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Schmucker Titel

Liane Borghardt
Foto: Karsten Davideit; Ring: Wempe; Montage: Anja Deerberg
Dem Kanzler bereiten die neuen Abschlüsse noch Probleme mit der Aussprache. Und viele deutsche Unternehmen wissen erst gar nicht, was sich hinter den englischen Titeln verbirgt. Die Experten aber sind überzeugt: Rühren die Hochschulen endlich die Werbetrommel, heißen die Idealkandidaten der Arbeitgeber bald Bachelor und Master.
Thomas Brill zählt zu den Pionieren der deutschen Hochschulgeschichte. Er ist einer der ersten Absolventen, die nicht mit Diplom, Magister oder Staatsexamen ins Berufsleben gestartet sind, sondern mit dem Bachelor of Arts - erworben an der Uni Bochum. "Einen Tag nach der Zeugnisverleihung habe ich bei der Arena Oberhausen als Marketingassistent angefangen", erzählt der Geisteswissenschaftler.

Während des Studiums jobbte Brill bei dem Veranstaltungszentrum, nach sechs Semestern bot man ihm die feste Stelle an. "Die Arena wird von einem amerikanischen Unternehmen betrieben. Ein Uni-Abschluss war wichtig, aber der Bachelor reichte", sagt der 29-Jährige. Heute, viereinhalb Jahre nach dem fliegenden Wechsel, ist der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaftler Abteilungsleiter im Event-Management. Dass er im Gegensatz zu den meisten seiner 50 Kommilitonen auf das weiterführende Magisterstudium verzichtet hat, hat seiner Karriere nicht geschadet - allen Miesmachern zum Trotz.

Die besten Jobs von allen


"Als die Ruhr-Uni Bochum 1993 im Rahmen ihres Magister-Reform-Modells den Bachelorabschluss einführte, sorgte das in ganz Deutschland für Aufregung. Beispielsweise war vom wertlosen Zwischenzeugnis und dem Untergang der deutschen Hochschulkultur die Rede", erinnert sich Projektmanagerin Astrid Steger. Mittlerweile werden die Bochumer nicht mehr skeptisch als Exoten auf Abwegen beäugt, sondern gelten als vorbildlich. In den vergangenen drei Jahren sind an Unis und Fachhochschulen bundesweit rund 500 Bachelor- und 300 Masterstudiengänge entstanden, Hunderte sind in Planung.

Die Neuerung des Hochschulrahmengesetzes ermöglicht es deutschen Hochschulen seit 1998, sich an internationale Standards anzupassen - sprich: neben den traditionellen Studiengängen das Bachelor- und Master-System einzuführen. Weltweit ist es in über 80 Prozent aller Länder gang und gäbe.

Damit soll Studenten der Wechsel ins Ausland erleichtert werden, und umgekehrt sollen deutsche Hochschulen für Gaststudenten aus Übersee an Attraktivität gewinnen. Weitere Wunscheffekte: Kürzere Studienzeiten sowie geringere Abbrecherquoten. Ganz Europa bastelt zurzeit an der Einführung der international üblichen Abschlüsse: 29 Länder haben sich in einer gemeinsamen Erklärung darauf festgelegt, bis zum Ende des Jahrzehnts Bachelor- und Masterstudiengänge in ihre Hochschulsysteme zu integrieren und so das Fundament für einen europäischen Hochschulraum zu legen.

Warten auf Werbung

"Viele deutsche Hochschulen sind schon fleißig gewesen", lobt der Prorektor der Uni Bochum, Roland Fischer. "Aber sie haben bisher versäumt, bei den Arbeitgebern für die neuen Abschlüsse auf Werbetour zu gehen: Das deutsche Diplom ist wie Mercedes ein eingetragenes Warenzeichen. Da ist doch klar, dass man die neuen Produkte Bachelor und Master vor der Markteinführung erst mal unter den Personalchefs bekannt machen muss", findet der Chemie-Professor.

Dafür wird es jetzt höchste Zeit: Fortan werden die Pionierstudenten in größeren Scharen auf den Arbeitsmarkt drängen. Im vorletzten Wintersemester, so das Statistische Bundesamt, waren knapp 7.000 Studenten für Bachelor- und Masterstudiengänge eingeschrieben.

Hinter Flachwitzen à la: "Sagt der Personalchef zum Bewerber: Was, Sie haben den Bachelor? Stecken Sie uns damit bloß nicht an. Und für Sie da drüben mit dem Master gilt dasselbe", verbirgt sich laut einer Studie des Kölner Instituts der Wirtschaft (IW) noch düstere Wirklichkeit. "Für 70 Prozent von 281 befragten Unternehmen waren die neuen Abschlüsse Anfang vergangenen Jahres ein Buch mit sieben Siegeln", sagt die Autorin der Studie, Juliane List. Dass die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) die Erhebung als "veraltet" unter den Tisch kehrt, findet die Soziologin unangemessen. "Ganz so drastisch würde das Ergebnis heute sicherlich nicht mehr ausfallen", räumt sie ein. "Aber die Tendenz kann sich von allein so schnell nicht geändert haben. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen wissen nicht, wie sie die Bachelors und Masters in ihre Gehaltsstrukturen einordnen sollen", sagt List.

Meister und Gesell

Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach: Der Bachelor ist nach drei bis vier Jahren Studium ein erster berufsqualifizierender Abschluss. Die Jungakademiker steigen damit entweder in den Job ein oder satteln, wenn sie eine Karriere in Wissenschaft oder Forschung anpeilen, ein ein- bis zweijähriges Masterstudium drauf.

