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Schlager-Queen wird Unternehmerin

Von Mathias Brüggmann, Handelsblatt
Nach den Herzen der Russen will Alla Borisowna Pugatschowa nun auch noch ihre Mägen erobern. Dazu hat Russlands Schlager-Queen ganz Moskau mit Plakaten und Emblemen zugepflastert.
HB MOSKAU. Die von der sowjetischen Schnulzen-Ikone zur ?Bisneswumen?, wie sich Unternehmerinnen in Russland selbstbewusst nennen, mutierte 54-Jährige ?hat das Logo eigenhändig entworfen?, sagt Sergej Saidow, Manager ihres Art-Studios ?Alla". ?Auch die Rezeptur der Chips hat sie selbst überprüft.? Produzieren lässt die Sängerin, die nach allzu offener Präsentation gelifteter Körperteile schon einmal Konzertverbot im moslemischen Kasachstan angedroht bekam, ihre Kartoffelprodukte mit den Geschmacksrichtungen Käse, Salz, Zwiebeln und Sauerrahm in ihrer im Mai 2001 erworbenen Fabrik. Im südrussischen Krymsk hatte sie ein stillgelegtes Werk für Landtechnik- Reparaturen erworben und in eine Fabrik für Kartoffelchips umgerüstet.Täglich laufen inzwischen 400 Kilo Chips von den Bändern der Grande Dame des russischen Schlagers. Bis zu 800 Kilogramm können es werden, wenn ihre Naschereien von den Moskowitern begeistert angenommen werden. Verzehrt werden soll das Kartoffelgebäck am besten beim Fernsehgucken, wo die Schlager-Oma in ihrer ?Star-Fabrik? ? wie Dieter Bohlen in Deutschland ? auf der Suche nach Russlands Superstar ist.

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Privat hat sie ihren Superstar längst gefunden: In dritter Ehe ist sie mit der extravaganten und viele Jahre jüngeren russischen Pop-Ikone Fillip Kirkorow verheiratet, der beim Grand Prix d?Eurovision als schlechtester Sänger Europas glatt durchfiel. Das passierte ihm nun kürzlich auch in der Heimat: ?Fillip hat uns mit seinem Chicago-Musical in Moskau finanziell ruiniert?, klagt die Frau, die in Russland so populär ist wie Madonna im Rest der Welt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kartoffelrösterei statt Tonstudios Statt Tonstudios steht nun also die Kartoffelrösterei im Mittelpunkt von Pugatschowas Leben und soll Geld in die Kasse der Musiker-Familie spülen. Doch Analysten bleiben skeptisch: ?Es macht keinen Sinn, dass sie mit ihrem Namen ins Billig-Segment will und die Tüte Chips zu zehn Rubel anbietet?, urteilt Natalja Sagwosdina über die Verkaufschancen der umgerechnet 30 Cents teuren Magenta-Tüten. Die Konsumgüter-Spezialistin der Moskauer Investmentbank Renaissance Capital hält zudem Allas AB-Logo für ?zu blasiert?. Das passe wie ihr Name besser zu Parfüm oder Edelklamotten, sagt auch Julia Wedmed vom Chips-Konkurrenten Russkij-Produkt. Doch mit Düften ist die Diva schon zu Beginn der 90er-Jahre gescheitert. Ihre ?Alla?-Schuhkollektion hingegen verkauft das Ekonika-Werk seit 1997 mit steigendem Absatz und für mindestens 150 Dollar das Paar.Die Russin, die weder ihr Geburtsdatum noch ihren Geburtsort preisgeben will, arbeitet derweil mit ihrem Mann schon an neuen Ideen: Zu den Kartoffelchips sollen sich alkoholische Getränke gesellen. Während Fillip auf Cognac und Sekt mit seinem Namen setzt, will Alla zu den Knabbersnacks AB-Cocktails aus Alu-Dosen auf den Markt bringen. Das könnte sie dann mit einem alten deutschen Freund und Kollegen gemeinsam machen: Udo Lindenberg, mit dem die Pugatschowa Mitte der 80er-Jahre auf der Bühne stand, entdeckte ebenfalls seine Liebe zu Likören.Und wenn die Pläne der Pugatschowa scheitern sollten? Dann wird sie wohl wieder aufstehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Schlager-Queen scheitert: Vor drei Jahren reichte sie mit viel Pomp ihre Idee (?Mein Land, mein Vaterland?) für eine neue russische Nationalhymne ein. Gewonnen hat am Ende aber die alte Sowjet- Hymne.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.11.2003