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Schatten über Omaha

Von Tobias Moerschen, Handelsblatt
Mehrere Behörden ermitteln gegen fragwürdige Geschäfte der Holdinggesellschaft Berkshire-Versicherungssparte von Warren Buffet. Der sonst so offene Star-Investor geht bei der Hauptversammlung von Berkshire Hathaway galant über die Probleme im eigenen Haus hinweg.
Multimilliardär Warren Buffett steht in der Kritik. Foto: dpa
OMAHA. Die Konzerthalle ist prall gefüllt. Mehr als 20 000 Augenpaare starren im Halbdunkel zur Bühne, wo jetzt die beiden Stars hinter dem schwarzen Vorhang auftauchen. Applaus für Multimilliardär Warren Buffett und seinen langjährigen Freund Charlie Munger. Während der zweitreichste Mann der Erde und sein Stellvertreter sich an den kleinen Tisch auf der Bühne setzen, steigt die Spannung.Denn in diesem Jahr liegt ein Schatten auf der Hauptversammlung von Buffetts Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway: Mehrere Behörden ermitteln gegen fragwürdige Geschäfte der Berkshire-Versicherungssparte. Wie reagiert der Star-Investor und bislang vorbildhafte Manager darauf?

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Er weicht aus. ?Sie werden verstehen, dass ich zu laufenden Ermittlungen keine detaillierten Angaben machen kann?, wiegelt Buffett zum Auftakt des Aktionärstreffens am vergangenen Samstag ab. Zugegeben: Es wäre unklug, sich selbst zu belasten oder die Behörden zu verärgern, indem man sensible Informationen ausplaudert. Doch Buffetts Zurückhaltung in eigener Sache bildet einen scharfen Kontrast zur Offenheit, mit der er andere kritisiert. Von korrupten Managern über verblendete Internet-Investoren bis zu gierigen Bankern haben alle ihr Fett von Buffett abbekommen.Jahre vor dem Sturz der New Economy warnten der heute 74-jährige Buffett und sein 81-jähriger Geschäftspartner Munger vor einer Spekulationsblase an den Börsen. Noch bevor Bilanzskandale bei Enron und Worldcom die Öffentlichkeit schockten, prangerte das Duo eigennützige Manager an. Buffett und Munger machten die Hauptversammlungen von Berkshire Hathaway zu einer unterhaltsamen, kritischen Lehrstunde über den amerikanischen Kapitalismus. Tausende pilgern jährlich hierher, in den Norden der USA, um dem ?Orakel von Omaha? zu lauschen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Buffet blendet unangenehme Details ausDoch wenn?s ans Eingemachte geht, erweist Buffett sich eher als Sphinx. Unangenehme Details blendet er aus. Der privat anspruchslos und zurückgezogen lebende Milliardär spielt auf der Bühne die Rolle des jovialen, bodenständigen Menschen von nebenan. Wer sich hinter der Fassade versteckt? Ein Rätsel.Die Aktionäre hängen an Buffetts Lippen, wenn er im Plauderton über den Dollar-Wechselkurs doziert (?Er wird fallen, weil wir Amerikaner es lieben, mehr Geld auszugeben, als wir verdienen?), die Pläne zur Privatisierung der US-Rentenversicherung kritisiert (?Eine sehr schlechte Idee einiger Politiker, die ein inkompetenter Volkswirt verrückt gemacht hat?). Auch der Börsengang der New York Stock Exchange erfreut ihn nicht, der Aktienmarkt werde so zum gewinnorientierten Unternehmen und stelle sich ?auf die Gegenseite der langfristig orientierten Anleger?.Kaum ein Aktionär stellt kritische Fragen während des fast fünfstündigen Fragereigens, der den Großteil der Hauptversammlung ausmacht. ?Wir vertrauen ihm einfach?, sagt Robert Seagale aus Denver, der zum dritten Mal nach Omaha im Norden der USA geflogen ist. Schließlich hatte Buffett zuvor verkündet, dass Berkshire Hathaways Gewinn vor Steuern im ersten Quartal 24 Prozent auf 2,06 