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"Schlaft nicht mir euren Professoren..."

Ich nehme an, ich sollte ein paar Worte darüber verlieren, wer ich bin und was ich hier oben überhaupt mache. Ich heiße Bono und bin Rockstar. Ich sage euch das nicht, um anzugeben, sondern als eine Art Geständnis. Denn meiner Meinung nach gibt es nur eins, was noch schlimmer ist als ein Rockstar: nämlich ein Rockstar mit Gewissen (...) / Rede von U2-Sänger Bono vor Harvard-Studenten.
(Rede von U2-Sänger Bono vor Harvard-Studenten)

Ich nehme an, ich sollte ein paar Worte darüber verlieren, wer ich bin und was ich hier oben überhaupt mache. Ich heiße Bono und bin Rockstar.
Ich sage euch das nicht, um anzugeben, sondern als eine Art Geständnis. Denn meiner Meinung nach gibt es nur eins, was noch schlimmer ist als ein Rockstar: nämlich ein Rockstar mit Gewissen - eine Berühmtheit mit einem Anliegen... oh je!

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Und noch schlimmer ist ein Sänger mit Gewissen - ein Transparente schwingender, zu Kurzschlussreaktionen neigender, sympathisierender Aktivist, der einen Lexus fährt und einen Swimmingpool hat, der wie sein Kopf geformt ist.
Ich bin Sänger. Wisst ihr, was ein Sänger ist? Jemand mit einem Loch im Herzen, das so groß ist wie sein Ego. Wenn du 20.000 Leute brauchst, die deinen Namen schreien, um dich gut zu fühlen, dann weißt du, dass du ein Sänger bist

Ich bin Sänger und schreibe Lieder, aber ich bin auch Vater - und zwar vierfacher Vater. Ich mag Hunde. Ich bin ein erklärter Gegner von Süßstoff und glaube eher an Würde als an Karma. Ich rede zuviel, wenn ich besoffen bin und manchmal sogar, wenn ich nüchtern bin.
Jetzt gerade bin ich nicht besoffen. Und das ist keine Sonnenbrille, das ist zum Schutz.
Aber ich muss euch etwas erzählen. Ich verdanke der Rockmusik mehr als meinen verwöhnten Lebensstil. Ich verdanke ihr mein Weltbild. Als Teenager hat mich die Musik aufgeweckt, und sie bewahrt mich immer noch davor, im tröstlichen Bewusstsein meiner Freiheit einzuschlafen.
Rockmusik ist für mich die Musik der Rebellion. Aber eine Rebellion wogegen? In den fünfziger Jahren waren es Verklemmtheit und Doppelmoral. In den Sechzigern waren es der Vietnamkrieg, Rassenunterschiede und soziale Ungerechtigkeit. Wogegen rebellieren wir heute?

Wenn ich ehrlich bin, kämpfe ich gegen meine eigene Gleichgültigkeit an. Ich kämpfe gegen die Vorstellung an, dass die Welt eben so ist wie sie ist und ich so verdammt gar nichts dagegen tun kann. Also versuche ich, verdammt noch mal, doch etwas zu tun.
Aber gegen meine Gleichgültigkeit anzugehen, ist mein eigenes Problem. Was ist euer Problem? Wie sieht das Loch in eurem Herzen aus? Ich habe den Lärm, den Applaus gebraucht. Ihr habt die Noten gebraucht. Warum seid ihr hier auf dem Harvard Square?
Warum müsst ihr mir zuhören? Was habt ihr aufgegeben, um hierher zu kommen? Ist Erfolg die Droge eurer Wahl oder werdet ihr von einer anderen Neugier getrieben? Eurem Potenzial. Dem Potenzial einer bestimmten Situation. Ist es unerträglich für euch, den richtigen Moment zu verpassen? Ist es ein Verbrechen, eine Inspiration zu vergeuden? Für einen Musiker ist es ein Verbrechen

Wenn das der Ort ist, wo unsere Leben einen Reim ergeben, wenn das unsere gemeinsame Basis ist, nun, dann kann ich mich inspiriert und geehrt fühlen, auf diesem großartigen Campus zu sein. Denn genau da komme ich her. Von der Musik.
Aber ich habe die andere Seite der Musik kennen gelernt - das Geschäft. Ich habe Erfolg als Droge kennen gelernt. Ich habe geniale Köpfe und üppige Phantasie sich selbst verschlingen sehen, aufgehängt an ihrer eigenen Aufgeblasenheit. Ich bin einer von denen.
Das Elend, dass alles nach deinem Willen geht, die Einsamkeit, an einem Tisch zu sitzen, an dem alle für dich arbeiten, die Leere, die du fühlst, wenn du mit einer Gulfstream in Aspen ankommst, um eine Weile in deinem Winterpalast zu bleiben. Oh, Entschuldigung - falsche Rede..

