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SAP-Chef in spe

Von Jens Koenen
Mit seiner Berufung zum SAP-Vize hat Léo Apotheker beste Chancen, Henning Kagermann als Unternehmenschef zu beerben. Er wäre der erste Vertriebsprofi an der Spitze des größten europäischen Softwarekonzerns ? ungewohnt für die ?Techis? in Walldorf. Ob er das Rennen tatsächlich machen wird, ist zwar noch offen. SAP-Mitgründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner mochte diesen Automatismus gestern so nicht bestätigen.
Der Raum ist klein, würde als Kinderzimmer in keinem Bauantrag durchgehen. Die Luft ist stickig, von rechts dröhnt laute Musik herüber und macht jedes Gespräch mühselig. Doch der Mann mit dem hohen Haaransatz und dem grau melierten Bart bleibt gelassen. ?Ich mach?s mir mal gemütlich?, sagt er mit einem Lächeln und legt ohne die üblichen ?Gestatten Sie?-Floskeln kurzerhand sein Jackett ab.Es ist Cebit-Time in Hannover ? Spielzeit für Léo Apotheker. Wenn es um den Verkauf von Software geht, fühlt sich der 53-jährige Vertriebsprofi zu Hause ? hier auf der weltgrößten IT-Messe. Seit 2002 sitzt der in Aachen geborene Volkswirtschaftler im SAP-Vorstand. Für den Konzern war seine Berufung ein Quantensprung. Hatten bis dato IT-Experten und ?Techis? die Führungsspitze von Deutschlands größtem Softwarekonzern dominiert, zog mit Apotheker der erste Vertriebler in ihre Reihen.

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Nun steht er vor einem weiteren Sprung. Seit gestern ist klar: Der sympathische Manager mit seiner leicht nuschelnden Aussprache hat gute Chancen, SAP-Chef Henning Kagermann zu beerben, den Chefsessel des weltgrößten Anbieters von Firmensoftware zu übernehmen. Der Aufsichtsrat hat Apotheker zum Vize berufen, zum stellvertretenden Vorstandssprecher.Ob er das Rennen tatsächlich machen wird, ist zwar noch offen. SAP-Mitgründer und Aufsichtsratschef Hasso Plattner mochte diesen Automatismus gestern so nicht bestätigen. Und auf den Fluren der Walldorfer Zentrale hält man es für durchaus möglich, dass Kagermann auch über 2009 hinaus an der Spitze bleiben und bis zu seinem Ausscheiden noch den ?unbekannten Dritten? aus dem Hut zaubern könnte. ?Aber ein sehr aussichtsreicher Kandidat ist er allemal?, bringt ein SAPler die allgemeine Interpretation des jüngsten Vorstands-Revirements auf den Punkt.Die Rückendeckung in der Zentrale hätte Apotheker auf jeden Fall ? im Gegensatz zum ausscheidenden Kronprinzen Shai Agassi.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Apotheker wird auch an der Basis akzeptiertApotheker wirkt ruhig, bleibt stets sachlich, lässt sich nicht von Hektik treiben. Klar, er hat den Ruf eines Vertriebsmenschen, eines Managers, der in Quartalen denkt. Für viele Entwickler in Walldorf, die jahrelang Narrenfreiheit hatten, die ausprobieren konnten, ohne exakte Planvorgaben, ist das eine doch recht fremde Welt.Dennoch wird Apotheker an der Basis akzeptiert, auch bei den Programmierern. ?Ich habe mal einen Vortrag vor Entwicklern von ihm gehört. Der war sehr gut. Apotheker kann sich exzellent auf seine Zuhörer einstellen. Das gelang Agassi nicht immer?, formuliert ein SAPLer seine Eindrücke vom künftigen Vizechef.Nur eben die Quartalsbrille, die bereitet vielen in Walldorf Sorgen. ?SAP war immer eine produktgetriebene Firma. Mit Apotheker stünde zum ersten Mal der Vertrieb ganz oben. Das bereitet uns schon Sorgen?, beschreibt ein SAP-Manager die Stimmung.An den fachlichen Qualitäten Léo Apothekers zweifelt dagegen niemand. Er baute ab 1988 für die SAP deren Geschäft in Frankreich und Belgien auf, eine echte Erfolgsgeschichte. Die setzte sich fort, als Apotheker 1999 dieVerantwortung der Region EMEA (Europa, Naher Osten und Afrika) übernahm. Bis zu seinem Wechsel in die Führungsspitze im Jahr 2002 schnellten die Umsätze geradezu in die Höhe.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zuckerbrot und PeitscheDer Fan eines guten Essens und eines guten Rotweins arbeitet dabei immer ein wenig mit Zuckerbrot und Peitsche. Bei aller Ruhe und Gelassenheit ? seine Vorgaben an die Mitarbeiter sind knallhart. Genau deshalb war er prädestiniert für den Posten des Vertriebsvorstands, hatten die ?Landesfürsten? in den guten Zeiten der SAP doch weitgehend autark gehandelt. In kürzester Zeit formte Apotheker bei Europas größtem Softwarekonzern eine einheitliche Vertriebsstruktur, definierte für jedes Segment, für jeden Markt klare Ziele. Das war für viele SAPler zwar neu. Doch es wirkte. Auch auf dem sehr wichtigen US-Markt gelang Apotheker die Trendwende. Da bewies er bei der Berufung neuer Manager ein glückliches Händchen.Nun soll er es auch im Mittelstand richten. Zigmal versuchte SAP, hier in der Breite Fuß zu fassen. Zwar stammen schon große Teile des Umsatzes aus dem Geschäft jenseits der Konzerne. Doch gerade die kleineren Firmen tun sich nach wie vor schwer mit den drei Buchstaben aus Walldorf. Deshalb musste eine neue Software her, eine, die man ?wie Musik aus dem Netz laden kann?, wie es Apotheker formuliert.Dass die Kunden einer SAP in diesem Markt ein konkurrenzfähiges Produkt abnehmen, davon ist er fest überzeugt. ?Wir werden zeigen, dass eine SAP das kann?, sagt er und ballt eine Hand zur Faust.Nur eines dürfte dem Mann, der fünf Sprachen fließend spricht, beim Wechsel an die SAP-Spitze schwer fallen: sein geliebtes Paris zu verlassen. Mitten in der Stadt, im historischen 17. Arrondissement, hat der zweifache Vater eine Wohnung. Eigentlich könne er sich nicht vorstellen, woanders zu leben, sagte er einmal. Ansonsten stünde Walldorf aber nichts im Wege. Zeit für Tennis und Schach hat er schon heute nicht.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Léo ApothekerVita von Léo Apotheker1953 wird er am 18. September in Aachen geboren. Er studiert an der Hebräischen Universität in Jerusalem internationale Beziehungen und Volkswirtschaft.1988 kommt er zum Softwarekonzern SAP in Walldorf, wo er Geschäftsführer und Gründer von SAP Frankreich und Belgien wird. Danach hat er Führungsaufgaben in verschiedenen IT-Unternehmen.1995 wird er Geschäftsführer von SAP in Frankreich.1997 leitet er die Region Südwesteuropa.1999 übernimmt er die Leitung der Region EMEA (Europa, Naher Osten und Afrika).2002 wird er im Vorstand für Customer Solutions & Operations zuständig.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.03.2007