Milliarden Dollar gestiegen ist.Dabei gibt es eine Menge Fragen, die zwar nicht die Aktionäre, aber dafür umso mehr behördliche Ermittler in New York, Dublin und Sydney stellen. Zum Beispiel: Wie viel wusste Buffett von einem dubiosen Versicherungsvertrag zwischen Berkshires Rückversicherungstochter General Re und American International Group (AIG), dem weltgrößten Versicherer nach Börsenwert? Der Vertrag wurde in Dublin abgeschlossen, wo auch die deutsche General-Re-Tochter Kölnisch Rück aktiv ist.New Yorks Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer ermittelt, ob AIG mit der komplizierten Transaktion die Bilanz regelwidrig aufpolierte. Laut Ermittlungskreisen war eine so genannte Finanzrückversicherung zwischen General Re und AIG im Kern ein Kredit, der aus Bilanzgründen als Versicherung getarnt war. Der Fall kostete bereits den langjährigen AIG-Chef Hank Greenberg den Job.Weltweit hat die Versicherungs-sparte von Berkshire Hathaway viele ähnliche Verträge abgeschlossen. Zum Beispiel in Australien, wo der Versicherer FAI dank Finanzrückversicherungen von Berkshire seinen Bankrott um Jahre hinauszögern konnte. Kurz vor dem Ende verkaufte FAI sich sogar selbst an einen größeren Versicherer, der später mit in die Pleite stürzte.Die australische Finanzaufsicht urteilt in einer Studie, ?abenteuerliche? Finanzrückversicherungen hätten zum größten Bankrott der australischen Wirtschaftsgeschichte beigetragen. Am Ende mussten Versicherte, Steuerzahler und Kreditgeber Kosten von fünf Milliarden australischen Dollar tragen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zurück bleibt ein widersprüchliches Bild von Warren Buffett Ausgehandelt hatte die Verträge auf Berkshire-Seite Ajit Jain, zeitweise Kandidat für Buffetts Nachfolge an der Konzernspitze. Vergangenes Jahr lobte Buffett den Zahlenexperten in den höchsten Tönen: ?Wenn Sie Ajit treffen, verneigen Sie sich tief. Er hat enorm viel Geld für uns verdient.? Am Samstag blieb Jain unerwähnt.Bei der Wohlfühl-Veranstaltung in Omaha bringt nur Aktionär Mike McCloskey den gut gelaunten Buffett kurz ins Schwitzen: ?Welche Verantwortung trägt ein Unternehmen dafür, dass der Vertragspartner einen Versicherungsvertrag korrekt verbucht?? trifft er Berkshires wunden Punkt. Buffett antwortet: ?Das könnte für uns eine sehr relevante Frage werden.? Munger ergänzt viel sagend: ?Man weiß nie, wie hinterher die Verantwortung hin und her geschoben wird.?Die kryptischen Antworten symbolisieren Berkshires Problem: Manche Finanzrückversicherungen bewegen sich bilanzrechtlich in einer Grauzone. Der jüngste Feldzug von Staatsanwalt Spitzer drängt weltweit Regulierungsbehörden, alte Verträge zu durchleuchten. ?Dabei können Dinge fragwürdig erscheinen, die jahrelang niemand beanstandet hat?, sagt Jeff Berg, Analyst bei der Ratingagentur Moody?s. Wer diesen Hintergrund nicht kennt, an dem geht Buffetts kurzer Moment der Wahrheit vorbei. Ohnehin geht er ungewöhnlich schnell zur nächsten Frage über. Wenige Minuten später schimpft Buffett über hohe Gebühren gieriger Hedge-Fonds-Manager ? Berkshires Probleme treten in den Hintergrund.Zurück bleibt ein widersprüchliches Bild von Warren Buffett. Das Bild eines Mannes, der laut ?Forbes? 46 Milliarden Dollar besitzt, aber von 100 000 Dollar Jahresgehalt lebt und seit Jahrzehnten im selben Haus in Omaha wohnt. Eines Mannes, der sich als volkstümlicher Onkel präsentiert, aber mit hoch komplexen Finanzinstrumenten hantiert. Eines Mannes, der mit Kritik nicht geizt, aber Probleme im eigenen Konzern nur am Rande erwähnt.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.05.2005