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Scheues Wild

Frank Pollack
Foto: Horst Larog
Das richtige Personal ins Visier zu bekommen, ist für jedes Startup eine Herausforderung. Vor allem erfahrene Manager fehlen.
Mit Sicherheit ist der Chefposten bei Covisint.com einer der spannendsten Jobs, den die Internet-Branche zu vergeben hat. Immerhin peilt das von Daimler-Chrysler, Ford und General Motors initiierte Startup ein Handelsvolumen von bis zu einer Billion Dollar an. Künftig soll die Automobilindustrie über den Marktplatz Covisint ihren Handel abwickeln.

Doch während die erste Version des angehenden B2B-Marktplatzes ? B2B steht für Business to Business, also Geschäfte zwischen Unternehmen ? schon im Internet läuft, ist der Sessel des Vorstandsvorsitzenden seit einem Jahr unbesetzt. ?Der erste Wurf muss ins Schwarze treffen?, erklärt Wolfgang Scheunemann, Pressesprecher bei Daimler-Chrysler, ?selbst wenn das Zeit braucht.?

Die besten Jobs von allen


Sicherheit geht vor Freiheit

Zeit brauchen Startups für die Suche nach Managern in der Tat. Denn Covisint ist nur das prominenteste Beispiel für einen Trend in der Internet-Wirtschaft, den auch die Managementberatung Egon Zehnder International beobachtet: ?Junge Unternehmen müssen heute wesentlich härtere Überzeugungsarbeit leisten, um Spitzenkräfte für sich zu gewinnen?, sagt Wilhelm Friedrich Boyens, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Zehnder in Deutschland.

uch der Kehraus am Neuen Markt und die damit verbundenen Entlassungen werden der angespannten Personalsituation nach Überzeugung von Kerstin Karuschkat auf absehbare Zeit keine spürbare Entlastung bringen. ?Nicht nur die Aktionäre sind kritischer geworden, seit in den ersten Startups die Lichter ausgingen?, sagt die Chefin der 3k-Personalberatung in Sankt Augustin bei Bonn. ?Auch die Beschäftigten ziehen immer häufiger die Sicherheit eines etablierten Konzerns den mitunter nur scheinbar größeren Freiheiten in einem jungen Unternehmen vor.?

Dem stimmt Ralf Schoen, Chef der Düsseldorfer Unternehmensberatung Schoen + Company, zu: ?Die Old Economy, vor einem Jahr noch in der Defensive, bietet Wechselwilligen und Unzufriedenen mittlerweile oft die attraktiveren Jobs, zum Beispiel in eigenen Startups.? Dies tut den jungen Unternehmen der New Economy umso mehr weh, als sie zunehmend erkennt, dass auch die besten Ideen ohne solides Vertriebs-Know-how, ohne klare interne Strukturen und ein solides Controlling wertlos sind.

Unwillkommene Trittbrettfahrer

Auf der anderen Seite versuchen offenbar immer mehr Bewerber, die gar nicht über die notwendigen Qualifikationen verfügen, auf die vermeintliche Konjunkturlokomotive Internet-Wirtschaft aufzuspringen. Diese Erfahrung hat zumindest Philipp Gaschütz gemacýt, der für den englischen Internet-Serviceprovider Corpex das Geschäft in Deutschland aufbaut. Als der Geschäftsführer über Online-Jobbörsen die Stelle eines Vertriebsleiters annoncierte, erhielt er zwar über 70 Zusendungen. ?Doch zwei Drittel davon waren unbrauchbar?, so Gaschütz. ?Sogar ein Baggerfahrer mit Hauptschulabschluss wollte sich um den Posten bewerben.?

Den sechs Gründern von Efoodmanager.com war von Anfang an klar, ?dass wir die Führung nach einer erfolgreichen Anfangsphase in erfahrenere Hände legen müssen?. Das berichtet Jan Stenger, Mitgründer und ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Düsseldorfer B2B-Börse für die Lebensmittelwirtschaft. Im Oktober 2000 räumte er den Chefsessel für Joel Oberman. Der 47-jährige Amerikaner hatte schon während seines MBA-Studiums in Harvard mehrere Unternehmen mitgegründet, hatte Führungspositionen bei Atari bekleidet und für Kellogg?s zuletzt das Geschäft in Italien und Griechenland aufgebaut. Nach einigen intensiven Gesprächen waren Vorstand und Aufsichtsrat überzeugt: ?Der Mann ist unser Sechser im Lotto?, so Hegner.

Professionelle Kopfjäger

Sieben Monate hatten die Initiatoren von Efoodmanager nach der Idealbesetzung für den Vorstandschef gefahndet. ?Gemessen an unseren Wünschen war das keine große Zeitspanne?, findet Björn Hegner, Mitbegründer und Marketing-Vorstand. ?Immerhin suchten wir einen Top-Manager aus dem europäischen Lebensmittelgeschäft, der mit Informationstechnologien und dem elektronischen Handel vertraut sein, Gründergeist mitbringen und, natürlich, ins Team passen sollte.? Ihren Traumkandidaten fanden sie schließlich über eine Headhunting-Agentur.

