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Schaffe uf dr Bärndütschi Syte

Daniel Birchmeier
Martin Roos
Foto: ZEFA
Für viele ist die Schweiz eine überdimensionale Märklinbahnlandschaft mitten in Europa: niedlich, friedlich und immer tadellos aufgeräumt. Doch hinter den sieben Bergen gibt es richtiges Leben. Die Wirtschaft boomt, viele Arbeitskräfte werden gesucht ? auch Nicht-Schweizer, die gerne kommen würden, wenn die Behörden sie nur ließen.
Für viele ist die Schweiz eine überdimensionale Märklinbahnlandschaft mitten in Europa: niedlich, friedlich und immer tadellos aufgeräumt. Doch hinter den sieben Bergen gibt es richtiges Leben. Die Wirtschaft boomt, viele Arbeitskräfte werden gesucht ? auch Nicht-Schweizer, die gerne kommen würden, wenn die Behörden sie nur ließen.

Es ist schön, als Schweizer geboren zu werden, und es ist schön, als Schweizer zu sterben ? doch was macht man in der Zwischenzeit? Auf diese selbstironische Frage der Eidgenossen wusste der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt einst die schweizerischste aller Antworten zu geben: ?Ich vertue diese Zwischenzeit mit Arbeiten.?

Die besten Jobs von allen
?

Und genau das taten die meisten seiner gut sieben Millionen Landsleute in den vergangenen zehn Jahren mit großem Erfolg. Die Schweizer Wirtschaft erlebt zurzeit ihre erfolgreichste Phase überhaupt. Die wichtigsten Industriezweige blühten auf wie nie ? so die Bauwirtschaft, die Nahrungsmittel- und die Uhrenindustrie, die Metallverarbeitung, der Maschinenbau oder auch die chemische Industrie. Allein deren Produktion stieg um 127.Prozent.

Ein Ende des Booms ist nicht abzusehen. Die Arbeitslosenquote liegt bei zwei Prozent, und ständig werden Mitarbeiter in allen Branchen gesucht. Es fehlen Hilfskräfte im Gastgewerbe, in Pflegeberufen oder auf dem Bau genauso wie hoch qualifizierte Spezialisten und Führungskräfte. Typische Arbeitsfelder für Deutsche sind der Finanz- und Versicherungssektor. Vor allem in der Bankenmetropole Zürich können junge deutsche Akademiker ihr Berufsglück finden. Die Credit Suisse beispielsweise, eine der größten Banken der Welt, sucht in Zürich in diesem Jahr bis zu 490 Hochschulabsolventen.

Wenige Kilometer entfernt ? in Basel und Umgebung ? sollten nicht nur Maschinenbauer und andere Ingenieure auf Jobsuche gehen, sondern auch Biologen und Pharmazeuten. Denn dort haben Giganten wie die F. Hoffmann-La Roche AG oder Novartis ihre Zentralen.

Auch im Gesundheitswesen fehlen der Alpenrepublik viele Fachkräfte ? wieder eine Chance für Deutsche. Fast jedes größere Krankenhaus im deutschsprachigen Teil der Schweiz wird von deutschem Krankenpersonal vor dem Pflegenotstand bewahrt. Die meisten dieser Deutschen gehören zu der riesigen Gruppe der Grenzgänger: also Leute, die vor allem im Landkreis Lörrach und Waldshut an der Grenze zur Alpenrepublik leben und in der Schweiz arbeiten. 22.000 deutsche Pendler sind es. Täglich.

"Ich finde es in der Schweiz viel sympathischer als in meiner Dortmunder Heimat?, meint Bernd Nordieker, der seit gut einem Jahr als Manager beim Schweizer Ableger von PriceWaterhouseCoopers (PWC) in Bern arbeitet. 1989 fand der gelernte Elektrotechniker via Stellenanzeige einer deutschen Tageszeitung den Weg in die Schweiz. Das Vorstellungsgespräch bei einem mittelgroßen Stromproduzenten und -verteiler war damals sein erster Schweizbesuch überhaupt gewesen.

Zwölf Jahre ist Nordieker nun im Land und hat sich ? nach eigenem Bekunden ? schon seit langem bestens integriert. Vor allem die Freizeitmöglichkeiten faszinieren ihn: ?Ski fahren, Wandern, Seen, alles kann man in einer Stunde Fahrzeit erreichen?, sagt der 36-jährige Familienvater. Bern sei als Hauptstadt der Schweiz zwar keine Weltstadt, ?aber schließlich auch nicht hinterm Mond wie das hintere Emmental?.

Mit Metropolen gepflastert ist die 40.000 Quadratkilometer große Alpenrepublik nicht gerade. Selbst die Finanz-, Wirtschafts- und Szenemetropole Zürich hat nur eine halbe Million Einwohner. Was aber reizt, ist die Vielfalt des Kleinstaats: Wer das romanische Element der Schweiz sucht und dazu noch ein mildes Klima, zieht am besten in das mediterranere, italienischsprachige Tessin. Wer sich auch noch für den Rest der Welt interessiert, wählt Genf und Umgebung, wo rund 200 internationale Organisationen Quartier genommen haben ? ein gefundenes Fressen für Leute, die im Beruf viel herumkommen wollen: In Genf sind die Europazentrale der Uno, diverse Uno-Unterorganisationen und internationale Sportverbände ansässig, in Nyon die UEFA und in Lausanne das Internationale Olympische Komitee.

