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Schnell reich

Von Dirk Heilmann
Harold Goddijn hatte eine geniale Idee: ein Navigationsgerät für jedermann. Herausgekommen ist der ?Tom Tom Go?. Das Gerät steht heute wie Apples MP3-Spieler iPod für eine ganze Produktkategorie. Kein Zweifel ? Goddijn hat mit Tom Tom eine der beeindruckendsten Erfolgsgeschichten der europäischen Gründerszene geschrieben.
LONDON. Es ist ein denkwürdiger Tag. Ein Tag, nach dem es für Harold Goddijn nur noch aufwärts geht. Der Niederländer sitzt in einer Besprechungszelle auf der Cebit in Hannover. Er führt einen Gegenstand vor, der wie ein kleiner Fernseher aussieht und den noch niemand kennt: ein Navigationsgerät, das Autofahrern den Weg weisen soll.Sein Zuhörer ist beeindruckt. ?Nicht nur das Konzept und das Produkt haben mich überzeugt, auch die Leute dazu gefielen mir?, erinnert sich Oliver Stumm, Bereichsleiter für Mobilfunkprodukte bei Media-Markt. ?Souverän und humorvoll? fand er Goddijn und seine Präsentation vor zwei Jahren.

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Obwohl es in der Zelle eng und heiß war, wollte Goddijn gar nicht aufhören, die Vorzüge des neuen Geräts zu preisen. ?Sie hatten ja nur das eine Produkt. Also führte er eben noch das ganze Zubehör vor?, erzählt Stumm. ?Er befestigte die Saugnapfhalterung für das Navigationsgerät an der Glastür und rüttelte daran, um zu zeigen, wie gut das hält.?Stumm beißt an, und der Rest ist Geschichte. Der Discounter Media-Markt nahm die Navigationsgeräte für jedermann ins Sortiment auf und verhalf der holländischen Start-up-Firma Tom Tom zum Durchbruch in Deutschland.?Da merkten wir, dass wir ein Erfolgsprodukt hatten?, sagt Goddijn heute. Zwei Jahre später lehnt sich der 45-Jährige mit den blauen Augen und dem von Blond ins Grau wechselnden Haaren entspannt im Sessel zurück. Das Großraumbüro gegenüber vom Londoner Bahnhof Euston wirkt jung und arriviert wie Goddijn, der an diesem Tag ein offenes, weißes Hemd unter dem dunkelblauen Pullover trägt ? so, als bräche der leidenschaftliche Segler bald zu einem Törn auf.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Spektakulärer Börsenstart.Die Amsterdamer Firma mit Zweitsitz in London ist im Rekordtempo in die erste Börsenliga gestürmt. Vor kurzem wurde sie mit einer Marktkapitalisierung von mehr als drei Milliarden Euro eines der 25 Mitglieder im Amsterdamer AEX-Index. Nur zehn Monate nach dem Börsengang steht sie damit auf einer Liste mit Weltkonzernen wie Philips, Shell und Unilever. Die Aktie notiert um zwei Drittel über dem Ausgabepreis. Der Umsatz hat sich 2005 knapp vervierfacht, der Reingewinn verfünffacht.Kein Zweifel ? Goddijn hat mit Tom Tom eine der beeindruckendsten Erfolgsgeschichten der europäischen Gründerszene geschrieben. Das Navigationsgerät ?Tom Tom Go? hat einen neuen Markt erschlossen und ist zum Synonym für eine Produktkategorie geworden ? wie der iPod für digitale Musikspieler. Früher fanden sich Navigationsgeräte nur als teure Sonderausstattung in Dienst- und Luxuswagen. Heute sind sie ein Zubehör für wenige hundert Euro aus dem Elektronikmarkt und schnell nachzurüsten.Und die drei Milliarden Euro Börsenwert bedeuten auch, dass Goddijn reich ist ? ebenso wie Vertriebschefin Corinne Vigreux, mit der er verheiratet ist, und ebenso wie die beiden Technik-Chefs Peter-Frans Pauwels und Pieter Geelen. Jeder von ihnen hatte ein Viertel der Anteile und verkaufte beim Börsengang gut sieben Prozent für etwa 100 Millionen Euro. Die restlichen Anteile sind inzwischen pro Kopf 550 Millionen Euro wert. Vor fünf Jahren