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Schöner stapeln

Florian Willershausen
Jungheinrich ist Europas größter Lagertechnik-Hersteller. Jetzt wollen die Hamburger noch höher hinaus - in Asien und in den USA. Gut möglich, dass das Traditionsunternehmen zugreift, wenn demnächst die Stapler des Linde-Konzerns zum Verkauf stehen. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um sieben Prozent auf 1,65 Milliarden Euro, im ersten Quartal 2006 ging es mit einem Plus von 5,6 Prozent munter weiter. Die Auftragsbücher sind gefüllt, in Russland und China jagt Jungheinrich von einem Absatzrekord zum nächsten.
"Ich glaube, es hat sich rumgesprochen", sagte der freundliche Herr am Telefon, "wir bauen gerade ein ziemlich großes Flugzeug." Wobei "ziemlich" eine ziemliche Untertreibung war: Breit wie die Alster, fast so hoch wie der Hamburger Michel, dick wie die Elbtunnelröhre sollte der Vogel werden. Und dafür, sagte der Anrufer, brauche er ein paar spezielle Gabelstapler, die Sitze und Bordelektronik zur Cockpittür hinaufhieven - und zwar möglichst flott, ohne Kratzer im Lack zu hinterlassen.
Schon rauchten in der Entwicklungsabteilung von Jungheinrich die Köpfe: Airbus sollte seine Superstapler bekommen. Entwickler Henrik Schröder brät gern Extrawürste. "Kein Stapler ist wie der nächste", sagt er. "Überall stecken andere Kundenwünsche drin."
Der Flurförderzeug-Markt ist hart umkämpft. Es gibt nur noch eine Hand voll Hersteller, die ihre Gabelstapler weltweit verkaufen. Jungheinrich ist einer davon - schuldenfrei, hochrentabel, rasant wachsend. In Europa spielt der Familienkonzern schon in der Spitzenliga.
Jetzt wollen die Hamburger verstärkt Aufträge in Asien und in den USA aufgabeln. Diesen Wachstumsplänen kommt entgegen, dass sich die Linde-Gruppe in den nächsten Wochen von ihren drei Staplermarken trennen wird. Jungheinrich dementiert zwar offiziell Kaufabsichten, aber ein gewisses, durchaus naheliegendes Interesse kann Vorstandschef Cletus von Pichler nicht verhehlen: "Warten wir ab, bis die Karten auf dem Tisch liegen.

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Trecker statt Lego

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Damit das so bleibt, suchen die Hamburger Ingenieure wie Henrik Schröder. Der 31-Jährige kümmert sich um die Lagertechnik von morgen, er überlegt, wie er mehr Komfort, Leistung und Sicherheit in die Stapler bauen kann. Und macht sich beispielsweise Gedanken, was Jungheinrich ohne die Euro-Palette tun würde, die heute das Maß aller Dinge in jedem Industrielager ist.
Andere spielten noch mit Lego, als Schröder auf dem elterlichen Großbauernhof in Niedersachsen seinen ersten Traktor reparierte. Ein alter Schlepper war das, Baujahr 1942. Der Motor wollte nicht, ließ sich aber von dem Knirps, der bei anderer Gelegenheit auch schon mal kenntnis- und erfolgreich mit dem Schweißgerät hantiert hatte, irgendwie überreden. Viele Jahre später schloss Schröder sein Maschinenbaustudium mit Auszeichnung ab, landete bei Jungheinrich und nimmt heute am Förderprogramm für den Managernachwuchs teil.
Jetzt tüftelt er an Brennstoffzellenfahrzeugen, Staplern mit Formel-1-Lenkung und Umkippschutz. Sein jüngstes Baby heißt Concept 05 und soll Ende 2007 in Serie gehen. Intensiv hat Schröder die Steuerungstechnik am PC simuliert, schließlich auf die Stapler-Elektronik überspielt.
Jetzt ist der neue Alleskönner reif für den Praxistest. Vor der Produktionshalle steht ein gelber Stapler, der wendiger sein soll als jeder andere. Das Lenkrad sieht aus wie der Steuerknüppel eines Flugzeugs. Schröder blickt nach links und rechts - und gibt Vollgas, sein Schlips flattert über der Schulter. Das Gerät brettert auf zwei graue Mülltonnen zu. Im letzten Moment reißt Schröder den Steuerknüppel herum. Der Stapler dreht sich wie ein Autoskooter. Und steht akkurat vor den Tonnen. Perfekt eingeparkt. Schröder scheut sich nicht, neue Fahrzeuge "an den Grenzwert zu fahren".

Auf nach Singapur

Daniel Schäfer fährt keinen Traktor. Den Staplerführerschein hat er auch nicht. Der 27-jährige Trainee verschifft Gabelstapler nach Asien. Im November wird er ihnen folgen. Als Key-Accounter und Business-Development-Manager soll Schäfer in Singapur das Geschäftsfeld Miet- und Gebrauchtfahrzeuge aufbauen und die Expansion in Südkorea vorantreiben. "Das wird ein richtig spannender Job", freut sich der Wirtschaftsingenieur. Deswegen ist er ja gerade zu Jungheinrich gegangen. Auch wenn sich das Unternehmen so bodenständig gibt wie seine Produkte und der Vorstandschef seinen 9.000-Mitarbeiter-Betrieb als "großen Mittelständler" bezeichnet, gehören Auslandseinsätze für die Kaufleute zum Pflichtprogramm.
Schäfer hat ein halbes Jahr in Indonesien studiert und war als Trainee schon zweimal in Asien: In Singapur organisierte er die Logistik neu, in Thailand baute er den Vertrieb mit auf. "Die Asiaten sind sehr gastfreundlich", erzählt er. "Das wird kein Kulturschock für mich, ich habe mich dort schon gut eingelebt."

Staplertraumland China

Der asiatische Staplermarkt hat allerdings Tücken. Konkurrent Linde verbrannte sich dort einst die Finger, pumpte Millionen in eine nicht ausgelastete Produktionsstätte in China. Diesen Fehler will Jungheinrich nicht wiederholen. Asien lohnt sich. China zum Beispiel hat 17,5-mal so viele Einwohner wie Deutschland. Im Land der Mitte fahren 70.000 Gabelstapler - ungefähr so viele wie hierzulande. Wer das hochrechnet, kommt auf über eine Million Fahrzeuge, die allein in China absetzbar sein müssten. "Die asiatischen Märkte haben ein gewaltiges Potenzial", sagt Vorstandschef von Pichler, "da wollen wir unbedingt mitspielen." In China hat Jungheinrich einen Marktanteil von knapp über zehn Prozent und schließt langsam zu Hauptkonkurrent Linde auf. In Singapur sind die beiden deutschen Staplerbauer gleichauf.
Dass "made in Germany" in Asien durchaus Klang hat, konnte Daniel Schäfer bei seinem letzten Singapur-Einsatz erleben: Da stand ein Händler vor dem entkleideten Stapler und bestaunte den Motor: "Mensch, das sieht ja aus wie bei meinem BMW." Den teuren Hochleistungsstapler haben sie danach sofort verkauft. Der Betriebswirt ist überzeugt: "Die meisten Asiaten kaufen zehnmal lieber bei einem deutschen Unternehmen ein als bei den Japanern."
Dieser Artikel ist erschienen am 07.08.2006