Doch auch klein und jung sein, ist in Genf fein: Etliche Startup-Unternehmen aus den Branchen Biotechnik und Informationstechnik (IT) haben sich in der herrlichen Seestadt angesiedelt.

Ewiger Grenzkonflikt
Der gemeine Deutsche findet Schwyzerdütsch ?so süß? und hat keine Bedenken, dies den Nachbarn im Süden auch mitzuteilen. Die Folge ist, dass viele Eidgenossen sich nicht ganz ernst genommen fühlen. Dies wiederum erklärt, warum richtige Schweizer lieber schweigen, als sich ihrer Schriftsprache, des Deutschen, zu bedienen. Manchmal sind sie aber auch nur zu bequem. PWC-Manager Bernd Nordieker hatte mit Schwyzerdütsch kaum Probleme, obwohl er die Sprache nie gelernt hat. ?Dafür spreche ich mittlerweile fast fließend Französisch?, sagt der Deutsche. Der Kanton Bern ist zweisprachig.

Dass Nordieker überhaupt den Job in der Schweiz bekommen hat, ist nicht selbstverständlich. Dafür, dass nicht jeder rein kann, sorgt nämlich die Frepo ? die Fremdenpolizei. Sie hat von der Politik den Auftrag erhalten, den Ausländeranteil von 20 Prozent ? nach Luxemburg und Liechtenstein der drittgrößte in Europa ? nicht weiter anschwellen zu lassen. Drei Viertel der Ausländer stammen aus den EU-Staaten.

?Ein Deutscher, der in einem Schweizer Stellenanzeiger ein attraktives Angebot sieht, muss sich vor einer Bewerbung immer zuerst vergewissern, ob die Fremdenpolizei für diese Stelle Ausländern eine Arbeitsbewilligung erteilt?, sagt Ralf Bopp, stellvertretender Direktor der Handelskammer Deutschland-Schweiz in Zürich. In der IT-Branche oder auf der obersten Führungsebene sei die Arbeitsbewilligung kein Problem. Aber selbst Ingenieure ? in vielen Branchen Mangelware ? hätten es oft nicht leicht, die nötigen Papiere zu bekommen.

Christian Dorfmüller kann das nur bestätigen. Vor elf Jahren ging der heute 34-jährige Meerbuscher nach Latour-de-Peilz in der Nähe von Montreux. Dort begann er sein Studium am Art Center College of Design. ?Die Schule hatte mir damals am besten gefallen von allen, die ich in Deutschland und England gesehen habe?, sagt Dorfmüller.

Karriere von A bis C
Nach dem dreijährigen Studium machte er sich mit zwei Schweizer Kommilitonen selbstständig. Mit einem Startkapital von 60.000 Franken gründete er eine Designagentur in Luzern am Vierwaldstättersee. Während seine eidgenössischen Kumpel direkt mit ihrem Job loslegen konnten, musste er den Behörden erst einmal beweisen, dass nur ?ich und niemand anders als ich? in der Lage war, mit seinen Partnern die Agentur aufzubauen.

Er bat die Wirtschaftsförderung Luzern um Unterstützung, und sie half ihm gern, da sie auf ein ?interessantes Unternehmen? mit neuen Arbeitsplätzen hoffte. Als Grund für seine ?Unersetzbarkeit? gab Dorfmüller seine ?internationalen Kontakte? an. Nach einem einjährigen Verfahren bekam er schließlich einen B-Pass.

A, B und C sind die Kategorien der Aufenthaltsgenehmigungen für Ausländer, die in der Schweiz arbeiten. Mit einem A, einem senfgelben Ausweis, darf man jährlich nur sechs Monate im Land bleiben, mit dem B-Pass ein ganzes Jahr, und mit dem C auf der ?Niederlassungsbewilligung? ist man schon fast ein Eidgenosse: fünf Jahre Schweiz.

Dorfmüller trägt heute ein ?C? im Pass. Die Behörden haben seine Leistung honoriert: Neben ihm und seinen zwei Partnern in der Geschäftsführung beschäftigt die Agentur Hug & Dorfmüller Design Group drei Festangestellte und mehr als 15 freie Mitarbeiter. Sie hat Kunden in Deutschland, Österreich, Frankreich und Zypern. Der Jahresumsatz liegt bei 1,5 Millionen Franken.

Bürokratie und kein Ende
Wer einmal die Arbeitsbewilligung ergattert hat, hat damit längst nicht alle Hindernisse aus dem Weg geräumt: Die Ehefrau oder der Gatte erhält beim Stellenantritt zwar ebenfalls eine Aufenthaltsgenehmigung, aber keineswegs automatisch eine Arbeitsbewilligung. Wer unverheiratet ist und seine Freundin oder seinen Freund in die Schweiz mitnehmen will, stößt bei den Behörden ganz auf taube Ohren. Schließlich ist das Land nicht EU-Mitglied.

Christian Dorfmüller kratzt das nur wenig. Seine Freundin ist Schweizerin. Auch dass er ?nur? einen C-Pass hat und sie einen Schweizerpass, der in den Zeiten des Kalten Krieges schon beinahe als eine Art Diplomatenpapier galt, stört ihn nicht: ?Der Schweizerpass garantiert innerhalb der EU doch nur noch das Schlangestehen am Zoll vor dem Schalter Other Countries.?

Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2001