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Schlechtes Vorbild

Peter Nederstigt, Edward Taylor
Zunehmend managen Frauen nicht nur die Familie, sondern auch ihr eigenes Unternehmen. Doch beim Schritt in die Selbstständigkeit hinken sie den Männern noch hinterher. Eine Forscherin meint: Eltern sollten ihre Töchter mehr ermutigen.
Zunehmend managen Frauen nicht nur die Familie, sondern auch ihr eigenes Unternehmen. Doch beim Schritt in die Selbstständigkeit hinken sie den Männern noch hinterher. Eine Forscherin meint: Eltern sollten ihre Töchter mehr ermutigen.

Wenn sie auf die Schnelle eine europäische Unternehmerin nennen sollen, fällt den meisten Leuten niemand ein", klagt Jane Royston, Professorin für Unternehmertum und Innovation am Schweizer Bundesinstitut für Technologie. Ihre Beobachtung ist zugleich Symptom und Ursache dafür, dass sich Europas Frauen bei der Selbstständigkeit noch immer zurückhalten.

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Das gilt besonders für Deutschland. Die Deutsche Ausgleichsbank (DtA) hat im vergangenen August untersucht, wie hoch der Frauenanteil unter den von ihr geförderten Gründern ist. Ergebnis der Studie "Wirtschaftsfaktor Unternehmerin": Der Frauenanteil stieg von 23 Prozent im Jahr 1997 bis 1999 auf 28 Prozent. "Frauen als Firmeninhaberinnen und -gründerinnen sind auf dem Vormarsch wie nie", kommentierte Inge Sandstedt, Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VdU), ähnliche Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Allerdings zeigen die Ergebnisse der Dta auch, dass sich in Deutschland noch immer fast viermal so viele Männer wie Frauen selbstständig machen. "In keinem anderen Land gibt es so wenig Gründerinnen wie in Deutschland", zitierte die DtA aus dem "Global Entrepreneurship Monitor" (GEM), in dem die London Business School (LBS), die Kauffman Foundation und das Babson College regelmäßig das weltweite Gründergeschehen untersuchen. Warum zeigen sich Frauen weniger gründungswillig als Männer? Einen wichtigen Grund hat Gründungsforscherin Royston schon genannt: Es gibt nur wenige europäische Geschäftsfrauen, die jüngeren Unternehmerinnen als Vorbild dienen könnten.

Einen weiteren wichtigen Unterschied nennt Claudia Schmitz. "Um kranke Kinder und hilfsbedürftige Eltern kümmern sich vorwiegend Frauen", sagt die Präsidentin des European Women s Management Development Network, einer Organisation von Unternehmerinnen mit 800 Mitgliedern. "Gleichzeitig das Berufsleben zu organisieren und die Familie zu versorgen, ist unglaublich schwierig."

Vor diesem Hintergrund haben sich die europäischen Regierungen 1997 dazu entschlossen, in der gesamten Europäischen Union Frauen den Eintritt ins Berufsleben oder in die Selbstständigkeit zu erleichtern. Gute Arbeitsbedingungen für Frauen garantieren aber nicht, dass sich auch mehr Frauen selbstständig machen.

So verzeichnet zum Beispiel Schweden die geringste Kluft zwischen der Zahl berufstätiger Frauen und Männer - sie lag nach Zahlen der Europäischen Union für 1998 bei 5,9 Prozent. "Es ist einfacher, in Ländern wie Schweden am Arbeitsleben teilzunehmen, wo der Zugang zur Kinderbetreuung gesetzlich vorgeschrieben ist", sagt Annika Rosing vom staatlichen schwedischen Amt für Geschäftsentwicklung. Trotzdem neigen schwedische oder finnische Frauen laut GEM nicht so stark dazu, sich selbstständig zu machen, wie Frauen in anderen EU-Staaten.

"Die größte Hürde für weibliches Unternehmertum ist die gesellschaftliche Einschätzung", meint Paul Reynolds, Professor für Unternehmertum an der LBS und Hauptkoordinator des GEM. "Besonders bei Frauen wird die Selbstständigkeit nicht als angemessene Karrierewahl angesehen."

