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Satellitin im Männer-Orbit

Von Guido Walter
Wenn Raketen explodieren und Flugzeuge abstürzen, ist Doris Höpke gefordert. Die Managerin verantwortet das Luft- und Raumfahrtgeschäft der Münchener Rück. Sie ist eine der wenigen Frauen im Führungszirkel des weltweit zweitgrößten Rückversicherers.
Die Manager aus Korea giggelten beim Arbeitsessen wie kleine Mädchen. Doch was die Vertreter diverser Luftfahrtversicherer soeben von ihren deutschen Gesprächspartnern erfahren hatten, war in ihren Augen auch einfach sensationell. Die junge Frau mit dem welligen Haar und der zupackenden Art, die war überhaupt kein ?Junior?. Und zum ersten Mal war sie bei so einer Tagung auch nicht dabei. ?She is not my Boss?, sie ist nicht meine Chefin, beschied jemand den Asiaten zunächst das Erwartete. Um dann zu erklären: ?She is the Boss of my Bosses Boss.? Sie ist die Chefin des Chefs meines Chefs.So mancher Top-Manager würde sich auf den Schlips getreten fühlen. Doris Höpke kann heute noch über die Anekdote lachen. ?Als raus war, dass ich die Ranghöchste bin, stürzte sich alles auf mich?, sagt sie. ?Plötzlich wurde nur noch mit mir gesprochen.?

Die besten Jobs von allen

Für die 40-Jährige hat das Beispiel auch etwas Entlarvendes. Denn es zeigt, dass Frauen in der Beletage der deutschen Wirtschaft noch immer als Exotinnen gelten. Bei der Münchener Rück, die 3 498 Mitarbeiter beschäftigt, gehören der ?Ebene 1?, der direkt unter dem Vorstand angesiedelten Führungsmannschaft, 42 Männer und sechs Frauen an. Eine davon ist Doris Höpke. Die Managerin, die vor acht Jahren zum zweitgrößten Rückversicherer der Welt kam, hat eine steile Karriere hinter sich. Nach dem Jurastudium promovierte sie 1993 zum europäischen Produktsicherheitsrecht. Es folgte ihr Referendariat in Deutschland und den USA, dann der erste Job als Vorstandsassistentin bei der HDI Versicherung. Drei Jahre später, 1999, baute sie den Bereich Claims, Legal & Finance für das Alternative-Market-Geschäft der Münchener Rück auf. Seit Sommer letzten Jahres schließlich ist Doris Höpke für Special & Financial Risks zuständig. Ihre Tagesgeschäft: die gesamte Luft- und Raumfahrtrückversicherung. Und obendrein die Leitung eines Innovationsteams und zweier Tochtergesellschaften, die Schweizer Neue Rück und die Great Lakes Reinsurance in London. Doris Höpke ist verantwortlich für ein Milliardenvolumen an Umsatz.Kann man so eine Karriere planen? Doris Höpke schüttelt den Kopf. Sie erinnert sich noch lebhaft daran, wie sie nach dem Abitur den ZVS-Bogen mit allem ausgefüllt hatte ? bis auf die Frage, was sie studieren wollte. Es hätte auch Wirtschaftsmathematik oder eine Dolmetscherkarriere werden können. Erst als ihr jemand sagte, dass analytische Fähigkeiten, sprachliche Stärke und Menschenkenntnis auch eine ganz gute Kombination für eine Juristin abgäben, stand das Studienziel fest.?Wenn es einen Plan gab, dann entsprach der überhaupt nicht dem, wie sich die letzten zehn Jahren entwickelt haben?, sagt Höpke. ?Ich habe auch im Berufsleben immer nur von einer Station zur nächsten geschaut. Aber natürlich ist es bei jedem Karriereschritt angenehm, wenn man gefragt wird.? Die Bodenhaftung zu verlieren, ist ihre Sache nicht. Doris Höpke kommt aus Alt-Georgsmarienhütte. Dort, im Osnabrücker Land, an der Grenze von Niedersachsen und Westfalen, zählt ein Handschlag noch was. ?Der westfälische Menschenschlag steht für die Werte, die ich persönlich einhalte und einfordere. Verbindlichkeit, Respekt im Umgang und eine Art von sportlicher Fairness, auch im Geschäft.