Der Corpex-Geschäftsführer Gaschütz hat die Zusammenarbeit mit Headhuntern dagegen nach den ersten Kontakten abgebrochen. ?Anzahlungen von 10.000 Mark und mehr bei Auftragserteilung ohne jede verbindliche Gegenleistung, solche Konditionen sind für uns schlicht inakzeptabel?, moniert der Chef des derzeit sechsköpfigen Unternehmens.

Auch Werner Dreesbach, Senior Principal bei der Wagniskapitalgesellschaft Atlas Venture in München, nennt das Business-Modell der deutschen Headhunter ?zu altersstarr für die New Economy?. Zum einen seien die Honorare zu hoch für die meisten Startups, zum anderen fehle die Erfolgsorientierung.

Wenn zum Beispiel in der Aufbauphase ganze Teams gesucht werden, favorisiert Dreesbach ein Stufenmodell, wie es in den USA üblich ist: ?Die ersten drei von zwölf Leuten dürfen gar nichts kosten, denn ein Viertelteam ist kein Team. Die vierte bis achte Besetzung könnte mit 30 Prozent vom Jahresgehalt honoriert werden und Nummer neun bis zwölf sogar mit 100 Prozent. Denn dann hat der Headhunter seinen Job gut gemacht.? Bislang fand Dreesbach in Deutschland keinen Partner, der dieses Modell akzeptierte.

Kerstin Karuschkat von 3k könnte sich damit anfreunden: ?Wenn wir einzelne Führungskräfte oder Mitarbeiter rekrutieren, berechnen wir im Erfolgsfall 30 Prozent vom Jahresgehalt wie üblich. Wünscht ein Kunde jedoch ein Team, dann ist das Gesamtpaket verhandelbar.? Für Unamite.com, einen IT-Ableger von Accenture (ehemals Andersen Consulting), stellte 3k zum Beispiel innerhalb von sechs Monaten nahezu die gesamte
130-köpfige Programmierer-Mannschaft zusammen. ?Bezahlt wurde im Wesentlichen nach Zeitaufwand?, bestätigt Thomas Sauerlaender, Marketing-Vorstand bei Unamite.

Philipp Gaschütz hat sich damit abgefunden, dass die Suche nach seinem künftigen Verkaufsleiter längere Zeit in Anspruch nehmen wird. ?Der Aufbau des Vertriebssystems kann aber unmöglich warten?, erklärt der Corpex-Geschäftsführer. Den Ausweg aus seinem Dilemma fand er in Gestalt der Management Angels, einer Agentur, die Interimsmanager speziell an Computer- und Internet-Firmen vermittelt.

Aus einem Pool von über 100 freiberuflichen Managern können wir unseren Kunden für nahezu jede Aufgabe den geeigneten Spezialisten anbieten, ob es nun um Produktentwicklung oder Controlling, um eine Unternehmensgründung oder Umstrukturierungen geht?, erklärt der Agentur-Mitinhaber Christoph Pech. ?Jeder der ,Angels? verfügt über mehrjährige Praxiserfahrung und kann ohne lange Einarbeitung sofort in die Aufgaben einsteigen.?

Die Manager arbeiten auf eigene Rechnung und kosten zwischen 15.000 und 35.000 Mark im Monat. Gaschütz ist von dem Service begeistert: ?Innerhalb von zwei Wochen bekam ich einen Personalvorschlag. Schon in dem daraufhin vereinbarten Gespräch mit dem Interimsmanager wusste ich: Das ist genau der, nach dem ich vorher drei Monate vergeblich gesucht hatte.? Getroffen hatte Gaschütz die Management Angels auf einer Hamburger Szeneveranstaltung.

Hilfe aus dem Netzwerk

Ohnehin bieten solche Veranstaltungen und persönliche Netzwerke die wohl größte Chance, langfristig Außenstehende für ein Startup zu gewinnen. So wechselte Achim Berg, ehemaliger Deutschland-Geschäftsführer von Siemens-Fujitsu, zum Internet-Dienstleister Guideguide AG in Rolandseck bei Bonn, nachdem ein Investor ihn mit Gründer Michael Hecken bekannt gemacht hatte. ?Wir haben uns vom ersten Gespräch an so hervorragend verstanden, dass ich ihm spontan meinen CEO-Posten angeboten habe?, berichtet Hecken. ?Ich wusste, das ist der richtige Mann für das Massengeschäft, das wir gerade angehen. Und Berg nahm an.?

Die Initiatoren des Internet-Riesen .Covisint wollen dagegen bei der Suche nach einem neuen Chef nicht zu stark auf die eigenen Netzwerke zurückgreifen. Wie Wolfgang Scheunemann, Pressesprecher bei Daimler-Chrysler, berichtet, sind sich alle beteiligten Unternehmen einig: ?Es soll kein Manager aus den eigenen Reihen sein.?
Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2001