Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Schafft den Personalchef ab!

Die Festanstellung hat so gut wie ausgedient! Das meinen Holm Friebe, 34, Volkswirt und Journalist, und Sascha Lobo, 31, Werbetexter. In ihrem jetzt erschienenen Buch über die "digitale Bohème" entwerfen sie ein Leben, in dem jeder arbeiten kann, wann er will und was er will. Fast wie im Paradies. Nur aufs große Geldverdienen muss man dabei verzichten. karriere sprach mit Holm Friebe.
Schafft den Personalchef ab!

Die Festanstellung hat so gut wie ausgedient! Das meinen Holm Friebe, 34, Volkswirt und Journalist, und Sascha Lobo, 31, Werbetexter. In ihrem jetzt erschienenen Buch über die "digitale Bohème" entwerfen sie ein Leben, in dem jeder arbeiten kann, wann er will und was er will. Fast wie im Paradies. Nur aufs große Geldverdienen muss man dabei verzichten. karriere sprach mit Holm Friebe.

Sind Sie spießig?
Holm Friebe: Ich halte mich für einigermaßen aufgeschlossen bis fortschrittlich. Ich arbeite gegen die strukturkonservativen Elemente in mir an, von denen noch weit avantgardistischere Leute als ich mir attestieren, dass es sie gebe

Die besten Jobs von allen


Bitte? Und was ist jetzt spießig?
Spießig ist zuerst mal eine ästhetische Kategorie, die ein etwas miefiges, kleinbürgerliches Milieu charakterisiert. Viel bedrohlicher finde ich die Ideologen der "neuen Bürgerlichkeit", die vehement die traditionelle Frauenrolle einfordern oder behaupten, arme Leute seien an ihrem Unglück selbst schuld und müssten einfach mal anfangen zu arbeiten. Solche Sätze sind nicht nur spießig, sondern auch gefährlich

Wie sind Sie denn groß geworden?
Ich bin bildungsbürgerlich aufgewachsen. Meine Mutter war Galeristin, mein Vater Steuerbeamter in Lüdenscheid

Ach so. Nicht spießig ist für Sie die "digitale Bohème". Was ist das?
Für uns ist Bohème keine Lifestyle-Kategorie, sondern meint eine bestimmte Form der Arbeitsorganisation, die in selbst gewählten und hierarchiefreien Gruppen stattfindet. Es hat sie seit Beginn der Industrialisierung immer gegeben, als Gegenentwurf zur bürgerlichen Institution des Unternehmens und der Festanstellung, aber durch die neuen digitalen Technologien wird ihr Handlungsspielraum enorm erweitert


Info:
Von Holm Friebe und Sascha Lobo ist jetzt das Buch "Wir nennen es Arbeit - die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung" erschienen (Heyne-Verlag, 303 S., 17,95 Euro). Empfehlenswert ist es für alle, die ohnehin schon jetzt jeden Tag stundenlang vor dem Computer verbringen und aus dem Netz ihre beruflichen und sozialen Kontakte schöpfen. Wer dem Internet-Hype nicht traut, sollte lieber beim Altbewährten bleiben, Seneca zum Beispiel. Oder ein guter Krimi.
Was ist das Besondere daran?
Auf dem freien Markt sind ganz andere Qualitäten gefragt und ganz andere Menschen erfolgreich als in Hierarchien. Dort dominiert politisches Taktieren, und karrierekonformer Opportunismus. Hier ist es eher das Arbeiten in einem losen Netzwerk von Fachleuten, die sich gegenseitig motivieren, inspirieren und im besten Fall Kontakte und Aufträge vermitteln können

Ist das besser als Festanstellung?
Wir sagen nicht, dass die Festanstellung abgeschafft gehört, aber in vielen Bereichen ist sie eine anachronistische Form der Arbeitsorganisation. Ein Großteil der Menschen ist damit unzufrieden, und sie wird auch nicht dadurch attraktiver, dass sie nur noch begrenzt zur Verfügung steht. Hinzu kommt, dass sie nicht mal mehr ihr eigenes Sicherheitsversprechen einlöst. Früher hieß es, einmal Siemens, immer Siemens. Fragen Sie heute mal die ehemaligen Mitarbeiter von Siemens/BenQ, was aus ihren Lebensplänen geworden ist. In solchen Momenten ist die digitale Bohème klar im Vorteil und auf der sichereren Seite

