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Schlaflos in Johannesburg

Von Wolfgang Drechsler
Der südafrikanische Transportkonzern Transnet ist ein klobiger Gigant. Maria Ramos muss ihn wieder anscheiben. Dabei hilft der zierlichen Managerin ihre Souveränität und Ausdauer - und ihr geringes Schlafpensum. Ein Portrait.
Maria Ramos, geboren 1959 in Lissabon. Bild: bachmann-illustration.de
JOHANNESBURG. Der Mann regt sich mächtig auf. Er hat Business-Class gebucht. Und nun ist sein Sitz wegen eines Computerfehlers an einen anderen Passagier vergeben. Als die Lage auf dem Flug der South African Airways (SAA) von Johannesburg nach Kapstadt eskaliert, erhebt sich eine Dame. Sie bietet dem verärgerten Fluggast ihren Platz an und weicht selbst auf einen Notsitz im Cockpit aus.Die hilfsbereite Frau ist nicht irgendein Passagier. Maria Ramos ist die Chefin des südafrikanischen Transportkonzerns Transnet, zu dem damals auch die SAA gehört. ?Der Passagier war zu Recht wütend?, sagt sie später. ?Unsere Kunden verdienen eine gute Behandlung? ? und sie geht mit gutem Beispiel voran.

Die besten Jobs von allen

Maria Ramos muss den klobigen Transportriesen Transnet wieder in Fahrt bringen. Denn zumindest nach südafrikanischem Maßstab ist Transnet mit seinen über 70 000 Angestellten ein echter Gigant ? und das Herzstück der Wirtschaft. Beinahe nichts bewegt sich am Kap ohne Beteiligung des Konzerns: Transnet betreibt fast alle Güter-, Passagier- und Nahverkehrszüge, transportiert Benzin, Gas und Kohle und kontrolliert Südafrikas Häfen.Wegen seiner sperrigen Bürokratie befand sich Transnet lange Zeit in einem scheinbar unaufhaltsamen Niedergang: das Schienennetz zerfiel, die Umschlagzeiten in den verstopften Häfen stiegen, und die Schuldenlast explodierte. Dass die Vorstandschefs deshalb in Johannesburg fast im Jahrestakt wechselten, konnte die 49-jährige Maria Ramos aber nicht schrecken.Im Gegenteil: Die von Freunden als Adrenalinjunkie beschriebene Portugiesin liebt echte Herausforderungen. ?Ich bin immer ein Problemlöser gewesen?, sagt sie. ?Das liegt mir mehr als die Führung eines gut geölten Unternehmens.?Und so geht es dank Maria Ramos auch bei Transnet wieder aufwärts: Das Güteraufkommen auf der Schiene ist erstmals wieder gestiegen. Und der Hafen in Durban hat den Containerumschlag mehr als verdoppelt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Feuertaufe im FinanzministeriumDer Erfolg bescherte ihr im vergangenen Jahr Platz 14 auf der Liste der mächtigsten Frauen weltweit im Magazin ?Fortune?. Keine schlechte Leistung für die Immigrantentochter, die aus einer Arbeiterfamilie stammt und sich vom Bankschalter in Johannesburg bis zum Chefposten bei Transnet vorkämpfte.Die Feuertaufe für ihren heutigen Job absolviert sie zwischen 1995 und 2004 im Finanzministerium. Dort nimmt sie entscheidenden Einfluss auf die Finanzpolitik des Landes ? zunächst als Vizedirektorin und ab 1996 als Direktorin des Ministeriums. Zusammen mit Finanzminister Trevor Manuel entwirft sie die monetären Richtlinien, die dazu beitrugen, dass die skeptischen Finanzmärkte früher als erwartet Zutrauen zur neuen Regierung fassen.Besonders leicht ist der Umbau des Finanzministeriums gewiss nicht. ?Niemand?, sagt sie, ?schien sich damals um das riesige Defizit, geschweige denn die schludrige Arbeitsweise zu scheren.? Sie greift hart durch: Briefe mit zu vielen Schreibfehlern schickt sie an die Verfasser zurück ? und auch die geregelten Arbeitszeiten sind passé.?Ich war die erste Frau, die damals ins Finanzministerium spazierte?, erinnert sie sich. ?Zuvor arbeiteten dort nur weiße Männer, die eine feste Routine kannten. Viele konnten es nicht glauben, plötzlich Anweisungen von einer Frau zu bekommen.? Aber Ramos setzt sich durch: In nur wenigen Jahren verwandelt sie das Budgetdefizit in einen Überschuss.Dass ihr Wechsel zu Transnet Anfang 2004 dennoch keine Lücke reißt, liegt daran, dass Ramos bei jedem Job ein starkes Team um sich schart. ?Führungsstärke bedeutet, sich mit klugen Leuten zu umgeben?, sagt sie. ?Dazu kommt eine Bereitschaft, harte Entscheidungen zu fällen und nicht leicht einzuknicken?. In dieser Ausdauer liegt nach Ansicht von Freunden auch Ramos? eigene Stärke. Hinzu kommt eine große Souveränität und Gelassenheit. Nichts scheint die eher kleine Frau, die gerne einen dunklen Hosenanzug und hochhackige