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Schlichten statt richten

Von Christoph Hus, Handelsblatt
Die Juristenausbildung ging Jahrzehnte lang an der Sache vorbei: Erst langsam denken Unis und Gerichte um.
Die lang ersehnte Reform der Juristenausbildung sollte das Jura-Studium an deutschen Universitäten fit für die Zukunft macht. Am 1. Juli trat das Reformgesetz in Kraft und versprach mehr Praxis und Realitätsnähe in der Ausbildung. Die Beratung von Mandanten soll in Zukunft stärker im Vordergrund stehen. Fremdsprachen erhalten neues Gewicht, genauso Verhandlungsmanagement, Gesprächsführung und Streitschlichtung. Insgesamt soll das Jura-Studium jetzt stärker auf den Anwaltsberuf vorbereiten statt nur auf das Richteramt. Schließlich arbeiten rund 80 Prozent der Absolventen als Advokaten.Doch drei Monate nach Einführung der Reform sind die Kritiker nicht verstummt. ?Ein optimales Ergebnis ist die Reform sicher nicht, wir müssen erst einmal abwarten, wie die Universitäten sie umsetzen?, klagt Frank Johnigk, Ausbildungsexperte der Bundesrechtsanwaltskammer (Brak) in Berlin. Die Mängelliste: Die jetzt neunmonatige Referendariatsstation in einer Anwaltskanzlei ist immer noch zu kurz, die Juristenausbildung dauert insgesamt zu lange, und nach wie vor setzen die Universitäten auf die Ausbildung von Einheitsjuristen. Für den Anwaltsberuf sind die Absolventen damit denkbar schlecht gerüstet.

Die besten Jobs von allen

Junge Juristen setzt die praxisferne Ausbildung an den Universitäten und im Referendariat zunehmend unter Zugzwang. Wer nicht mit einem Prädikatsexamen abschließt, hat ohne besondere Qualifikationen oft keine Aussichten auf einen Job. Wollen Berufsanfänger nicht als Einzelanwalt mit einer leidlich profitablen Kanzlei jeden Cent dreimal umdrehen, müssen sie rechtzeitig vorsorgen. ?Um sich bessere Chancen auf dem schwierigen Arbeitsmarkt zu sichern, bemühen sich immer mehr junge Juristen um Zusatzqualifikationen?, urteilt Johnigk.Möglichkeiten dazu gibt es viele. Sei es das Büffeln einer exotischen Fremdsprache, etwa im kombinierten Sinologie- und Jurastudium an der Universität Passau. Sei es die gerade angelaufene Anwaltausbildung des Deutschen Anwaltvereins, die Referendaren in begleitenden Kursen wichtiges Zusatzwissen vermitteln will. Noch einen Schritt weiter gehen Studenten, die sich von vornherein gegen ein klassisches Jura-Studium entscheiden.Eine Alternative bietet ab dem Wintersemester etwa die Fernuniversität Hagen mit dem neuen Studiengang zum Bachelor of Laws. Hier bilden Bürgerliches und Öffentliches Recht den Schwerpunkt, zu den Inhalten gehören Wirtschaftswissenschaften und ausländische Rechtsordnungen.Wie wichtig es für junge Juristen ist, sich nicht allein auf die herkömmliche Uni-Ausbildung zu verlassen, zeigen aktuelle Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft. Danach waren im vergangenen Jahr in Deutschland über 7 000 Juristen arbeitslos gemeldet, ein Zuwachs von satten 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der Jura-Studenten auf bundesweit über 100 000. Das sind rund 25 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren.Eine eigene Kanzlei zu gründen, für viele Absolventen lange Zeit die einzige Möglichkeit, wird währenddessen zunehmend unattraktiv. Nicht nur dass die Zulassungszahlen rückläufig sind. Im vergangenen Jahr gaben sogar 16 Prozent der Junganwälte ihre Zulassung zurück, so die jüngsten, erschreckenden Zahlen der BRAK. Die Ursache war meist ein zu geringes Einkommen. Jahr für Jahr drängen 8 000 junge Anwälte auf den Markt, gebraucht werden jedoch nur 3 500, rechnet Hartmut Kilger, Präsident des Deutschen Anwaltvereins (DAV) vor.Auf die scharfe Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und die gestiegenen Anforderungen an junge Juristen hat der DAV mit der Einführung seiner so genannten Anwaltausbildung reagiert. Der Startschuss für das Programm fiel im Sommer. Es soll jungen Juristen Themen wie Marketing, Personalführung und Büroorganisation näher bringen. ?Diese Themen kommen im Studium und der Referendarausbildung überhaupt nicht vor, sind aber für den Anwaltsberuf immens wichtig?, sagt Cord Brügmann vom DAV koordiniert.Die Anwaltausbildung richtet sich an Jura-Studenten, die gerade das erste Staatsexamen abgelegt haben. Direkt nach der Prüfung beginnt ein dreimonatiger theoretischer Lehrgang. Damit die ohnehin schon langwierige Juristenausbildung nicht noch weiter in die Länge gezogen wird, finden die weiteren Kurse parallel zum Referendariat der angehenden Juristen statt. Die Ausbilder in den Kanzleien richten sich dabei nach einem Leitfaden, den der DAV erstellt hat. Gleichzeitig verpflichten sich die Referendare, volle zwölf Monate in der Kanzlei zu verbringen.Der DAV arbeitet mit der Fernuniversität Hagen zusammen, wo die Referendare Prüfungen ablegen, um ihren Lernerfolg zu messen. Mit der Resonanz auf die Ausbildung gibt sich DAV-Koordinator Brügmann zufrieden. ?Ich rechne ab 2006 mit etwa 2 000 Teilnehmern pro Jahr.? In dem stolzen Preis von rund 2 700 Euro sieht er dabei kein Hindernis.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.10.2003