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Scheurle zwischen den Stühlen

Von Gregory Lipinski
Der Ex-Präsident der Regulierungsbehörde kandidiert für den Freenet-Aufsichtsrat. Dabei könnte er mit den Regeln der sauberen Unternehmensführung in Konflikt geraten.
Der 49-Jährige soll zum 1. Juli in den Aufsichtsrat des börsennotierten Hamburger Onlinedienstes Freenet rücken. Das Kontrollgremium der Mobilcom-Tochter hat einen entsprechenden Antrag an die Hauptversammlung am 9. Juni gestellt. Scheurle solle Gerhard Picot ersetzen, der sein Amt als Aufsichtsrat zum 30. Juni niederlegt, sagte eine Freenet-Sprecherin.Pikant daran ist, dass Scheurle bereits im Aufsichtsrat des Karlsruher Internetportals Web.de sitzt ? einem Freenet-Wettbewerber. Sowohl Freenet als auch Web.de haben sich dem Corporate-Governance-Kodex unterworfen. Das Regelwerk verlangt unter anderem, das Aufsichtsratsmitglieder ?keine Organfunktion oder beratende Tätigkeit bei wesentlichen Wettbewerbern? ausüben sollten. Eine Empfehlung zwar nur, aber Aktiengesellschaften müssten Verstöße im Geschäftsbericht aufzeigen. ?Mir wäre es sogar am liebsten, eine solche Doppelung wäre verboten?, sagt Theodor Baums, der für die Bundesregierung eine Corporate-Governance-Kommission geleitet hatte. Zwei Firmen seien spätestens dann wesentliche Wettbewerber, wenn sich ihre Produktpaletten um etwa 20 % überlappten. Durch die Empfehlung im Kodex sollen Interessenkonflikte vermieden werden.

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Freenet und Web.de sehen keine ProblemeEine Freenet-Sprecherin sagte, dass es durch die Berufung Scheurles zu keinem Interessenkonflikt kommen könne. Schließlich seien die Aufsichtsratsmitglieder ?innerhalb ihres Mandats zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet?.Auch bei Web.de sähe man durch ein Doppelmandat Scheurles keine Probleme. Ein Sprecher des Karlsruher Portaldienstes sagte, Freenet und Web.de hätten unterschiedliche Geschäftsmodelle. Freenet sei ein Internetservice-Provider, der nur über ein kleines Portalgeschäft verfüge. Web.de sei hingegen vor allem ein Internet-Portalanbieter.Scheurle, inzwischen Managing Director der Credit Suisse First Boston in Frankfurt, blieb gestern wortkarg. Zu dem Doppelsitz kamen ihm lediglich zwei Worte über die Lippen. ?Kein Kommentar.?
Dieser Artikel ist erschienen am 13.05.2004