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Schlaflos in Spanien

Von Stefanie Müller
Der traditionell lange Arbeitstag in Spanien drückt die Produktivität. Die Regierung will deshalb die stundenlange Mittagsruhe Siesta abschaffen. Doch die Spanier hängen an diesem Lebenswandel, obwohl er auch gefährliche Nebenwirkungen hat.
Siesta abgeschafft, trotzdem bleiben alle bis 20 Uhr: Sitz der spanischen Großbank Santander Central Hispano in Madrid. Foto: AP
MADRID. Die quirlige Deutsche Alexandra Klein und ihr spanischer Mann Rodrigo arbeiten gegen die Zeit. Statt, wie es in Spanien üblich ist, mittags ausgedehnt auswärts Essen zu gehen und den Arbeitstag erst gegen 20 Uhr zu beenden, arbeitet die Grafikdesignerin, wie sie es aus der Heimat gewohnt ist: von 9 bis 18 Uhr, eine Stunde Mittagspause inklusive.Ganz anders die Spanier: Zwar fangen auch die Madrilenen um neun Uhr mit der Arbeit an. Um 11.30 Uhr aber legen sie erst einmal eine entspannte Frühstückspause von einer halben Stunde ein ? meist in einer nahgelegenen Bar. Und von 14 bis 16 Uhr ist dann Siesta ? das bedeutet in Spanien: Nichts geht mehr. Viele Unternehmen machen sogar bis 17 Uhr dicht, die Geschäfte noch länger. In dieser Zeit ist in den Firmen in der Regel niemand zu erreichen.

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Die 36-jährige Alexandra Klein konnte ihren Tag nur gegen den Strom gestalten, weil sie bei der Werbeagentur Nexst ihre eigene Chefin ist, und der Laden auch mit diesen Zeiten sehr gut läuft: ?Die Kunden haben sich darauf eingerichtet.? Aber vielleicht ist das Arbeitsmodell der zweifachen Mutter demnächst schon keine Ausnahme mehr in Spanien.Denn die Siesta steht auf der Streichliste. Wie die Regierung hat auch der spanische Unternehmerverband Circulo de Empresarios in einem Bericht den Zusammenhang von ausgedehnten Arbeitszeiten und Wettbewerbsverlust angeprangert. Zurecht: Spanien kommt zwar, wie eine Studie der OECD zeigt, auf eine durchschnittliche Arbeitszeit von 1 744 Stunden pro Arbeitnehmer im Jahr ? Deutschland auf 1 443. Aber bei der Produktivität bildet das Land das Schlusslicht der Europäischen Union. Beim Bruttoinlandsprodukt pro Stunde erreicht Spanien nur 79 Prozent der Produktivität der USA, Deutschland kommt immerhin auf 91 Prozent. Auch EU-Kommissar Joaquín Almunia warnt sein Land: ?Wir können hier nicht wie auf einer Insel leben und müssen unsere Arbeitszeiten denen in Nordeuropa anpassen.?Der Deutsche Volkhard Loeffler, Geschäftsführer des Schaumstoffherstellers Trocellen in Spanien, beweist, dass es anders geht. In seiner Fabrik in Madrid praktiziert er bereits seit langem den Arbeitstag ohne ausgedehnte Siesta. Die Verwaltung arbeitet nur bis etwa 17 Uhr, die Produktion in einer Acht-Stunden-Schicht. Von langen dreigängigen Mittagessen, wo auch noch Geschäfte gemacht werden und viel Wein getrunken wird, hält sich Loeffler fern: ?Danach kann doch keiner mehr klar denken.? Gerade im Sommer, bei Temperaturen um die 40 Grad Celsius, lässt die Produktivität nach dem Essen drastisch nach.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Spanier sind schlichtweg dauerübermüdet.Aber nicht überall funktioniert das preußische Arbeitsmodell so gut wie bei Klein und Loeffler. Die größte Bank des Landes, die Banco Santander Central Hispano (SCH), hat ihren Sitz an den Rand von Madrid verlegt und dort eine eigene Firmenstadt mit Restaurants und Geschäften gegründet ? fernab der Siesta-Zivilisation. Erklärtes Ziel: Die Mitarbeiter sollen in der Abgeschiedenheit kürzere Pausen machen, effizienter arbeiten und den Wunsch haben, eher nach Hause zu gehen. Das Ergebnis: ?Wir essen jetzt zwar in einer Stunde, bleiben aber trotzdem fast alle bis 20 Uhr hier. Letztendlich arbeiten wir noch mehr als vorher. Das steckt irgendwie so in einem drin?, erzählt ein Bank-Mitarbeiter, der nicht genannt werden möchte.Dieser Lebenswandel hat gefährliche Nebenwirkungen. Pere Navarro von der spanischen Verkehrswacht Dirección General de Trafico (DGT) sieht ihn als Hauptursache für die rund 2 500 Verkehrstoten im Jahr. Damit nimmt Spanien EU-weit pro Einwohner den traurigen ersten Platz ein: ?Bei den Unfällen spielt Übermüdung oder Alkohol fast immer eine Rolle. Und das steht in direktem Zusammenhang mit unserer anstrengenden Lebens- und Arbeitsweise.? Denn für eine Siesta mit einen erholsamen Mittagsschläfchen ? dafür bleibt den meisten Spaniern wegen der langen Anfahrtswege kaum noch Zeit.Weil sie durch diesen langen Arbeitstag oft erst um 22 Uhr zu Abend essen und vor Mitternacht nicht zu Bett gehen, sind die wenigsten morgens ausgeschlafen. Auch die hohe Zahl an Arbeitsunfällen in Spanien sowie die steigende Aggressivität im Alltag sieht der Unternehmerverband Circulo de Empresarios in engem Zusammenhang mit dem anstrengendem Arbeitstag. Die Spanier sind schlichtweg dauerübermüdet.Aber 34-jährige Arturo Baldesano, Chef des Madrider Büros der Landesbank Baden-Württemberg, bezweifelt, dass sich in den kommenden Jahren wirklich etwas am Arbeitsrhythmus in seinem Land ändern wird ? trotz aller Bemühungen der spanischen Regierung. Denn der Spanier sind es einfach gewohnt, auch beim Arbeiten das Leben zu genießen. ?Und dazu gehört einfach auch das lange Mittagessen, das Frühstück mit den Kollegen. Und in den Pausen tauscht man sich über Fußball und die Familie aus.? Auch der Spanier Eduardo Montes, der jetzt als Vorstand für die Kommunikationssparte von Siemens in München zuständig ist, weiß das Persönliche im heimischen Arbeitsalltag zu schätzen: ?Es macht am Ende des Tages zufriedener.?
Dieser Artikel ist erschienen am 18.06.2006