Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Schluss mit lustig!

Von Joachim Hofer
Am heutigen Dienstag will Intel-Chef Paul Otellini seine Mitarbeiter über Massenentlassungen informieren. Er muss auch um seinen eigenen Job bangen. Denn seit Otellini den weltgrößten Chiphersteller führt, reiht sich eine schlechte Nachricht an die andere. Der Gewinn bricht ein, der Umsatz geht zurück, und die Aktie entwickelt sich schlechter als die der Konkurrenten. Viele Beobachter sind überzeugt, dass Intel in den vergangenen Jahren entscheidende technische Entwicklungen verschlafen hat und sich das jetzt rächt.
MÜNCHEN. Es sind diese kleinen, gezielten Sticheleien, die Managern manchmal am meisten zu schaffen machen. Das bekam auch Intel-Chef Paul Otellini zu spüren. Es begann mit einem dürren Satz von Wall-Street-Analyst Joe Osha in diesem Frühjahr. ?Ist Otellini wirklich der richtige Mann an der Spitze des größten Halbleiterkonzerns der Welt?? fragte der Banker von Merrill Lynch ? und löste eine hitzige öffentliche Diskussion aus.Der Experte bezweifelte, dass Otellini Intel aus seiner derzeitigen Krise herausführen kann. ?Dazu greift er einfach nicht hart genug durch?, kritisierte Osha. So deutlich hatte das bis dahin noch kein Analyst formuliert. Die Autorität eines Intel-Chefs in Frage zu stellen ist pikant, denn die Bosse des Chip-Imperiums aus dem Silicon Valley galten lange als nahezu unantastbar. Das Geschäft des US-Konzerns lief einfach so gut, dass es trotz einiger schwacher Sparten alles in allem nichts zu meckern gab.