Ihr wisst, worüber ich rede - ihr dürft nicht aufhören, euch zu fragen, warum ihr das alles tut. Ihr müsst immer wieder eure Motive überprüfen.
Erfolg für meine Gruppe U2 hervorzuzaubern, war viel einfacher als, sagen wir mal ... Bedeutung. BEDEUTUNG ... in der Welt, im kulturellen Leben.
Und natürlich ist Versagen keine so schlechte Sache... Es ist ein Wort, das nicht viele von euch kennen. Ich bin sicher, dass es genau das ist, was ihr am meisten fürchtet. Aber aus dem Blickwinkel des Künstlers bezieht man aus dem Versagen sein bestes Material.
Also: die Gleichgültigkeit bekämpfen versus einen Unterschied bewirken. Lasst mich ein paar Dinge erzählen, die ihr noch nicht über mich gehört habt, noch nicht einmal im Internet.

Lasst mich euch erzählen, wie ich mich in Harvard eingeschrieben und mit einem Wirtschaftsprofessor geschlafen habe.
Das stimmt - ich wurde vor kurzer Zeit Student in Harvard und kam zu Professor Jeffrey Sachs am Center for International Development, um den Mangel an Entwicklung in den Volkswirtschaften der dritten Welt zu studieren, der auf die alles erdrückende Last alter Schulden zurückzuführen ist, die diese Länder seit Generationen mit sich herumschleppen.
Es stellt sich heraus, dass die normalen Regeln eines Bankrotts nicht für souveräne Staaten gelten. Hört zu, es wäre schwerer für euch, ein Studiendarlehen zu bekommen, als es für Präsident Mobutu war, Milliarden von Dollar auf sein Schweizer Konto zu leiten, während seine Leute am Straßenrand verhungerten. Und zwei Generationen später zahlen die Kongolesen immer noch. Die Schulden der Väter sind jetzt die Schulden der Söhne und Töchter

Also war ich hier und vertrat eine Gruppe, die glaubte, dass alle diese Schulden im Jahr 2000 gestrichen werden sollten. Wir hatten es "Jubilee 2000" getauft. Ein neuer Anfang für ein neues Millennium.
Die Gruppe wurde von Anne Pettifor von London aus geleitet - mit großer Unterstützung aus Afrika. Muhammed Ali, Sir Bob Geldof und ich betätigten uns anfangs nur als Sprachrohr. Damit ging es los. Aber in Amerika hinkten wir noch weit hinterher.
Wir hatten sozusagen die Grundmelodie. Aber um sie in den Staaten auch ins Radio zu bringen, brauchten wir eine Menge Hilfe. Mein Freund Bobby Shriver schlug vor, ich sollte doch bei dem guten Professor an die Tür klopfen. Und dann ist etwas Seltsames passiert. Jeffrey Sachs hat mich nicht nur in sein Büro gelassen. Er hat mir in den vergangenen paar Jahren Zugang zu seinen Kontaktadressen, seinen Gedanken und seinem Leben gewährt. So hat er mich in gewissem Sinne in euer Leben hier in Harvard eingelassen.

Dann haben Sachs und ich uns zusammen mit meinem Freund Bobby Shriver in einer Art surrealem Genrewechsel auf den Weg gemacht. Ein Rockstar, ein Kennedy und ein berühmter Wirtschaftswissenschaftler, die im Zickzack über den Globus reisten wie die Partridge Family auf psychotropen Drogen. Und dazu der Papst als unser...nun ja...Agent. Und die Segenswünsche von allerhand Rabbis, Predigern, Müttern, Vereinigungen, Gewerkschaften und Lehrer-Eltern-Ausschüssen begleiteten uns.
So "unhip" hatte ich mich noch nie gefühlt, aber es war wirklich cool. Und in dieser Eigenschaft habe ich mit Jeff Sachs geschlafen. Jeder von uns auf seinem eigenen Platz auf einem Billigflug irgendwohin, wo wir völlig erschöpft wie ein paar Betrunkene einfach umgekippt waren.
Das war verwirrend für alle Beteiligten - ich blickte vorsichtig auf und sah euren Helden - Bartstoppeln an allen unerdenklichen Stellen... seine Krawatte sah eher aus wie ein Stirnband. Eine Stewardess fragte, ob er ein Mitglied der Gruppe "Grateful Dead" sei.
Ich habe enormen Respekt vor Jeff Sachs. Aber es stimmt wirklich, was sie sagen: "Studenten sollten nicht mit ihren Professoren schlafen...

