher rutschende Haaransätze, längst tragen sie keine T-Shirts mit Firmenlogo mehr. So ergeht es den Helden der New Economy wie anderen auch: Sie werden erfahrener, handeln durchdachter. Nur ruhig werden sie damit noch lange nicht. Dazu ist das Internet einfach zu schnell und aufregend.Lesen Sie weiter auf Seite 6: Wie es den ersten Unternehmen der New Economy-Stars ergingVon Sternen und SternschnuppenNeuer MarktDer Aufstieg des Neuen Marktes begann am 10. März 1997. Exakt drei Jahre später erreichte er bei 9 666 Punkten seinen Höhepunkt ? und er endete am 21. März 2003 bei 351 Punkten, als die Deutsche Börse den Markt für junge, kapitalhungrige Firmen wieder begrub und den TecDax einführte.PixelparkPaulus Neef gründete die Internetagentur 1991 gemeinsam mit zwei Freunden. Pixelpark expandierte rasch, Anfang 2001 beschäftigte das Unternehmen 1 200 Mitarbeiter. Der Kurs der Aktie, die im Oktober 1999 mit 15 Euro an der Börse gestartet war, stieg auf 385 Euro ? und stürzte auf weniger als einen Euro wieder ab. 2002 setzte Pixelpark Gründer Neef vor die Tür. Unter dem heutigen Firmenchef Michael Riese wandelt sich Pixelpark zu einem Multimedia-Anbieter ? und verbucht Gewinne.Intershop1996 bringt Intershop das erste komplette Softwarepaket für Internethandel auf den Markt. Unter Gründer Stephan Schambach wächst das Unternehmen bis Mitte 2000 rasant. Anfang 2001 verliert die Aktie nach einer Gewinnwarnung an einem Tag 70 Prozent ihres Wertes. Schambach geht 2003. Bis heute hat Intershop kein Geschäftsjahr mit schwarzen Zahlen abgeschlossen. Von ehemals 1 200 Mitarbeitern sind noch rund 230 übrig.DAB Bank1994 trat Matthias Kröner mit zehn Millionen Euro Startkapital an. Seine Direktanlagebank (DAB), Deutschlands erster Online-Broker, steigerte die Zahl der Kunden schnell auf über 100 000, im Jahr 2000 erwirtschaftete die Tochter der Hypo-Vereinsbank erstmals Gewinn. Doch mit dem Ende des Börsenbooms brechen die Umsätze des Brokers weg. Nach hohen Verlusten muss Kröner Ende 2002 gehen. Heute meldet die Bank Rekordgewinne und steigende Kundenzahlen.JambaMarc, Oliver und Alexander Samwer erkannten als Erste in Deutschland, dass Handy-Klingeltöne ein Geschäft sein könnten. 2000 gründeten sie Jamba ? mit Geld aus dem Verkauf ihres Online-Auktionshauses Alando. Jamba stieg auf bis zum Branchenprimus in Europa, geriet aber ins Gerede wegen seiner Abo-Modelle, durch die sich angeblich Jugendliche verschuldeten. 2004 verkauften die Samwers Jamba, 2005 schieden sie aus der Firma aus. Seit 2006 investieren sie mit dem European Founders Fund in Web-Start-ups.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.01.2008