Eine Folge ist mangelndes Selbstbewusstsein. "Viele Frauen trauen sich nicht, sich selbstständig zu machen, weil sie nicht richtig von ihrer Idee überzeugt sind", glaubt Andrea Kaldewey, Unternehmerin aus Bremen. Doch auch die Umwelt bestärke Frauen nicht zum Schritt in die Selbstständigkeit. So hätten viele Frauen Probleme, bei Banken ernst genommen zu werden. "Die müssen immer ihren Mann zur Kreditaufnahme mitbringen", hat Kaldewey erfahren.

Auch die Kindererziehung kann indirekt eine Hürde bei der Finanzierung darstellen. So arbeiteten viele Unternehmerinnen nur auf Teilzeitbasis und könnten deshalb manche Vergünstigungen nicht in Anspruch nehmen, ergab ein Bericht der Women´s Unit, einer britischen Regierungsgruppe zur Förderung von Frauen.

Kinder erschwerten es den Frauen auch, die für das Geschäftsleben so wichtigen Kontakte zu knüpfen. "Irgendwann muss man nach Hause. Da geht man nach der Arbeit kein Bier mehr trinken", erzählt Unternehmerin Kaldewey. Auch deshalb verfügten Frauen nicht über so ein ausgeklügeltes Netzwerk wie Männer.

Viele Frauen würden aber gar nicht realisieren, dass Netzwerke gerade bei der Kundenakquise ein wichtige Rolle spielen, glaubt die Kölner Beraterin Anni Hausladen. Sie hat ein Buch über "die Kunst des Klüngelns" für Frauen geschrieben. Ihre Erfahrung: "Frauen wollen alles selbst machen und planen keine Zeit ein, um die nötigen Netzwerke zu spannen."

Auch in der New Economy, in der das "Networking" von Anfang an als wichtigstes Erfolgskriterium anerkannt wurde, "gibt es leider nicht mehr Netzwerke für Frauen", sagt Sima von Hoensbroech, Vorsitzende der Initiative "Frauen im Internet", die der Internetverband Electronic Commerce Forum kürzlich ins Leben gerufen hat.

Das zeigt, dass es auch in der Neuen Wirtschaft nicht besser um den Gründeranteil von Frauen bestellt ist. Die New Economy habe zwar den Schritt zur Selbstständigkeit erleichtert, aber den Frauenanteil nicht erhöht, bestätigt Tim Schwarz, Chef der Berliner Headhunting-Agentur Headstep AG, die sich auf die New Economy spezialisiert hat: "In den über 300 am Neuen Markt gelisteten Unternehmen gibt es nur vier Unternehmens-Chefinnen."

Zwei Gründe sieht Schwarz. Zum einen machten es die langen Arbeitszeiten in den schnell wachsenden Unternehmen der New Economy für Frauen eher noch schwieriger, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen.

Daneben sieht auch er mangelndes Selbstbewusstsein. "Zu wenig Frauen haben die Chance einer Unternehmensgründung genutzt, weil sie noch immer mit dem Vorurteil behaftet sind, dass die Gründung eines eigenen Unternehmens eine brachiale Ellbogenstrategie erfordere."

Verbesserungen könnten spezielle Informationsangebote für Frauen bringen. "Frauen finden auch hier effektiv immer noch schlechtere Rahmenbedingungen vor als Männer", meint VdU-Präsidentin Sandstedt. Positive Ansätze bieten die Frauen-Hotline der öffentlichen Gründerinitiative Change/Chance und der neue Arbeitskreis "Frauen im Internet"

Gründungsforscherin Royston sieht die Lösung des Problems aber eher in der Familie. Solange Mädchen nicht im gleichen Ausmaß wie Jungen dazu ermutigt würden, in die Geschäftswelt einzutreten, "werden wir nie so viele erfolgreiche Frauen sehen wie Männer."

Die Fachhochschule Karlsruhe bietet im Internet und auf CD-ROM einen Kurs für Gründerinnen an. Er kann unter Tel. 07 21/9 25-23 63 bestellt werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.03.2001