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Schlauer, als der Boss erlaubt

Von Frank Siering
Ist ein Mitarbeiter seinem Vorgesetzten überlegen, kann das der Karriere schnell schaden. Intelligenter als der Boss, was tun? Eine Frage, die in keinem Manager-Seminar oder Teamtreffen zur Sprache kommt ? aus gutem Grund.
LOS ANGELES. Brent Blackman war schon immer ein bisschen schlauer als seine Mitschüler. An der Universität im kalifornischen Berkeley marschierte er ohne Probleme durch das Ingenieurstudium und schloss als einer der Jahrgangsbesten ab. Das Stellenangebot eines großen Stahlunternehmens in Los Angeles flatterte ihm kurz nach seinem Abschlusszeugnis nach Hause. ?Ich gebe gerne zu, dass ich bisher im Leben viel Glück gehabt habe?, glaubt der 35-Jährige heute.Aber seitdem der Kalifornier in der Berufswelt steht, ist ihm seine überdurchschnittliche Intelligenz auch schon mehrmals zum Verhängnis geworden. ?Es zahlt sich nicht unbedingt immer aus, schneller denken zu können als andere führende Köpfe im Unternehmen?, hat Blackman inzwischen eingesehen. Vor allem sein Boss ? ein hemdsärmeliger Mann, der sich durch zähen Fleiß und Hartnäckigkeit nach oben geboxt hat ?, ließ ihn das schon häufiger spüren.

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Schlauer als der Boss, was tun? Eine Frage, die in keinem Manager-Seminar oder Teamtreffen zur Sprache kommt. ?Aus gutem Grund?, urteilt Judith Sills, Psychologin und Buchautorin aus Philadelphia. ?Welcher Boss gibt schon gerne zu, dass sein Zögling mehr drauf hat als er selbst? Jeder Chef will talentierte Angestellte unter sich haben. Aber er will zugleich mögliche Konkurrenz vermeiden.? Ein Spagat, bei dem meist der Boss bestimmt, welche Richtung eingeschlagen wird. Sills: Es sei denn, der Mitarbeiter spielt ein schlaues strategisches Spiel.Ein Produktmanager bei Hewlett-Packard wollte seinen neuen Job nicht verlieren. Aber er hatte sich in einigen Projekttreffen mit seiner wirtschaftlichen Brillanz zu weit aus dem Fenster gelehnt ? er wurde hoch gelobt auf Vorstandsebene, aber mit Argusaugen beobachtet vom direkten Vorgesetzten. Jetzt wollte sein Boss ihn in die Schranken weisen: Er teilte ihn kurzfristig für weniger wichtige und glanzvolle Dienste im Projekt ein.?Ein typisches Szenarium?, weiß Dean Simonton, Psychologe der University of California at Davis. Sein Berufskollege Martin Seligman von der University of Pennsylvania ergänzt: ?Vorgesetzte sind oft schnell eingeschüchtert von der offensichtlichen Intelligenz ihrer Mitarbeiter.? Und der Boss macht in solchen Fällen nur allzu oft diesen Fehler, erzählt Seligmann: ?Anstatt die Intelligenz für sich zu nutzen, versucht er, den Kollegen möglichst schnell auszugrenzen. Damit er selbst bloß nicht unter Konkurrenzdruck kommt.? Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mr. Smarty muss geschickt agieren, damit er trotz seiner Intelligenz im Job vorankommt. Mr. Smarty, wie solche Intelligenzbolzen in den USA heißen, muss geschickt agieren, damit er trotz seiner Intelligenz im Job vorankommt. Psychologin Sills empfiehlt sechs Punkte, an die er sich halten sollte: Der Untergebene sollte niemals hinter dem Rücken seines Chefs Bemerkungen über dessen unterlegene Intelligenz machen ? auch nicht im Spaß. ?Das wirkt sich irgendwann negativ aus, es ist nur eine Frage der Zeit?, warnt