Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Schön bescheiden bleiben

Nein, besonders exotisch ist der Bewerbungsprozess in Österreich und der Schweiz nicht ? fast alles wie bei uns. Aber lassen Sie bloß nicht den Piefke raushängen!
Eine Warnung an alle Glücksritter: Mit Initiativbewerbungen kommt man weder in Österreich noch in der Schweiz besonders weit. Gute erste Anlaufpunkte sind dagegen die staatlichen Arbeitsvermittlungen. Genauso hilfreich: Stellenanzeigen in Zeitungen oder deren Online-Versionen. Personalberatungen und Vermittlungsagenturen sind verbreitet.

Die Sache mit der Sprache mag in Österreich kein Problem sein - in der Schweiz ist sie ein umso größeres. Nur Deutsch allein ist aber in keinem der beiden Länder ausreichend. Vor allem Schweizer Akademiker beherrschen meistens zwei Fremdsprachen. Außerdem ist Deutsch nicht gleich Deutsch: "Es mag schon sein, dass man mit Englisch und Deutsch durchkommt. Aber im Alltag wird man Schwyzerdütsch brauchen. Das ist auch eine Frage des kulturellen Respekts", betont Krischan Ostenrath vom Wissenschaftsladen Bonn

Die besten Jobs von allen


Formal sehen Bewerbungen in der Schweiz und Österreich ähnlich aus wie in Deutschland: Einseitiges personalisiertes Anschreiben (nicht: "An das Personal-Büro"!), das kurz auf die Ausschreibung eingeht, Berufserfahrungen und Stärken auf die Stelle münzt und dabei Infos über das Unternehmen einfließen lässt. Der Lebenslauf hat ein bis zwei Seiten mit Foto; Zeugnisse werden beigelegt, sofern sie eine Bedeutung für die Stelle haben. Machen Sie trotzdem kein dickes Bewerbungspaket daraus. Drei bis vier Anlagen sollten reichen. Geschickt ist ein Vermerk, dass man auf Wunsch weitere Zeugnisse nachliefert. Das ist auch ein guter Vorwand, noch einmal anzurufen. Dieses Nachhaken komme vor allem in Österreich immer mehr in Mode, sagt die Wiener Job-Beraterin Elfriede V. Gerdenits

Ansonsten gilt es, auf ein paar Kleinigkeiten zu achten: Vergessen Sie in Österreich niemals den akademischen Titel, weder im Anschreiben noch im Vorstellungsgespräch. Ein Schweizer Lebenslauf wird nicht datiert oder unterschrieben. In beiden Ländern müssen Bewerber über das Unternehmen genau Bescheid wissen.

Bringen Sie in der Schweiz spätestens zum Vorstellungsgespräch eine Liste mit Referenzpersonen und deren Adressen mit. Diese werden meist auch kontaktiert. Ein kultureller Hinweis zum Schluss: Besonders viele Deutsche zieht es in die Schweiz und nach Österreich. Namentlich einigen Schweizer Personalern wird die Deutschen-Flut allmählich zu viel. Treten Sie darum bescheiden auf und texten Sie Ihren Ansprechpartner nicht zu.

"Wir sind da ein bisserl verstaubt"

Frau Gerdenits, stimmt es, dass man beim Vorstellungsgespräch in Österreich die Anrede mit "Herr Magister" oder "Frau Doktor" besser nicht vergisst?

Elfriede V. Gerdenits: Ja, das kann ich bestätigen. Wir sind da ein bisserl verstaubt, "Herr Amtsdirektor" oder ähnliches, darauf wird Wert gelegt.

Was passiert, wenn ich das vergesse?

Eine erfolgreiche Bewerbung setzt sich ja aus vielen kleinen Eindrücken zusammen, und da ist es eben in Österreich ein kleines Minus, die Titel zu vergessen.

Wie finde ich denn heraus, welchen Titel mein Gegenüber hat?

Man kann so was vorher auf der Firmen-Website recherchieren oder vor dem Gespräch schnell noch aufs Türschild schauen.

Worauf sollte man beim Vorstellungsgespräch sonst noch achten?

Das Gespräch selbst ist abgesehen von der Sache mit den Titeln wohl nicht sehr anders als in Deutschland. Nach dem Gespräch wird es gern gesehen, wenn man ein so genanntes Follow-up nachschickt. Das heißt, man schreibt möglichst noch am selben Tag eine kurze Mail, in der man sich für das Gespräch bedankt, und in der man auch thematisieren kann, wenn etwas schief gegangen ist.

Was bringt so ein Follow-up?

Wie gesagt, es ist die Summe vieler kleiner Eindrücke. In Österreich werden noch in der Probezeit fast 30 Prozent der Stellen neu besetzt. Selbst bei einer Absage erhält man also oft noch eine zweite Chance. Deswegen empfiehlt es sich, auch nach dem Gespräch und selbst im Falle einer Absage noch Interesse zu zeigen

Elfriede V. Gerdenits ist Karriere-Beraterin in Wien und Autorin zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien ihr Ratgeber: "Wie komme ich zu meinem Wunschjob?"
Dieser Artikel ist erschienen am 06.09.2007