Schuhe trägt, bei Liveauftritten aus der Ruhe zu bringen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zwei Taschen Arbeit, vier Stunden SchlafIhre feminine Erscheinung verdeckt leicht jene Entschlossenheit, die sie nicht überall populär macht. Sie selbst gibt zu, bisweilen sehr direkt, ja womöglich aggressiv zu sein. ?Ich rede für gewöhnlich Klartext?, sagt sie. Dies erklärt, warum die Regierung ausgerechnet ihr die Führung des zerrütteten Transportkonzerns übertragen hat.Ihr Durchsetzungsvermögen erklären Insider mit ihrer einfachen Herkunft. Ramos wird 1959 als älteste von vier Schwestern in Lissabon geboren. Ihr Vater ist Maurer. Die Familie emigriert Mitte der sechziger Jahre in die südafrikanische Kleinstadt Vereeniging bei Johannesburg, wo es schnell bergauf geht: Die drei Schwestern sind heute Bankerin, Ärztin und Geologin. ?Meine Eltern schärften uns frühzeitig ein, so selbstständig wie möglich zu sein?, sagt die Transnet-Chefin.Da Maria wegen Geldmangels zunächst nicht studieren kann, beginnt sie mit 19 Jahren bei Barclays in Johannesburg eine Banklehre. Sie bewirbt sich um ein Stipendium der Bank für ein Universitätsstudium. Doch sie erfährt, dass Frauen nicht genommen werden. Ein neuer Kampf beginnt. Sie schafft es schließlich doch und beginnt nach ihrem Bankexamen 1984 ein Wirtschaftsstudium an der Universität Witwatersrand in Johannesburg. In Südafrika liegt die Apartheid damals in den letzten Zügen, die Luft knistert vor politischer Spannung. Ohne sich politisch stärker zu engagieren, kommt sie an der Universität mit Anhängern des damals noch verbotenen ANC in Kontakt. Dank ihrer Finanzerfahrung wird sie nach der Wiederzulassung des ANC engagiert, um dessen Wirtschaftsabteilung aufzubauen. Danach arbeitet sie im Finanzministerium.Enge Freunde beschreiben sie oft als eine ruhige, ernsthafte Frau. Kollegen loben sie als jemanden, mit dem sich leicht arbeiten lässt. Beide Gruppen bezeichnen sie als Workaholic, der nicht selten zwei Taschen Arbeit mit nach Hause schleppt und mit nur vier Stunden Schlaf auskommt ? schlaflos in Johannesburg. Über ihr Privatleben schweigt sie. Es ist aber bekannt, dass sie mit Finanzminister Trevor Manuel liiert ist.In einem Interview vor ein paar Jahren sagte Maria Ramos einmal, dass sie Kinder zwar mag, aber selber keine wolle. Entsprechend empört zeigte sie sich, als sie erfuhr, dass manche Arbeitgeber Frauen in Jobinterviews nach ihren Kinderplänen befragen: ?Männern werden solche Fragen doch auch nicht gestellt.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Alles über Transnet und dessen ChefinTransnetDie Managerin1959 Maria Ramos wird in Lissabon als älteste von vier Töchtern eines Maurers geboren.1966 Die Familie wandert aus Portugal ins südafrikanische Vereeniging aus, wo Maria auch zur Schule geht.1978 Sie beginnt eine Banklehre bei Barclays in Johannesburg.1984 Maria Ramos nimmt ein Wirtschaftsstudium an der Universität Witwatersrand auf und hat erste Kontakte zur Widerstandsbewegung ANC.1987 Sie beendet ihr erstes Studium und studiert an der London School of Economics.1990 Ramos kehrt nach Südafrika zurück und baut die Wirtschaftsabteilung des ANC auf.1995 Sie wird zunächst Vizedirektorin und dann 1996 Direktorin im südafrikanischen Finanzministerium.2004 Sie wird Chief Executive Officer (CEO) des südafrikanischen Konzerns Transnet.Das UnternehmenTransnet ist Südafrikas staatlicher Transportgigant und das Kernstück seiner Wirtschaft. Fast nichts bewegt sich am Kap ohne Beteiligung des Konzerns: Mit über 70 000 Angestellten zählt Transnet zu den größten Unternehmen des Landes.Nach langen Jahren des Niedergangs zeichnet sich nun eine leichte Erholung des Konzerns ab: So hat sich das Güteraufkommen auf der Schiene zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder erhöht. Während der Umsatz für die sechs Monate bis September 2007 um elf Prozent auf 15,7 Milliarden Rand stieg, lag der Gewinn bei 2,5 Milliarden Rand. Nach der Ausgliederung der defizitären staatlichen Fluggesellschaft SAA will sich Transnet fortan ganz auf sein Kerngeschäft Bahn (Freight Rail; früher: Spoornet), Häfen (Portnet) sowie Pipelines konzentrieren. Zu diesem Zweck sollen in den nächsten fünf Jahren rund 78 Milliarden Rand in die lange vernachlässigte Infrastruktur investiert werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.02.2008