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Delegieren musste Doris Höpke erst lernen.Managerallüren passen nicht dazu. Auf ein pompöses Vorzeigebüro mit Riesenschreibtisch verzichtet Doris Höpke. Sie sitzt, umringt von Fachliteratur, in einem zweckmäßigen Einzelraum. Als einzige Extravaganz muss ein Globus herhalten. Aber selbst so einen sieht man oft in den umliegenden Managerbüros. Bei der Münchener Rück hat man die Welt gern im Blick. Denn wenn Hurrikans ganze Industrieanlagen verwüsten, Flugzeuge eine Bauchlandung hinlegen oder ein Regierungswechsel zur Beschlagnahme eines Kraftwerks führt, stehen die Münchener finanziell gerade. Das kann, im schlimmsten Fall, teuer werden. Die Tragödie des 11. September 2001 schlug für die Rückversicherer mit 2,5 Milliarden Dollar zu Buche. Gut, dass das Geschäft langfristig ausgelegt ist. Seit 1880 sichert man hier Risiken ab. Als das Erdbeben in San Francisco 1906 weltweit Versicherungen in den Konkurs trieb, war die Münchener Rück die einzige Versicherung, die nach der Regulierung aller Schäden noch zahlungsfähig war. In Anspielung auf Gründer Carl von Thieme hieß es damals ?Thieme is money?.Der Boss von damals residierte um 1920 bereits in der repräsentativen Firmenzentrale in der Münchener Königinstraße. Nicht weit von hier, in einem mit dem Hauptgebäude durch einen Tunnel verbundenen Nachbargebäude, hat Doris Höpke im vierten Stock ihr Büro. Wenn sie das Fenster aufmacht, hört sie Vogelgezwitscher aus dem Englischen Garten. Die Ruhe hilft, Entscheidungen von Tragweite zu treffen, Entscheidungen, die immer größere Teams betreffen. Je höher Höpke stieg, desto mehr Kollegen hatte sie unter sich, deren Arbeit sie koordinierte.Dieses Delegieren musste Doris Höpke erst lernen. ?Ich bin einfach darauf angewiesen, dass die Mitarbeiter ihren Job perfekt beherrschen. Da ist kein Einziger, den ich ersetzen kann.? Eine gewisse Gelassenheit gehört dazu, sagt sie. Man muss es ertragen können, nicht mehr bei jedem operativen Vorgang dabei zu sein. Inhaltliche Distanz schaffen und trotzdem mit dem Ergebnis zufrieden zu sein, um es bewerten zu können ? so nennt Höpke das. Bei ?Gloria? beispielsweise hat es genau so geklappt. Die Abkürzung steht für ?Global Reinsurance Application?, es ist eine Art Plattform für den weltweiten Datenabgleich im Unternehmen. Mit diesem System verhindert die Münchener Rück, sich eine Ballung von Einzelrisiken in die Bücher zu holen. Vor einem Jahr wurde das System eingeführt, seitdem läuft es reibungslos. Der Erfolg wird hausintern auch Doris Höpke hoch angerechnet.Dass trotz aller Fleißarbeit auch Glück dazu gehört, verschweigt sie nicht. ?Da muss irgendwo in der richtigen Runde jemand sein, der deinen Namen fallenlässt. Das Wohlwollen einer Umgebung gehört dazu, klar.? Höpke hatte diese Fürsprecher. Bei jeder Station gab es jemanden, der es gut mit ihr meinte. Wenn sie eine Powerfrau ist, dann eher eine stille Version. Mit dem Klischee kann sie ohnehin wenig anfangen. ?Wenn Powerfrau bedeutet, dass eine viel Energie in den Job steckt, dann ist es positiv. Wenn es eine ist, die ihre Umgebung überrollt, dann ist es negativ.? Klischees zu widerlegen oder vermeintliche Erwartungen zu erfüllen, damit hält sich Doris Höpke nicht auf. Die von Arbeitspsychologen gern zitierte ?gläserne Decke?, die Frauen den Weg nach ganz oben durch unsichtbare Barrieren versperrt, hat sie nie erlebt. In beinahe allen Positionen, die sie erreichte, war ihr Vorgänger ein Mann und viel älter. Eines, davon ist sie überzeugt, ist ohnehin immer gleich. ?Wenn man als Greenhorn in ein neues Team kommt, dauert es eine Weile, bis man ernst genommen wird. Mit dem Geschlecht hat das nichts zu tun.? Dass man Frauen eher aus der Reserve locken muss, das glaubt sie schon. ?Wenn eine Stelle neu besetzt werden soll, dann heben von acht Männern sechs die Hand und sagen: Ich will die Leitung. Dabei wissen sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, um was es geht.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Für Gleichberechtigung zu missionieren, liegt Höpke fern. Kinder hat Doris Höpke keine, aber natürlich kennt sie das klassische Dilemma. Und es ärgert sie, wenn Frauen wie selbstverständlich einer Situationen ausgesetzt werden, in der sie sich zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen. ?Vor allem ist es total überflüssig. Meine Eltern haben alles im Haushalt geteilt. Wenn mein Vater mir morgens die Zöpfe gemacht und mich dann in den Kindergarten gebracht hat, war das völlig normal.?Für Gleichberechtigung zu missionieren, liegt Höpke trotzdem fern. Für sie ist es entscheidend, dass die richtige Person auf dem richtigen Platz sitzt. Davon kann