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Schöngeist wechselt an die Rüstungsfront

Von Andreas Hoffbauer, Handelsblatt
Mitte Mai wird Dick Olver, bisher Vize des Energiekonzerns BP, Chairman von BAE Systems. Der größte Rüstungskonzern Europas braucht nicht nur Aufträge, sondern auch einen Moderator.
HB LONDON. Denn Mitte Mai wird Olver, bisher Vize des Energiekonzerns BP, Chairman von BAE Systems. Der größte Rüstungskonzern Europas braucht nicht nur Aufträge, sondern auch einen Moderator: Im vergangenen Jahr hat sich das Management mehrfach mit einem der größten Auftraggeber ? dem Londoner Verteidigungsministerium ? heftig angelegt.?Das wird nicht mehr der Ton der Zukunft sein?, ist ein Großaktionär nach Olvers Berufung überzeugt. Mit ihm müsse der Konzern wieder Partner der Londoner Regierung werden. Investoren beklagen den Konfrontationskurs des bisherigen BAE-Chairmans Sir Richard Evans. So musste sich BAE Systems im vergangenen Jahr einen Milliardenauftrag für zwei britische Flugzeugträger mit dem französischen Thales-Konzern teilen. Und zuletzt kam der Konzern beim Londoner Airtanker-Projekt ? einem der größten Rüstungsaufträge Europas ? nicht zum Zug.

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Mit Olver wird beim Rüstungsriesen auch eine stille Wende eingeleitet. Nach dem bulligen Evans, der schon äußerlich Kampfeslust ausstrahlt, setzt der Konzern nun auf den eher leisen und feinsinnigen BP-Manager. Ein Mann, der als Interessen schöne Künste und Ballett angibt ? neue Töne bei BAE.Noch eine Tradition wird gebrochen. Chairman Evans ist seit 37 Jahren bei BAE Systems. Unter seiner Leitung wurde aus British Aerospace und Marconi Electronic Systems der Konzern BAE Systems geformt. Olver dagegen hat bislang weder mit Luftfahrt noch mit Rüstung etwas zu tun gehabt. ?Der riecht nach Öl?, so ein Kollege. Seit 1973 ist Olver bei BP, wo er sich in 30 Jahren bis zum Stellvertreter hoch gearbeitet hat. Lange wurde er als Nachfolger von Lord Browne an der BP-Spitze gehandelt.Die Bilderbuchkarriere bekam jedoch vor zwei Jahren einen Knacks, als BP seine Produktionsziele mehrfach korrigieren musste. Chef der wichtigen Sparte war Olver. Kurze Zeit später wurde er vom Lord zwar zum Vize befördert ? er war aber nur noch zuständig für Umwelt, Gesundheit, Marketing und Technologie. Seit dieser Degradierung habe sich Olver umgesehen, heißt es. Doch er geht nicht im Bösen. Als Chairman von BAE Systems bleibt Olver seinem alten Konzern als Berater verbunden. In seine neue Rolle muss er noch hineinwachsen: Der verheiratete Vater von zwei Töchtern gilt keineswegs als erste Wahl. Die BAE-Wunschliste nannte neben Ex-Nato-General George Robertson und Ex-Verteidigungsminister Michael Portillo viele andere Manager.Dennoch sei Olver für BAE Systems eine gute Wahl, sagen Beobachter. Die Ölbranche habe wie die Rüstungsindustrie eine Nähe zur Politik. Olver sei auf den Fluren des Londoner Regierungssitzes Whitehall bestens bekannt. Und als studierter Ingenieur bringe er genug Erfahrung mit, um komplexe Aufträge und langfristige Strategien umzusetzen. Die Börse glaubt an den Schöngeist aus der Ölwelt: Der Aktienkurs von BAE Systems stieg deutlich an.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.03.2004