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Schatzsucher in der Provinz

Jamie Mitchell
Es muss nicht Silicon Valley sein: Eine neue Generation von Risikokapitalgebern sucht in ländlichen Regionen nach lukrativen jungen Unternehmen. Aber kann ein High-Tech Startup abseits der Zentren überhaupt erfolgreich sein?
Die Suche nach Goldadern treibt eine neue Generation von Risikokapitalgebern aufs Land - in Gegenden, in die sich andere Vertreter ihrer Branche nie verirren würden. Firmen wie die deutsche Vision-Kapital oder die britische Axiomlab konzentrieren sich auf regionale Investitionen - in der Hoffnung, junge Unternehmen zu finden, die noch unentdeckt sind.

Ohne Zweifel stöbern diese Investoren einige interessante Geschäftsideen auf. Trotzdem ist es für junge Unternehmen nicht leicht, sich außerhalb der typischen Hochtechnologie-Zentren wie Silicon Valley, München oder London zu bewähren.

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Axiomlab zum Beispiel hat erst vor kurzem eine weitere Finanzierungsrunde über zwölf Millionen Pfund abgeschlossen mit dem Ziel, in frisch gegründete Firmen in Leeds, Bradford, Harrogate, Sheffield und Wetherby zu investieren. Zwar sind diese Städte nicht dafür bekannt, dass sich dort die Hochtechnologie-Branche konzentriert. Aber Axiomlab-Geschäftsführer Fred Mendelsohn ist überzeugt, dass er in der Provinz Chancen aufspüren kann, die anderen Wagniskapitalgebern entgehen, dabei zu einem guten Preis investieren und - theoretisch - eine überragende Rendite erwirtschaften kann.

Die deutsche Vision-Kapital arbeitet unter ähnlichen Voraussetzungen. Die Sparkassen-Tochter soll sich ausschließlich auf Startups in Bonn und Umgebung konzentrieren. Laut Reuben Bach von Vision Kapital kommen viele ihrer Abschlüsse über Banken vor Ort zustande. Und da sie den Unternehmen räumlich so nahe sind, können sie Unterstützung gewähren, die andere nicht geben könnten.

Allerdings sitzen die meisten Neugründungen heute in Hochtechnologie-Zentren. Dort haben sie Zugriff auf alle Dienstleistungen, dort sind sie umgeben von dem Kapital und den Talenten, die sie brauchen. Bevor die New Economy an Schwung gewann, hat Europa oft sehnsüchtig nach Silicon Valley geblickt. Was war das für ein magischer Ort, der jeden Tag neue Unternehmen hervorbrachte, wo Kreativität und finanzieller Erfolg gezüchtet wurden und wo sich jeder Unternehmer niederlassen wollte?

Auch heute noch ist Silicon Valley der Nährboden für High-Tech-Firmen. Nicht, weil das Wetter dort so schön ist, sondern wegen der Synergie-Effekte. Junge Unternehmen wachsen an dem innovativen Geist, am Wettbewerb mit anderen Firmen und an dem Kontakt zu Nachbarn. Sie profitieren auch von den risikobereiten örtlichen Banken und davon, dass sich Spezialisten aller Art angesiedelt haben.

Solche Zentren sind ein natürlicher Bestandteil der Industrie, nicht nur ein Phänomen der New Economy. Die Wahrscheinlichkeit ist viel höher, eine Fondsgesellschaft der Weltklasse in Boston aufzubauen, oder Unternehmen, die leistungsstarke Autos herstellen, in Süddeutschland und Firmen, die modische Schuhe produzieren, in Norditalien zu finden. Das bedeutet allerdings nicht, dass Firmen der Hochtechnologie nicht auch außerhalb dieser Zentren überleben können.

Einen entscheidenden Vorteil hat die Provinz für junge Unternehmen: Die Kosten sind niedriger. Für Miete und Löhne bezahlen Unternehmer in dünn besiedelten Gebieten bedeutend weniger. Aber auch andere Faktoren machen die Provinz attraktiv: Die Fluktuation der Mitarbeiter ist oft viel geringer, da die Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber höher und der Wunsch, den Arbeitsplatz zu wechseln, weniger ausgeprägt ist. Und schließlich kann für ein junges Unternehmen in der Anfangsphase, in der es sich eher bedeckt halten möchte, die hohe Markttransparenz eines Silicon Valley auf Strategien und Pläne zerstörerisch wirken.

Außerdem gibt es in Deutschland ausgezeichnete Universitäten außerhalb der Metropolen: Die Maschinenbauschulen in Aachen, Darmstadt und Karlsruhe zum Beispiel. Hochtechnologie-Zentren entstehen oft rund um erfolgreiche akademische Institute wie etwa Stanford in Amerika und Cambridge in England. Deutschland blickt zudem auf eine Tradition von klein- und mittelständischen Unternehmen zurück, die in den ländlichen Regionen verstreut sind. Kleine deutsche Maschinenbaufirmen werden von aller Welt beneidet. Die Welt der Hochtechnologie scheint allerdings doch anders zu funktionieren. Fast zwei Drittel der deutschen Startups - und ein sogar noch höherer Prozentsatz an Wagniskapital - sitzen in München.

Was entgeht einer High-Tech-Neugründung, wenn sie sich außerhalb eines Zentrums niederlässt? Zum Beispiel sind Anwälte, die mit dem Gründungsprozess junger Unternehmen vertraut sind, nicht leicht zu finden. Die örtlichen Banken sind oft nicht flexibel genug, um den Bedürfnissen von Startups gerecht zu werden. Auch Vertriebs-Netzwerke gibt es eher in München als auf dem platten Land. Dennoch: Ein guter Risikokapitalgeber - und sowohl Axiomlab als auch Vision-Kapital haben das erkannt - gleicht die Mängel in den Regionen über eigene Netzwerke aus.

Am dramatischsten versagt die Provinz allerdings darin, die Anforderungen junger Hochtechnologie-Unternehmen an berufliches Know-how zu erfüllen - sowohl im unternehmerischen wie auch im Führungsbereich. Achtzig Prozent der Startups leben oder sterben mit dem Talent ihrer Mitarbeiter - und die sind seltener außerhalb von High-Tech-Zentren zu finden.

Regionale Risikokapitalgeber haben die Möglichkeit, zu großartigen Preisen in einmalige Geschäftsideen zu investieren. Sie mögen auch in der Lage sein, die nötige Netzwerk-Unterstützung und die finanzielle Beratung beizusteuern. Aber da die Talentpools sich an anderer Stelle konzentrieren, werden diese Unternehmen es schwerer haben, wenn sie die Ciscos und Microsofts von morgen werden wollen.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.08.2001