sie sich gleich heute überzeugen. An diesem Nachmittag empfängt Höpke drei Abteilungsleiter. Den Auftakt macht Bernd Kohn. Der ?Head of Innovative Solutions? ist für ein ?Inno-Team? zuständig, das neue Geschäftsfelder und Märkte erschließt. Ein solcher Markt ist der durch das Kyoto-Protokoll ins Leben gerufene Handel mit CO2-Zertifikaten. Heute geht es um einen japanischen Investor. Er will eine Methan-Gasanlage in Brasilien finanzieren, um an die begehrten CO2-Zertifikate zu kommen. Kohn hat eine Musterpolice mitgebracht und skizziert kurz die Konstruktions- und politischen Risiken, die Einfluss auf die Preisfindung der Police haben können. Höpke stellt kurze, präzise Fragen. ?Wo stehen wir?? ? ?Wie ermittelt ihr den Preis?? ? ?Was braucht ihr noch?? Kohn nennt seine Wünsche, Höpke notiert sie sich in ihr Moleskin-Buch. Etwas hat sie noch aufgeschnappt. Einige Luftfahrtlinien haben den Wunsch nach neuen Absicherungsmöglichkeiten geäußert. Was tun, wenn ein Passagier ernsthaft krank wird und das Flugzeug umkehren muss? Oder wenn ein Unwetter den Flugplan zur Makulatur macht? Solche Fragen werden zunehmend relevant. ?Es gibt den Trend, dass wir immer öfter als Erstversicherer auftreten?, sagt Höpke. Die Münchener Rück ersetzt dann die Versicherer, die sich von Risikomärkten zurückziehen. ?Vor allem bei den großen Risiken verwischen sich die Grenzen zwischen Erst- und Rückversicherer.?Als Erstversicherer treten die Münchener traditionell in der Raumfahrt auf. Ernst Steilen, seit 25 Jahren mit dem sehr speziellen Markt befasst, bringt Höpke auf den letzten Stand der Satellitenversicherungen. Es sind viele Informationen, die auf Höpke einprasseln. Transport, Start und Betriebsphase eines Satelliten werden unabhängig voneinander versichert, und alle zwölf Monate müssen, nach einem ?Gesundheitszeugnis? für den Satelliten, die Konditionen neu ausgehandelt werden. Das Einfachste ist noch, dass meistens eine Allgefahrendeckung vorliegt. Theoretisch wäre damit auch eine Alien-Attacke versichert.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Ein kleiner, aber renditestarker MarktRaumfahrtversicherungen sind ein kleiner, aber renditestarker Markt. Das hohe Totalschadensrisiko führt zu hohen Prämien, das macht den Markt schon bei 20, 30 Satellitenstarts pro Jahr lukrativ. Langfristig, zumindest. 2007 dagegen hat schlecht begonnen. Im Januar ist die Zenit-3SL-Trägerrakete des internationalen Raumfahrt-Konsortiums Sea Launch explodiert, direkt auf der Startplattform. Für die Münchener Rück entstand ein Schaden, der einen erheblichen Teil der Prämieneinnahmen aus der Raumfahrt dieses Jahres verschlingt. ?In dem Geschäft braucht man einen langen Atem?, sagt Höpke.Nach Ernst Steilen empfängt Doris Höpke noch Roland Küsters, einen Experten für Produktrisiken in der Luftfahrt. Er stellt eine neue Studie vor, mit der Kunden die Preisfindung einer Police transparent gemacht werden soll. Die Neuberechnung von Sach- und Haftpflichtschäden soll einen ehemaligen Kunden, einen milliardenschweren Zulieferer der Luftfahrtindustrie, den anvisierten Vertragsabschluss erleichtern. Höpke will wissen, wie das Neugeschäft zustande kam. Eine Frage, aus der sich strategische Überlegungen ableiten lassen, die wiederum für den Vorstand interessant sind, an den Höpke berichtet.Ein paar Telefonate muss sie noch führen, dann ist Schluss. Zehn Stunden waren es heute, vollgepackt mit Terminen. Genug Zeit, um das Pensum zu schaffen? Ja, sagt Doris Höpke. ?Manche Leute behaupten ja, sie würden 16 Stunden arbeiten. Da frage ich mich, wie viele Stunden davon wirklich produktiv waren.?In ihrem Haus in München-Ramersdorf, das die beiden vor drei Jahren kernsaniert haben, wartet ihr Partner. ?Platz um mich zu haben, das hat mir gefehlt. Wand an Wand mit Nachbarn, das kennt man auf dem Land ja nicht. Jetzt ist ein bisschen wieder so wie früher.? Bis auf die Tiere. Die fehlen Doris Höpke, die früher einmal Tierärztin werden wollte, sehr. Für einen Hund, sogar einen großen, wäre jetzt der Platz da. Nur die Zeit, die wird ihr wohl auch in Zukunft fehlen.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.10.2007