war Goddijn mit zwei Millionen Euro eingestiegen ? mit der Story könnte man selbst im Silicon Valley Eindruck schinden.Doch so glatt, wie sie klingt, war die Erfolgsgeschichte von Tom Tom nicht von Anfang an. Das Unternehmen wurde bereits 1991 von Geelen, Pauwels und Goddijn gegründet. Aber Goddijn verkaufte seine Anteile bald und konzentrierte sich auf den Aufbau einer Vertriebsgesellschaft für Psion, einen Hersteller mobiler Kommunikationsgeräte, in den Niederlanden. Diese Firma verkaufte er 1998, was ihn ?finanziell unabhängig? machte. Dann gönnte er sich eine längere Auszeit. ?Ich wollte nicht mehr für einen Boss arbeiten.? Doch Tom Tom reizte ihn. Das Unternehmen hatte Produkte für Geschäftskunden entwickelt, zum Beispiel mobile Datenterminals, um Strichcodes abzulesen und Bestellungen zu erfassen. Auch mit Navigationstechnik experimentierten die Tüftler, doch die Speicherkapazität für digitale Landkarten war zu teuer.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Auf die richtigen Leute kommt es an.?Es hat mich gereizt, das Unternehmen auf die nächste Stufe zu führen?, sagt Goddijn. Als er 2001 den Chefposten übernahm, hatte Tom Tom 20 Beschäftigte: ?Das waren gute Leute mit einer guten Technologie, aber sie hatten kein Produkt.? Die Stimmung war nach dem Platzen der Dotcom-Blase auf dem Tiefpunkt. Doch sie stieg schnell wieder: 2002 vervierfachte sich der Umsatz, 2003 waren es dank der Erfolge mit der eigenen Navigationssoftware schon 40 Millionen Euro, und das Unternehmen war profitabel.Heute arbeiten 550 Menschen für Tom Tom und erreichen einen Umsatz von 720 Millionen Euro. Goddijn lässt die Geräte im Haus entwickeln, gestalten, vermarkten und in Taiwan und Schanghai fertigen. Die Vermarktungsstrategie sei unerreicht in der Branche, sagt Analyst Andrew Gardiner von Lehman Brothers. Die Aktie habe Potenzial, von derzeit 29 auf 40 Euro zu steigen. ?Auf ein derartiges Wachstum kann man sich nicht vorbereiten?, ist Goddijns Erfahrung, ?die Organisation rennt immer ein Stück hinterher. Aber das macht nichts, solange die Lücke nicht zu groß wird.? Er habe viel Energie aufgewendet, um die richtigen Leute an Bord zu holen. Heute arbeiten Menschen aus 27 Ländern bei Tom Tom, und der zweite Firmensitz in London hat sich ausgezahlt: ?Die Kompetenz für Produktdesign ist hier höher.?Auch persönlich gefällt es Goddijn, der in einem holländischen Dorf geboren wurde, in der britischen Metropole gut, wo er mit seiner Frau und zwei Kindern lebt. ?London ist ein Schmelztiegel, so etwas wie das New York Europas.?Der rasche Reichtum weckt bei ihm keine Ausstiegsgelüste. Denn er hat noch viel vor: Er will die Geräte in den USA und Asien verkaufen und die Navigationstechnik mit Verkehrsinformationen kombinieren, damit niemand mehr im Stau stehen muss.Lesen Sie weiter auf Seite 4: LebenslaufHarold Goddijn1960: Er wird in einem Dorf bei Amsterdam geboren. Nach dem Wirtschaftsstudium arbeitet er für eine Venture-Capital-Firma.1989: Er baut für Psion, einen Hersteller mobiler Kommunikationsgeräte, eine Vertriebsgesellschaft in den Niederlanden auf. Mit Freunden gründet er 1991 parallel ein Unternehmen ? das später Tom Tom heißt ?, das Software für solche Palmtops entwickelt. Später steigt er dort aus.1998: Er verkauft die niederländische Vertriebsfirma an Psion.2001. Er steigt bei Tom Tom wieder ein und wird Vorstandschef. Er wandelt das Unternehmen zum Produzenten von Konsumgütern. Das Auto-Navigationsgerät Tom Tom Go wird ein Verkaufsschlager.2005: Er führt Tom Tom an die Börse Euronext.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.04.2006