Und wenn ich schon dabei bin, Betriebsgeheimnisse auszuplaudern, so will ich euch nicht vorenthalten, dass Larry Summers, euer nächster Präsident und der Mann, dessen Unterschrift auf jedem amerikanischen Dollar zu finden ist, ein Irrer ist - und ein Freak.
Seht ihr, U2 ist in Boston groß rausgekommen, nicht in New York oder L.A., also dachte ich, wenn jemand etwas über unsere Existenz wüsste, dann wäre das ein Finanzminister von Harvard (und vom Massachusetts Institute of Technology). Aber nein. Als ich sagte, ich sei von U2, löste das bei ihm Erinnerungen an Kuba 1962 aus.
Wie soll ich sagen? Und kreidet ihm das nicht an - Mister Summers ist, wie mir der ehemalige Präsident Clinton in der vergangenen Woche in Dublin bestätigte, "kulturell überfordert".
Aber als ich ihn bat, von "den Zahlen" aufzublicken, um zu sehen, worüber wir überhaupt sprachen, tat er mehr als das. Er tat das Schwerste von allem für einen Volkswirt - er ignorierte die Zahlen.
Und wenn es für mich hart war, Larry Summers für unsere Anstrengungen zu gewinnen, stellt euch bloß mal vor, wie schwer es für Larry Summers war, den Rest von Washington dazu zu bringen, mit dem Baren rauszurücken. Um wirklich etwas zu bewirken für das Drittel der Welt, das mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen muss

Er hat sich mehr als nur bemüht. Er war leidenschaftlich bei der Sache. Er tauchte in den Büros seiner Widersacher auf. Er tauchte mit mir in Restaurants auf, um den Bedenken seiner republikanischen Gegenspieler entgegenzutreten. Es gibt da ein vornehmes Restaurant in Washington, wo sie uns jetzt nicht mehr reinlassen. So hoch schlugen die Wellen bei seinen Debatten - Blut an den Wänden, Wein im Essig.
Wenn ihr eines Tages zum neuen Präsidenten von Harvard gerufen werdet und er schaut euch von unten herauf an, trommelt mit den Fingern auf den Tisch und zeigt sich generell desinteressiert, dann könnte das der Beginn eines großen Abenteuers sein.
Wie gut, dass ich hierher eingeladen wurde, bevor Präsident Rudenstine die Thronübergabe vornimmt.
Gut, und genau an diesem Punkt muss ich fragen - falls eure Familie das nicht zuerst tut - warum erzähle ich euch diese Geschichten? Sicher nicht, weil ich mich als Vorbild aufspielen will

Ich erzähle euch diese Geschichten, weil der ganze Spaß, den ich mit Jeff Sachs und Larry Summers hatte, im Dienst einer todernsten Sache stand. Als die Menschen rund um die Welt von der Schuldenlast hörten, die die ärmsten Länder erdrückt, als sie hörten, dass für jeden Dollar, den wir als Regierungshilfe an die Entwicklungsländer schickten, neun Dollar als Schuldendienstzahlungen zurückkamen, als sie all das hörten, wurden die Leute sauer.
Sie gingen auf die Straße - in der zweifellos größten Basisbewegung seit der Kampagne zur Beendigung der Apartheid. Politik ist normalerweise, wie ihr wisst, die Kunst des Möglichen. Aber das hier war interessanter. Es wurde zur Kunst des Unmöglichen. Priester stiegen für unsere Sache auf die Kanzel, und Popstars gingen in die Parlamente. Der Papst trug meine Sonnenbrille.
Die religiöse Rechte fing an, sich wie Studentenprotestler aufzuführen. Und schließlich - nach einem Kampf im Plenarsaal des Repräsentantenhauses - bekamen wir das Geld: 435 Millionen. Diese 435 - richtig viel Geld - haben Milliarden mehr aus anderen reichen Ländern losgehebelt.
Wo geht das Geld hin? Nun, bisher ist es 23 der ärmsten Länder gelungen, die manchmal übermäßig strengen Bedingungen zu erfüllen, um ihre Schuldenzahlungen reduziert zu bekommen - und das Geld für die Leute einzusetzen, die es am dringendsten benötigen. In Uganda gehen jetzt zweimal so viele Kinder zur Schule. Das ist gut. In Mosambik sind die Schuldenzahlungen um 42 Prozent gefallen, wodurch die Ausgaben für das Gesundheitswesen um 14 Millionen Dollar erhöht werden konnten. Das ist auch gut. In Mosambik kommt man weit mit 14 Millionen Dollar

