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Schminken verboten

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Eitelkeiten sollte man sich in einer Chip-Fabrik abschminken. Make-up wirkt hier zerstörerisch: Die vielen Tausend Leiterbahnen, die sich wie Adern durch einen Chip ziehen und zu Schaltkreisen verästeln, sind zart. Würde ein Tropfen Haarspray oder Puderteilchen während der Produktion auf dieses zarte Netz fallen, wäre es sofort unbrauchbar.
Eitelkeiten sollte man sich in einer Chip-Fabrik abschminken. Make-up wirkt hier zerstörerisch: Die vielen Tausend Leiterbahnen, die sich wie Adern durch einen Chip ziehen und zu Schaltkreisen verästeln, sind zart. Würde ein Tropfen Haarspray oder Puderteilchen während der Produktion auf dieses zarte Netz fallen, wäre es sofort unbrauchbar.

Das Schminkverbot stört Karin Palitzsch nicht. Andere Kollegen nehmen eine strengere Kleiderordnung in Kauf: Etwa Techniker, die ständig in der Chip-Fabrik arbeiten. Sie müssen nicht nur im Reinraum, wo die Luft besonders sauber ist und die empfindlichen Maschinen stehen, einen Schutzanzug tragen – sondern laufen im ganzen Gebäude in einer Art Uniform herum: blaue Trainingshose, Gummilatschen und weißes T-Shirt mit dem geschwungenen Infineon-Logo.

Die besten Jobs von allen


Wenn sie so in Gruppen in der Kantine zusammensitzen, sieht das aus wie ein Speisesaal an Bord von Raumschiff Enterprise. Die Codekarte, die allen um den Hals baumelt, muss auch Karin Palitzsch tragen. Sicherheitsvorschrift für sämtliche Mitarbeiter.

Die 25-jährige Ingenieurin für Umwelttechnik verlässt ihren Schreibtisch im Großraumbüro täglich für zwei bis drei Stunden, um in den Reinraum zu gehen. Dort überwacht und steuert sie die Arbeitsprozesse an ?Stepper“ und ?Scanner“ – hochpräzisen Belichtungsgeräten, die bis auf ein paar Zehntausendstel Millimeter genau die Leiterbahnstrukturen eines Chips auf die Oberfläche von Siliziumscheiben projizieren.

Auf diesen ?Wafern“ werden in der Fabrik jede Woche Tausende Chips hergestellt. Während der bis zu 600 Arbeitsschritte berührt kein Mensch das empfindliche Produkt. Das erledigen Maschinen bei konstant 22,5 Grad Umgebungstemperatur. Die trockene Luft macht Durst. Um die extreme Sauberkeit des Reinraums nicht zu verschmutzen, muss die Ingenieurin ein aufwändiges Umkleideritual befolgen: Haube, Mundschutz, grüner Overall, Stiefel. Von den anderen vermummten Gestalten unterscheidet sie sich durch den roten Schriftzug ?Palitzsch“ auf der Rückseite ihrer Staubschutzhülle. Männer tragen blaue Buchstaben.

Nicht nur unter diesen Produktionsbedingungen bleibt kaum Spielraum für Selbstdarsteller. Bei Infineon soll der Einzelne sein Wissen ganz in den Dienst der Teamarbeit stellen und seinen Platz als Spezialist in einem komplexen Herstellungsverfahren einnehmen.

Die gebürtige Sächsin Palitzsch kam als Studentin der Fachhochschule von Mittweida erstmals in die Chip-Fabrik, um Konzentrationsmessungen mit einem Laser durchzuführen. Später wurde sie von einem Mitarbeiter angeworben, der dafür eine Prämie bekam – die junge Ingenieurin erhielt einen Arbeitsplatz. Die präzise Arbeit – Messen, Justieren, Prüfen – sei das, was sie an ihrem Job schätze.

Anfangs habe ihr die komplizierte Technik gelegentlich Frust beschert. Doch sollten sich Einsteiger nicht entmutigen lassen. ?Man muss nicht jedes Detail kennen. Wichtig ist zu wissen, wie der Prozess funktioniert. Und wenn der Prozess läuft, freut man sich schon.“
Dieser Artikel ist erschienen am 19.06.2001