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Schmelztiegel der Ideen

Dorothee Fricke. Foto: Hasso Plattner Institut
Innovationen entstehen, wenn Alltägliches hinterfragt wird: Die neue School of Design Thinking in Potsdam bringt Studenten in interdisziplinären Projekten zusammen und lehrt sie, Probleme ganzheitlich zu betrachten.

Die Erfinderschule

Die "School of Design Thinking" in Potsdam gehört zum Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik (HPI), dem einzigen vollständig privat finanzierten Uni-Institut in Deutschland. 1998 wurde es von SAPGründer Hasso Plattner ins Leben gerufen. Etwa 360 junge Leute studieren hier "IT Systems Engineering". Im Oktober 2007 startete das HPI den Zusatzstudiengang "Design Thinking". Vorbild dafür ist die D-School an der Elite-Universität Stanford im kalifornischen Palo Alto. 40 Studierende verschiedener Disziplinen kommen für ein Jahr an zwei Tagen pro Woche zusammen, um gemeinsam an Projekten zu arbeiten. Für die nächste Runde, die zum Wintersemester 2008 startet, können sich examensnahe Studenten aller Fachbereiche ab Juli 2008 bewerben. Studiengebühren werden nicht erhoben.
www.hpi.uni-potsdam.de/d-school
Über ihrem kurzen Strickkleid trägt Lena Ellermann ein T-Shirt, dazu Leggings und Stulpen. Die blonden Haare der 25-jährigen sind etwas verwuselt. Der Collegeboy-Haarschnitt von Sören Kupke, 28, sitzt dagegen akkurat. Unter seinem Tommy-Hilfiger-Pulli blitzt der Hemdkragen hervor, und die Antwort auf die Frage, wer von beiden Kunst und wer BWL studiert, überrascht kaum. Kupke hat sein Wirtschaftsdiplom bereits sicher und promoviert derzeit am Lehrstuhl für Corporate Governance der Uni Potsdam. Ellermann wiederum steht kurz vor ihrer Abschlussprüfung an der Universität der Künste (UdK) in Berlin.

