Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Schluss mit Aussitzen

Von Oliver Stock
Telekom-Austria-Chef Heinz Sundt scheitert nach vielen Jahren am Dauerzwist mit dem Haupteigentümer. Sein Vertrag wäre ursprünglich noch ein Jahr länger gültig geblieben. Aber als Chef mit begrenztem ?Ablaufdatum? wollte er nicht weitermachen. So sagte er. Er räumt seinen Stuhl im Mai für den Chef der Mobilfunksparte des Unternehmens. Den hat der Markt schon jetzt liebgewonnen.
WIEN. Wer, wenn nicht ein Telekomchef, sollte über gute Verbindungen verfügen? Wer, wenn nicht ein Vieltelefonierer, sollte rechtzeitig hören, wenn die Kritik lauter wird? Heinz Sundt, Chef des ehemaligen Staatsmonopolisten Telekom Austria, hat die Signale in der Leitung lange ignoriert.Am Donnerstag ging es nicht mehr. Der 58-Jährige, von dessen kahlem Kopf schon in jüngeren Jahren die Würde des Alters ausging, räumt seinen Platz. Bei der nächsten Hauptversammlung des Konzerns im Mai, der zu den Lieblingen an der Wiener Börse gehört, wird er seine Aufgabe an den zehn Jahre jüngeren Boris Nemsic abgeben. Der gebürtige Kroate mit dem vergleichsweise wilden Haarschopf leitet die Mobilfunksparte der Telekom Austria und gilt als Ziehsohn des Chefs.

Die besten Jobs von allen

Doch wie das so ist mit Ziehsöhnen: Manchmal wachsen sie schneller, als ihre Väter sich das wünschen. Im Fall von Sundt und Nemsic hat das gestern dazu geführt, dass beide zwar nebeneinander saßen, als es bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Wien um ihre Zukunft ging, aber keiner den anderen angucken wollte.Sundt wäre gern noch geblieben. Sein Vertrag wäre ursprünglich noch ein Jahr länger gültig geblieben. Aber als Chef mit begrenztem ?Ablaufdatum? wollte er nicht weitermachen. So sagte er. Dass er ausgerechnet die Verbindung zum wichtigsten Eigentümer verloren hatte, sagt er nicht. ?Alte G?schichten braucht?s nicht aufwärmen?, hieß sein Kommentar.Die alte Geschichte geht so: Die österreichische Staatsholding ÖIAG, die auf die Anweisungen des fidelen Finanzministers Karl?Heinz Grasser hört, besitzt rund ein Drittel der Telekom-Austria-Aktien. Und Grasser ist kein Freund des passionierten Tennisspielers Sundt, dem seine Gegner eine hohe Aufschlagqualität bescheinigen. Der Zwist zwischen beiden begann im Jahr 2000, als der ehemalige IBM-Manager und spätere Mobilfunkchef an die Spitze der Telekom Austria rückte und den Auftrag hatte, das Unternehmen im selben Jahr an die Börse zu bringen. Sundt riet zu mehr Gemächlichkeit, was Grasser aufregte.Ein Jahr später sollte Sundt die Quittung bekommen und das erste Mal seinen Hut nehmen. Der damalige ÖIAG-Chef Johannes Ditz suchte nicht ohne Wissen des Finanzministers nach einem Ersatzspieler für Sundt. Als Ditz niemanden fand, stolperte er selbst über diese Personalie. Sundt blieb, sein Kommunikationsnetz hatte sich noch als intakt erwiesen. Dann folgte 2004 das Swisscom-Debakel. Sundt war sich in Übernahmeverhandlungen mit seinem Kollegen Jens Alder von der Schweizerischen Swisscom beinahe handelseinig geworden, als der Deal platzte. Jeder schob anschließend dem anderen die Schuld in die Schuhe. Politik und Unternehmen hatten nicht an einem Strang gezogen.Seit dem vergangenen Jahr machte Grasser dann über die ÖIAG Druck, die Struktur der Telekom Austria zu ändern. Der Finanzminister wollte eine Holding schaffen, unter deren Dach Festnetz und Mobilfunk weitgehend freie Bahn haben. Sundt wollte aber an der bestehenden Konstruktion festhalten, bei der dem Festnetz die anderen Bereiche zugeordnet sind.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sundt hat ein Rekordergebnis abgeliefert.?Ich habe immer meine persönliche Meinung vertreten, die manchmal mehr und manchmal weniger auf positiven Widerhall gestoßen ist?, stellte Sundt immerhin fest. Dass das positive Echo immer leiser wurde, hat nun dazu geführt, dass Sundt die Verbindung gekappt worden ist.Immerhin tröstete er sich damit, dass er die Telekom Austria mit einem Rekordergebnis verlässt. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen nach bisherigen Prognosen mindestens 370 Millionen Euro Nettogewinn eingefahren, das beste Ergebnis in der Unternehmensgeschichte. Die Dividende wird sich wohl auf rund 50 Cent verdoppeln. Die Zukäufe in Südosteuropa beginnen, sich auszuzahlen.Sundt erhält einen Vertrag, um die Gruppe bei ihren Expansionsbestrebungen Richtung Serbien zu unterstützen. Was der abtretende Generaldirektor nicht übertrieben hervorhob, ist, dass ein erheblicher Teil des Erfolgs Ziehsohn Boris mit seiner Mobilkom-Tochter beigesteuert hat. Wie bei den Kollegen im Ausland ist der Mobilfunkbereich der Hauptwachstumstreiber, und Nemsic hatte es damit leicht, seinem Förderer über den Kopf zu wachsen.Der Markt mag den groß gewachsenen Kroaten schon jetzt. Die Aktien legten am Donnerstag zeitweise um knapp zwei Prozent zu. Nemsic wird nun auch die Festnetzsparte leiten und dürfte sich gegenüber den Plänen des Finanzministers für eine neue Struktur weniger verschlossen zeigen. Als er gestern einmal doch zum Mikrofon greifen wollte, rückte es Sundt mit einer behutsamen, aber bestimmten Bewegung wieder in seine eigene Richtung. Noch sei er der Chef, stellte er fest. Das Haltbarkeitsdatum ist nun allerdings sehr bald abgelaufen.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.01.2006