Selbstständigkeit klingt für viele trotzdem unsicher.
Genau das ist das Problem. Fraglos bedeutet die Selbstständigkeit ein finanzielles Risiko. Aber die meisten werden dahin erzogen, diese Option nicht einmal in Betracht zu ziehen. Die ganze Ausbildung steuert auf das einzige Ziel hin, irgendwann mal einen richtigen Job in einem Unternehmen zu haben. Einen sicheren Job.

Wie werden wir denn auf das Ziel Fest-anstellung gepolt?
Schon in der Schule und im Studium schwirrt so eine Art Personalchef in unserem Kopf herum. Der sagt uns, dies und das musst du für deinen Lebenslauf tun und dann wirst du erfolgreich sein. Deshalb vertrauen viele nicht mehr auf ihr Gespür für die eigenen Neigungen, weil sie Angst haben, sich vor dem imaginären Personalchef rechtfertigen zu müssen. Gleichzeitig wird es immer unsinniger formale Einträge im Lebenslauf zu sammeln, weil mittlerweile ohnehin alle überqualifiziert sind und kaum jemand noch Bewerbungen wirklich liest. Deshalb sagen wir: Schaff den Personalchef im Kopf ab, und es wird dir besser gehen

Und was ist besser in der Arbeitswelt der digitalen Bohème?
Das Versprechen heißt, dass ein größerer Anteil der Bevölkerung der Tätigkeit nachgehen kann, die er wirklich gern macht, und damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Wer Puppen oder Ein-Mann-U-Boote basteln will, hat nun die Möglichkeit, sie selbst übers Internet zu vertreiben. Man macht seinen eigenen Vertrieb. Wer Texte oder Konzepte schreiben möchte, kann es überall tun. Also ist man ortsunabhängig.

Das ist so neu nicht.
Nein, aber doch mit einer neuen Qualität. Wir sind der Meinung, dass die Menschen heute diese Chancen, die die modernen Medien bieten, viel zu wenig nutzen, um ihre persönlichen Freiheiten und Handlungsspielräume zu vergrößern. Die digitale Bohème bietet auch die Chance auf ein Leben mit weniger Zwängen und Pseudo-Notwendigkeiten.

Wie?
Nehmen Sie uns: Auch wir haben ein Unternehmen gegründet, das ist mehr oder weniger ein Netzwerk von Journalisten, Lektoren, Grafikern, Übersetzern. Der Unterschied ist: Es gibt bei uns kein Büro, weil die Arbeit übers Netz organisiert wird. Es gibt keine Weisungsstrukturen, keine Anwesenheitspflicht, keine zeitraubenden Meetings, keine Zeitgebundenheit - wir haben Arbeitsumstände, von denen man als Festangestellter träumt

Fragt sich nur, ob man mit Ihrem Modell auch genug Geld verdient, um zum Beispiel eine Familie zu ernähren?
Das ist sicher schwierig. Es geht aber durchaus, und es geht besser, wenn beide Elternteile frei arbeiten und in den Genuss der freien Zeiteinteilung kommen. Bei der Zentralen Intelligenz Agentur fließen zehn Prozent unserer Honorare in einen Topf. Dieses Geld steht Leuten unseres Unternehmens für den Fall zur Verfügung, dass sie eine Durststrecke haben. Das ersetzt natürlich keine staatliche Absicherung. Grundsätzlich muss man sich in solch einem Modell wohl von den Vorstellungen des großen Geldverdienens verabschieden, dafür erlangt man einen enormen Zuwachs an Lebensqualität

Die Fragen stellte Martin Roos

Dieser Artikel ist erschienen am 31.01.2007