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In einer ihrer bisherigen Vorlesungen wären sich die beiden also kaum über den Weg gelaufen. Doch das hier ist keine normale Veranstaltung, und dass die so gegensätzlich ausgebildeten Studenten jetzt gemeinsam Lösungen für Probleme erarbeiten, ist gewollt. Lena Ellermann und Sören Kupke sind zwei von 40 Studenten, die an der neuen "School of Design Thinking" in Potsdam Methoden des erfinderischen Entwickelns lernen - so lässt sich Design Thinking am ehesten übersetzen.Deutsche assoziieren mit dem Begriff Design zwar vor allem Fragen der Gestaltung. Gemeint ist jedoch der gesamte Entwicklungsprozess, in dem Kundenwünsche, technische Machbarkeit und wirtschaftliche Umsetzbarkeit ganzheitlich betrachtet werden. Das Credo lautet: Wahre Innovation entsteht, wenn sich starke multidisziplinäre Gruppen zusammenschließen. Die Methode stammt von David Kelley, dem Gründer der Agentur Ideo. Lena Ellermann ist überzeugt von der Idee. "Ich wollte über den Tellerrand gucken", sagt sie. "An der UdK hängt man nur mit anderen Kunststudenten zusammen. Hier merke ich, wie andere ticken."Das Thema, um das es heute geht, heißt "Heimwerken". Jede Gruppe beschäftigt sich mit einem anderen Aspekt. Ellermann und Kupke sollen zusammen mit der Politikwissenschaftlerin Bettina Michel, 30, und der IT-Studentin Maria Rastrepkina, 25, die Frage beantworten, über welche neuen Informationskanäle das Thema verbreitet werden kann. Besonders aufregend klingt das nicht. Aber darum geht es nicht.In der ersten Phase, dem so genannten Bootcamp, lernen die Studenten, scheinbar banale Dinge zu hinterfragen. "Nur so kann Neues entstehen", sagt Ulrich Weinberg, Leiter des Aufbaustudiengangs. "Eine der ersten Aufgaben war es, dass wir uns gegenseitig unsere Brieftaschen gezeigt und darüber gesprochen haben, was man daran verbessern könnte." Dieser Gedanke setzt sich auch bei den Studenten durch. "Am Anfang habe ich mich schon gefragt, was das soll", sagt Sören Kupke. "Aber wenn man sich erst einmal darauf einlässt, ist es unglaublich, wie viele Ideen kommen." Davon zeugen auch die aufgebauten und mit vielen bunten Zetteln beklebten Stellwände. Auf den Tischen liegen Scheren, Malstifte und Materialien wie Pfeifenputzer oder Legosteine. Es sieht ein bisschen aus wie in einer Bastelwerkstatt für große Kinder."Encourage wild Ideas - Ermutige verrückte Ideen", heißt einer der Leitsätze des Design Thinking. In einem ersten Brainstorming hat die Truppe alles aufgeschrieben, was ihr in den Sinn kam. Zum Beispiel eine Dating-Show für Heimwerker oder ein neues Angebot an Ikea-Käufer, ihre Standardmöbel mit Materialien aus dem Baumarkt aufzumotzen. Das Rennen macht schließlich aber ein Internetportal, auf dem man seine Wohnung in 3D neu planen kann. Ein Avatar namens "Bob the Builder" soll dabei helfen. Lena Ellermann fertigt noch ein paar Skizzen an, dann ertönt ein chinesischer Gong: Bereits nach zwei Stunden müssen die Ideen präsentiert werden.Während die Studenten an ihren Ideen gefeilt haben, saß das ebenfalls interdisziplinäre Dozententeam im Raum nebenan zusammen. "Ich werde immer nach dem Lehrplan gefragt", sagt Schulleiter Ulrich Weinberg. "Den gibt es aber gar nicht. Wir orientieren uns zwar an unserem Vorbild, der D-School in Stanford, wollen aber eigene Erfahrungen einbringen." In Stanford gibt es den Studiengang bereits seit einigen Jahren. Mit Erfolg: Die Absolventen sind in der Wirtschaft sehr begehrt.Darauf, dass die mit dem Abschlusszertifikat Ausgezeichneten bei der Jobsuche punkten können, hoffen auch Lena Ellermann, Bettina Michel, Maria Rastrepkina und Sören Kupke. Selbst wenn ihre Präsentation auf Englisch noch ein bisschen holpert: Die Resonanz der anderen auf ihre Idee ist positiv. Trotzdem gibt es noch ein paar Verbesserungsvorschläge. Die werden sie morgen einarbeiten - und das Konzept eventuell auch gleich einem Publikumstest unterziehen. "Eigentlich müssten wir uns direkt vor einen Baumarkt stellen und fragen, was die Leute von unserem Portal halten", erklärt Sören Kupke. So jedenfalls hätten sie es mit einer früheren Projektarbeit gemacht, mit dem Prototyp eines Verkaufsautomaten für Nudelsuppen. "Leider ist unsere Idee eines mobilen Nudelkochers für Fahrradfahrer bei den Menschen auf der Straße durchgefallen." Schlimm ist das nicht, im Gegenteil. Gescheiterte Ideen gehören mit zum Konzept. Eine Maxime des Design Thinking lautet: "Mache ruhig Fehler, aber möglichst frühzeitig."Nach dem fünfwöchigen Bootcamp werden die Studenten an längerfristigen Projekten arbeiten, die im Gegensatz zu den Aufwärmübungen fast bis zur Marktreife umgesetzt werden sollen. Eine der Aufgaben wird es sein, nutzerfreundliche IT-Anwendungen für eine ältere werdende Gesellschaft zu entwickeln. Da wird es dann noch stärker darauf ankommen, dass jeder die Expertise aus seinem Fachgebiet einbringt. Doch bereits jetzt haben die Ersten gemerkt, dass sie anders an Probleme herangehen. Bettina Michel etwa musste eine Präsentation vorbereiten. "Normalerweise hätte ich Powerpoint aufgemacht und direkt alles in den Computer geschrieben", sagt sie. "Jetzt habe ich mir erst mal Zettel und Stift geschnappt." Am Schrank hinter ihrem Schreibtisch kleben seit kurzen Post-its, auf die sie ihre Ideen schreibt.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.01.2008