Die besten Jobs von allen

Doch seit Otellini Intel führt, seit dem Frühjahr 2005, reiht sich eine schlechte Nachricht an die andere. Der Gewinn bricht ein, der Umsatz geht zurück, und die Aktie entwickelt sich schlechter als die der Konkurrenten. Viele Beobachter sind überzeugt, dass Intel in den vergangenen Jahren entscheidende technische Entwicklungen verschlafen hat und sich das jetzt rächt.Am heutigen Dienstag will Otellini all den Kritikern, die ihm mangelnde Härte vorwerfen, eine klare Antwort geben. Wenn sich an den internen Plänen nichts mehr ändert, wird der Kalifornier seine Mitarbeiter über einen weit reichenden Stellenabbau informieren. Ein Intel-Sprecher wollte sich gestern zu Zeitpunkt und Details der Ankündigung zwar nicht äußern. In der Branche wird jedoch darüber spekuliert, dass Otellini zwischen 10 000 und 20 000 Jobs streichen wird. Vor einigen Wochen hat Otellini schon 1 000 leitende Angestellte vor die Tür gesetzt.Dass einer wie Otellini mit der Motorsäge durchs Unternehmen geht, passt so gar nicht zu seinem Auftreten in der Öffentlichkeit. Denn der Ökonom hat nichts von der Aggressivität vieler anderer US-Manager. Vielmehr verkörpert er mit seinem wenig modischen Scheitel und der dunklen, unauffälligen Kleidung eher das Bild eines pflichtbewussten Sachbearbeiters, der brav seine Schichten von neun bis fünf im Büro absitzt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ottelinis Aufstieg war eine Ausnahme.Doch das Äußere täuscht. Denn nur mit viel Ehrgeiz hat es Otellini aus einfachen Verhältnissen bis in die Top-Etage eines der angesehensten US-Unternehmen geschafft. Der streng katholisch erzogene Intel-Chef arbeitet seit über 30 Jahren im Konzern. Fast ein Dutzend verschiedene Positionen hatte der 55-Jährige inne. Schon 1989 schnupperte Otellini den Duft der Macht, als er Assistent des legendären Intel-Chefs Andrew Grove wurde.Der förderte ihn später nach Kräften. Anfang 2002 folgte der Ritterschlag: Otellini zog in die Vorstandsetage ein und wurde als Chief Operating Officer für das Tagesgeschäft zuständig. Als der damalige Vorstandschef, Craig Barrett, mit 65 die Altersgrenze erreichte, übernahm Otellini im Mai 2005 dessen Posten.Sein Aufstieg stellt eine Ausnahme in der Geschichte des 1968 gegründeten Unternehmens dar. Zum ersten Mal steht ein Mann an der Spitze, der nicht aus der technischen Abteilung kommt. Aber für die hoch komplexen Produkte kann sich Otellini trotzdem begeistern wie jeder seiner Vorgänger, als hätte er die Chips selbst entworfen. Bei Intel heißt es, Otellini sei gelegentlich mit so großem Enthusiasmus bei der Sache, dass er aus der Haut fahre.Grund dazu hatte er in den letzten Monaten genug. Denn er hatte das Unternehmen umgebaut wie kein Intel-Chef zuvor. Statt an einzelnen Produkten orientiert sich der Konzern nun an Kundengruppen. So gibt es jetzt Bereiche für Unterhaltungselektronik, für Gesundheitswesen und mobile Anwendungen. An sich eine gute Idee. Nur: Das Konzept hat sich bis jetzt noch nicht ausgezahlt. Nach wie vor jagt der kleine Rivale AMD dem Marktführer Intel Quartal für Quartal Marktanteile ab. Zudem bauen wichtige Kunden wie der PC-Hersteller Dell, die seit Jahren exklusiv auf Intel vertraut haben, auf einmal auch AMD-Chips ein. Eine schwere Schlappe für Intel, die Otellini angekreidet wird.Doch der Mann ist bereit zu kämpfen. ?Wir werden auch künftig die Chipfirma sein, die am meisten investiert?, verkündete er in diesem Juni. Der Wille zum Erfolg gehört für ihn zum Leben wie andere typisch amerikanische Werte, die er verkörpert: Otellini bekennt sich zur Familie und ist stolz auf seine Heimat. Sein ganzes Leben hat er in Kalifornien verbracht. Der Versuch, aus seiner Heimatstadt San Francisco wegzuziehen, scheiterte an seinem Heimweh.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ein netter Kerl.Im Unternehmen gilt Otellini als verbindlich, aber humorvoll. Er hat den Ruf eines Menschen, der sich keine Extravaganzen leistet und sein Privatleben trotz eines Millionengehalts nicht in den Klatschspalten der Zeitungen ausbreitet. Doch Analysten, Investoren und Wirtschaftsmedien werden Otellini in den nächsten Monaten genau beobachten. Denn Massenentlassungen und Kostensenkungen sind nur die eine Seite. Um so gut wie früher zu verdienen, benötigt Intel eine Vorwärtsstrategie.Die glaubt Otellini zu haben. ?Noch nie haben wir neue Prozessoren so schnell auf den Markt gebracht wie jetzt?, sagte er jüngst. Die neuen Produkte, drohte er AMD, würden die Wettbewerbslandschaft nachhaltig verändern. In den vergangenen Wochen brachte Intel einen neuen Prozessor nach dem anderen auf den Markt. Mit diesen Gehirnen der Rechner verdient Intel das meiste Geld.Ob die Neuheiten ankommen, entscheidet sich in diesen Tagen. Denn mit dem Beginn des Schuljahres und des neuen Semesters kaufen die Amerikaner Hunderttausende Computer ? und müssen sich zwischen Intel und AMD entscheiden. Abgerechnet wird Mitte Oktober: Dann gibt Intel seine Quartalszahlen bekannt. Für Otellini ist es die Stunde der Wahrheit.
Paul Ottelini1950: Er wird am 12. Oktober in San Francisco geboren. Er studiert Wirtschaft an der University of San Francisco.1974: Er verlässt mit einem MBA die University of California in Berkeley und startet seine Karriere beim Chipkonzern Intel.1980: Er ist bis 1985 für die Geschäftsbeziehung zu IBM verantwortlich. Später wird er technischer Assistent des damaligen Intel-Präsidenten Andrew Grove.1990: Er wird Chef des Mikroprozessorbereichs und ist 1993 für die Einführung des Pentium-Chips verantwortlich. 1992 wird er Verkaufs- und Marketingchef.2002: Er wird Präsident und Chief Operating Officer.2005: Er wird am 18. Mai neuer Chief Executive Officer von Intel und löst Craig Barrett ab.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.09.2006