Sills.Ein weiterer positiver Faktor für den smarten Mitarbeiter: Mach dich deinem Boss gegenüber nützlich. Nimm ihm Arbeit ab, die ihm lästig ist. Diese Taktik funktioniert besonders gut, da der Mitarbeiter dabei zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt. Zum einen wird Arbeit erledigt, die ohnehin gemacht werden muss. Zum anderen merkt der Boss so am ehesten, dass es sinnvoll ist, den Kollegen auf seine Seite zu ziehen, weil er selber dadurch weniger Arbeit auf dem Schreibtisch liegen hat.?Leverage? ist ein weiteres wichtiges Werkzeug im einsamen Kampf der überlegenen Intelligenz. Übersetzt heißt das so viel wie direkte Einflussnahme. ?Auch wenn der Mitarbeiter die gesamte Arbeit für ein erfolgreiches Projekt schultert, so sollte er bei der anschließenden Lobverteilung lieber nur ein bisschen davon einheimsen ? und auch dem Boss einen Teil der Lorbeeren lassen?, erklärt Sills.Gut umsetzbar ist diese Strategie zum Beispiel bei einer Präsentation. Paul Higgins etwa hatte drei Monate nichts weiter gemacht, als für Ford ein neues Design zu entwickeln. Als es schließlich dem Vorstand vorgestellt werden sollte, übergab Higgins die Präsentation seinem Abteilungsleiter. Weil er wusste, dass dieser mit der Aufgabe überfordert war, bot er ihm sogleich an, einen Teil der Präsentation zu übernehmen. Der Chef nahm das Angebot sofort an. Psychologin Sills analysiert: ?Zum einen hat der Boss das Gefühl, dass er weiterhin die Kontrolle hat. Zum anderen hat es der Mitarbeiter geschafft, sich und seine Arbeit geschickt mit ins Spiel zu bringen.?Eine sehr wichtige Rolle im täglichen Kampf um Anerkennung spielt auch das Lob. Diesmal allerdings ist es nicht der Chef, sondern der überlegene Untergebene, der sich Momente herauspicken sollte, in denen er die Stärken seines Chefs anerkennt. ?Es ist keine Anleitung dafür, dem Chef den Hintern zu küssen?, warnt Seligman. Vielmehr soll dieser selbstlose Akt dazu führen, dass auch der Chef ? der sehr wohl weiß, dass sein Angestellter ihm um Längen voraus ist ? endlich einmal ein Lob bekommt. ?Ohne Lob von seinen Mitarbeitern wird der Boss ständig von Angst und Unsicherheit getrieben?, analysiert Simonton das typische Verhaltensmuster im Büro.Und auch nicht ganz unwichtig, zumindest in Bereichen, in denen Sprache eine große Rolle spielt: auf die Wortwahl achten ? keine Fachausdrücke verwenden, die außer dem Ethik-Professor an der Elite-Uni des Mitarbeiters ohnehin keiner versteht. Keine großspurigen Ausführungen, die nur einschüchtern, aber nicht aufklären sollen. Wenn der intelligente Mitarbeiter dann auch noch so schlau ist und dem Boss geschickt zu verstehen gibt, wie er für seinen hervorragenden Einsatz belohnt werden könnte, dann ?kann auch Intelligenz im Büro der Karriere nicht mehr schaden, sondern förderlich sein?, so Sills. Jeder Chef möchte als solcher anerkannt werden. Niemand mag es, wenn seine Arbeit und sein Einsatz über lange Zeit nicht geschätzt werden. Sollte ein Boss allerdings mit voller Absicht die außergewöhnlichen und intelligenten Vorschläge eines smarten Mitarbeiters ausschlagen, so raten die Psychologen unisono: Dann ist es Zeit, den Job zu wechseln und so einen Chef zu verlassen. Denn irgendwo wartet bestimmt ein Schreibtisch, hinter dem ein kluger Kopf sehr willkommen ist.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.06.2006