Da gibt es noch eine Geschichte über einen bemerkenswerten Mann im ländlichen Uganda namens Doktor Kabira, über den ich euch erzählen will. Im Jahr 1999 starben im Zuständigkeitsbereich von Doktor Kabira hunderte von Kindern an Masern - einer Krankheit, die in Amerika kaum noch vorkommt. Jetzt erhielt er dank der Schuldenerleichterung zusätzlich 6.000 Dollar vom Staat. Genug für ihn, um zwei neue Krankenschwestern einzustellen und zwei neue Fahrräder zu kaufen, so dass sie durch den ganzen Distrikt fahren und die Kinder impfen können. Im vergangenen Jahr waren Masern ein Killer. In diesem Jahr hat Doktor Kabira weniger als zehn Fälle registriert

Ich wollte euch nur zeigen, was wir mit der Hilfe von Harvard auf die Beine gestellt haben - mit der Hilfe von Leuten wie Jeffrey Sachs.
Aber ich bin nicht hier, um anzugeben oder mir Lorbeeren abzuholen oder sie gar zu teilen. Warum bin ich hier? Nun, ich denke, einfach nur, um "Danke" zu sagen. Aber ich denke, ich bin auch hierher gekommen, um euch um eure Hilfe zu bitten. Es ist ein großes Problem. Wir brauchen kluge Leute, die sich damit auseinandersetzen. Ich glaube, das wird der entscheidende Moment unseres Zeitalters. Wenn die Geschichtsbücher (die einige von euch schreiben werden) über unsere Zeit Bilanz ziehen, dann wird man sich an diesen Moment aus zwei Gründen erinnern: dem Internet und dem täglichen Holocaust, der sich in Afrika abspielt. Rund 25 Millionen HIV-Positive, die bis zum Jahr 2010 etwa 40 Millionen Aids-Waisenkinder hinterlassen werden. Das ist die größte Gesundheitsgefahr, seit die Beulenpest ein Drittel von Europa ausgelöscht hat.
Es ist ein untragbares Problem für Afrika, und es ist - wenn wir den Kontinent nicht hermetisch versiegeln und unser Gewissen verschließen wollen - ein untragbares Problem für die Welt. Aber es ist schwer, die Sache zu einem allgemeinen Anliegen zu machen. Es ist schwer, das Problem so zu vermitteln, dass es "klick" macht. Das ist es, was ich versuche, denke ich. So ein "klick" ist oft der Sauerstoff für die Politik

Sind nicht John und Robert Kennedy nach Harvard gekommen? Ist Gleichheit nicht ein Scheißkonzept, wenn man es wirklich durchziehen will? Ist "Liebe deinen Nächsten" im globalen Dorf nicht schrecklich unbequem? GOTT schreibt uns diese Zeilen, aber wir müssen sie singen...müssen sie an die Spitze der Charts bringen. Aber das wird im Radio nicht gespielt, stimmt's? Ich weiß.
Aber wir müssen unsere Ideale durchziehen, oder wir betrügen das, was uns im Innersten eigentlich ausmacht. Außerhalb dieser Tore, und sogar innerhalb, wird die Kultur des Idealismus belagert, bedrängt von Materialismus und Narzissmus und all den anderen "Ismen" der Gleichgültigkeit. Und ihre Verteidigungsmechanismen - Verständnis, das süffisante Lächeln, der Witz. Schlimmer noch - es ist ein Marketing-Werkzeug. Sie setzen sogar Martin Luther King dazu ein, um Telefone zu verkaufen. Habt ihr das gesehen?

Bürgerrechte in Amerika und Europa sind mit den Menschenrechten im Rest der Welt verbunden. Das Recht, wie ein Mensch zu leben. Aber diese Vorstellungen sind teuer - sie werden uns etwas kosten. Und sind wir bereit, den Preis zu zahlen? Ist Amerika immer noch eine großartige Idee und ein großartiges Land?
Als Kind in Dublin habe ich in Ehrfurcht zugeschaut, wie Amerika einen Mann auf den Mond geschossen hat. Ich dachte: "Mann - das ist verrückt! Nichts ist unmöglich in Amerika! Amerika - die können einfach alles da drüben!
Ist das immer noch wahr? Sagt mir, dass es wahr ist. Es ist wahr, stimmtŽ s? Und wenn nicht, dann könnt gerade ihr es wieder wahr machen.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.08.2001