Während der Bachelor - der "Geselle" - in die Grundlagen der Wissenschaft eingeführt wird und nebenbei viel beschworene Soft Skills für den Job wie Computerkenntnisse oder Rhetorik erwirbt, vertieft der "Meister" sein Wissen oder spezialisiert sich in einer ergänzenden Fachrichtung. Was die Einstiegsgehälter der Bachelor- und Masterabsolventen betrifft, empfiehlt die Kultusministerkonferenz (KMK) den Unternehmen, sich an den traditionellen Abschlüssen zu orientieren: Bachelors sind den FH-Diplomanden gleichgestellt, Masterabsolventen rangieren mit Uni-Abgängern auf einem Niveau.

"So handhaben wir die Vergütung bei uns auch", sagt Kruno Hernaut, Leiter der Bildungspolitik bei Siemens. "Die Summe aus Bachelor und Master ergibt ja exakt das Diplom - aber mit der Möglichkeit der Flexibilisierung." Ein Ingenieur etwa könne mit dem Bachelor in der Tasche ins Berufsleben einsteigen und sich dann nach ein paar Jahren berufsbegleitend zum Master of Business Administration fortbilden, um ins Management aufzusteigen.

"Im Unterschied zu unseren tradierten durchgängigen Studiengängen fördert das neue gestufte Modell eine Kultur des lebenslangen Lernens", sagt Hernaut. "Für Akademiker, die im globalen Bildungswettbewerb eine Rolle spielen wollen, sind die neuen Abschlüsse ein Muss - sie sind Produkte, die international nachgefragt werden. Ich würde heute jedem Studienanfänger raten, auf die sichere Seite zu gehen und sich für das straff organisierte Bachelorstudium einzuschreiben."

Schummeln gilt nicht

Doch auch auf der "sicheren Seite" kann Gefahr lauern: Mit neuen Produkten entsteht immer die Möglichkeit des Etikettenschwindels, weiß Thomas Reil, bei der Hochschulrektorenkonferenz in Bonn für neue Studiengänge zuständig. "Unter den Hochschulen könnte es schwarze Schafe geben, die einen konventionellen Diplom- oder Magisterstudiengang einfach zweiteilen und ihn dann als neues Bachelor- und Mastersystem verkaufen", so Reil.

"Langfristig ist die Qualität der neuen Studiengänge nur mit Hilfe des Akkreditierungsrates zu sichern, den die HRK und die Kultusministerkonferenz letztes Jahr ins Leben gerufen haben." Das Problem dabei: Gerade mal fünf Agenturen - zwei fachübergreifende und drei auf bestimmte Studienrichtungen spezialisierte - sind berechtigt, das Gütesiegel des Akkreditierungsrates zu vergeben. Erst 32 von knapp 800 neuen Studiengängen haben die Auszeichnung bislang erhalten.

"Interessiert sich jemand für einen Studiengang, der nicht akkreditiert ist, muss er ihn selbst unter die Lupe nehmen, um festzustellen, ob es sich um ein innovatives, internationales und konsekutives Angebot handelt", sagt Stefan Arnold von der Zentralen Evaluations- und Akkreditierungsagentur Hannover (ZEvA). Diese Kriterien findet er zentral: "Gibt es eine Infrastruktur für Praktika und Auslandssemester? Wie sieht das Curriculum aus - gibt es englischsprachige Veranstaltungen und genug Dozenten? Ist die Ausstattung modern?" Angehende Studenten sollten all ihre Fragen vor Ort stellen - so finde man heraus, wie hilfsbereit die Mitarbeiter einer Fakultät seien.

Neues Spiel, bekanntes Team

Bei aller gebotenen Vorsicht - Angst vor "Verbildung" müsse unter Bachelor- und Masterstudenten nicht umgehen, meint der Bochumer Prorektor Fischer. "Man muss sich vor Augen führen, dass die Hochschulen keine neuen Mannschaften haben. Die Spieler, also die Dozenten, sind dieselben geblieben - nur neu aufgestellt."

Das größte Problem, das sich mit den neuen Studiengängen ergibt, ist in seinen Augen praktischer Natur: "Bei der Erfassung der Studienleistungen nach dem Credit-Point-System wird es hier und da bestimmt Chaos geben."

Dass Studenten ihre Leistungen häppchenweise erbringen und so bis zum Ende des Studiums eine bestimmte Anzahl an Kreditpunkten sammeln, betrachtet Lars Mader als eine der größten Errungenschaften des neuen Systems. "Man lernt viel mehr und intensiver. Dadurch macht das Studium einfach mehr Spaß", sagt der 23-Jährige, der an der Uni Düsseldorf Sozialwissenschaften studiert.

Er ist überzeugt, mit dem Bachelor-Abschluss seinen Traumjob in der Medienbranche zu kriegen. Vorreiter wie Brill, der im Management der Arena Oberhausen arbeitet, machen Mut: "Und wenn man einem Personaler erst erklären muss, was die Besonderheiten des Bachelors sind, kommt man ja schon wunderbar ins Gespräch."

Nachholbedarf in Sachen neue Studienabschlüsse besteht offenbar nicht nur in den Personaletagen deutscher Unternehmen, sondern auch im Kanzleramt. Auf dem letzten SPD-Bildungskongress sprach Gerhard Schröder begeistert vom "Backel-Ohr" - Lars Mader und seine Kommilitonen müssen dann tapfer schlucken.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.09.2001