Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Schampus für alle

Von Christoph Hardt, Handelsblatt
Heißer Sommer, goldener Herbst, ein Jahrhundertjahrgang, gerade an der Mosel. Nick Reh nimmt?s trocken. Er ist vor allem Kaufmann - und Vorstandssprecher der Schloss Wachenheim AG, das ist der nach eigenen Angaben größte Sekthersteller der Welt.
TRIER. Die Konzernzentrale liegt in Trier in einem tristen Gewerbegebiet und erinnert äußerlich an eine Provinz-Sparkasse aus den 70ern. Botschaft: Jeder Cent zählt. Schmucklos auch das Büro. Der Konzernchef ist unauffällig freundlich. Einziger Luxus ist die rotgoldene Jaeger-Le Coultre am Handgelenk. Arbeit sei ihm sehr wichtig, sagt er.Nick Reh hat viel zu tun. Ausgerechnet im Stammland ist Wachenheim nur noch die Nummer zwei. Und der Markt bleibt schwierig. Seit 1992 haben die deutschen Sektkellereien ein Viertel ihrer Produktion eingebüßt, 2002 gingen noch 302 Millionen Flaschen in den Markt. ?Das Produkt Sekt ist stehen geblieben, es gibt ein Imageproblem?, sagt Reh auch an die eigene Adresse.

Die besten Jobs von allen

Einen Steinwurf von seinem Büro entfernt stehen stramm in Reihe Dutzende von gewaltigen Stahltanks, in jedem lagern 250 000 Liter Sekt. Hier liefert die Eisenbahn an, aus den Tanks strömt der Geruch vergorenen Traubensafts. 50 Millionen Liter sind hier gebunkert, es ist, als könne man die Faber Krönung schnüffeln. Beim aktuellen Sekttest des ZDF-Magazins ?Wiso? erreicht der Preisbrecher unter den Sekten den fünften Platz.Das aber kann Kundige nicht wirklich schocken, denn ?Deutscher Sekt? schmeckt artverwandt, weil sich die Grundweine aus ganz Europa so ähneln. So sorgen Kellermeister und Laboranten mit Geschmacks- und Herkunftskontrollen dafür, dass über Jahre fast gleiche Qualität und Geschmack geliefert werden ? Euro-Sekt für alle. Ökonomisch spannend ist die Frage, wie bei einem Durchschnittspreis von heute 2,49 Euro pro Faber-Flasche inklusive einer Sektsteuer von einem Euro so viel übrig bleibt, dass es ein Weinhändler aus dem Moseldorf Leiwen binnen 25 Jahren mit Sekt bis an die Weltspitze schaffte. Reh lächelt: ?Kostenbewusstsein?. Irgendwann Ende der 60er wollte Günther Reh selbst Sekt machen. In Trier stieß er auf die marode Kellerei Faber. Er kaufte, modernisierte und stellte Faber Krönung 1972 auf der Anuga vor. ?Die Söhnleins dieser Welt haben viel zu spät gemerkt, was da vor sich ging?, erzählt er. Faber sei die ?Demokratisierung des Sekt-Genusses? gewesen. Sieben Jahre später war man Marktführer, mit null Werbung und extrem günstigem Preis. Jahrelang währte die Vorherrschaft, ehe eine Marke aus dem Osten so erfolgreich wurde, dass sie sich jüngst das Traditionsetikett Mumm leistete.Reh aber ging seinen Weg , der Vater, der bis heute jede Publizität scheut, zog sich zurück, seit Mitte der 90er-Jahre managt Nick Reh den Sektkonzern. Es folgten eine Reihe von Akquisitionen. 1996 erwarb Reh die angeschlagene börsennotierte Schloss Wachenheim AG. Reh steckte 15 Millionen Euro in den Ausbau des Sektschlosses. ?Alles Top- Qualität aus der Champagne?, sagt der Vorstandschef zur Kellerei. Wachenheim rundet nun das Angebot nach oben hin ab, Dutzende von Marken sind im Sortiment, Stammkunden sind auch die Discounter.In aller Stille ist Familie Reh darüber zur Macht im Reich des europäischen Weins geworden. Denn Reh ist nicht nur Wachenheim, Nymphenburg oder Feist. Die drei Geschwister von Nick sind ebenfalls im Weingeschäft. Die jüngste Schwester Eva hat die Domaine Bertagna in Burgund zu einer der wirklich großen Adressen gemacht, Schwester Annegret führt das Trierer Top-Gut Reichsgraf von Kesselstadt. Bruder Carl managt in Bingen seine Kellerei Reh-Kendermann, die mit ?Black Tower? die führende deutsche Export-Weinmarke im Regal hat. Die Geschwister können so auch informelle Synergieeffekte nutzen. ?Die Familie ist extrem wichtig?, sagt Reh, der den vierköpfigen Vorstand führt und in Personalunion Vorstand der Günther Reh AG ist. Sie hält 70 Prozent an Wachenheim, hier werden die wichtigen Dinge besprochen. Operativ mische sich die Familie aber nicht ein.Heute wird der Vorstandschef die Bilanz fürs abgelaufene Geschäftsjahr vorstellen. Viel Hoffnung für den deutschen Markt macht er nicht: ?Das Ausland aber entwickelt sich wunderbar.? Wachenheim kauft im Ausland zu, ist Nummer eins in Polen, 2003 folgte die Übernahme von Frankreichs führenden Sekthersteller Charles Volner. In diesem Jahr hat man 404 Millionen Euro umgesetzt, knapp 900 Leute arbeiten für den Konzern mit dem Sektschloss.Dass er mit Masse Geschäft macht und nicht mit Renommee wie seine Schwestern, das will Nick Reh noch nie bedauert haben: ?Ich kann keine halbe Stunde lang über ein Glas Wein philosophieren.? Häufiger grübelt er über den Erfolg des Konkurrenten aus Freyberg: ?Wirklich erklären kann man sich das nicht?. Man habe Anfang der 90er- Jahre die Chance gehabt zur Übernahme, doch sich nicht einmal die Papiere kommen lassen. Insofern mag es sein, dass dem Herrn über Schloss Wachenheim, sollte er einmal schlecht träumen, ein ganz kleines Mädchen erscheint. Das ist unterwegs zu seiner Oma und hat ein rotes Käppchen auf dem Kopf.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.12.2003