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Sanitäter mit Hang zum Pflaster

Von Anna Trömel, Handelsblatt
Im Chefsessel der Paul Hartmann AG hat nach einem Theologieprofessor ein Oberst Platz genommen. Doch Rinaldo Riguzzi, gerade vom Regionaldirektor Westeuropa zum Vorstandschef des Pflegeprodukteherstellers aufgestiegen, steht nicht für aggressive Expansion, sondern für sanfte Konsolidierung.
STUTTGART. Nachdem sein Vorgänger Ulrich Hemel die Firma im Sauseschritt internationalisierte, ist für den Schweizer Kostenkontrolle das Wichtigste. Über seinen völlig überraschend geschassten Vorgänger möchte der 57 Jahre alte Manager nicht reden bei seinem ersten öffentlichen Auftritt im neuen Amt. Das passt zu der Fairness, die ihm berufliche wie private Weggefährten bescheinigen. Seine Karriere in der Schweizer Gesundheitsbranche verdanke Riguzzi zu einem nicht unerheblichen Teil der Tatsache, dass er ein ausgesprochener Netzwerker sei, sagt etwa Roland Marti, Chef der Schweizer Tochter der B. Braun-Gruppe.Auch am Firmensitz in Heidenheim kommt der neue Chef gut an. Riguzzi sei jemand, der das offene Wort nicht scheue, aber auf den immer Verlass sei, heißt es beim Pflasterspezialisten. In Zeiten, in denen die Traditionsfirma darüber nachdenkt, in Osteuropa zu produzieren, ist das für die Belegschaft ein relativ beruhigender Charakterzug.

Die besten Jobs von allen

Der drahtige Manager, der außer einem Schweizer auch einen italienischen Pass besitzt, wuchs im Kanton Thurgau am Bodensee auf. Wie viele Jungen in dieser Region, trat er schon als Teenager einer der Mittelschulverbindungen bei, die sich in ihren Sitten nur wenig von den Studentenverbindungen in deutschen Universitätsstädten unterscheiden.?In der Concordia wurde er ,Bantu? getauft?, erzählt sein Verbindungskamerad Peter Jung. Dieser Name, frei nach afrikanischen Kriegern, spiele auf Riguzzis Durchsetzungswillen an, glaubt Jung, der Lehrer geworden ist. Er trifft sich noch regelmäßig mit Riguzzi, der feiere gerne und spiele hervorragend Akkordeon, erzählt Jung. ?Das Einzige, was man ihm vielleicht vorwerfen kann, ist sein Ehrgeiz?, sagt Jung. ?Bantu? gebrauche seine Ellenbogen, aber: ?Sonst bringt man es wohl auch nicht so weit, oder??Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nachdem sein Vater sehr früh verstarb, konnte Riguzzi Ehrgeiz gut gebrauchen. Nach dem kaufmännischen Abschluss an der Mittelschule in Frauenfeld wechselt der junge Riguzzi an eine Schule im französischsprachigen Neuenburg, wo er das Abitur nachholt. Dann geht er zum Studium nach St. Gallen, wo er Mitte der siebziger Jahre zum Thema Kostenträgerrechnung promoviert.Zeitgleich arbeitet er sich auch in der Schweizer Armee hoch, bei der er zuletzt den Rang eines Obersts im Generalstab erreicht. Riguzzi hält die Armee-Erfahrungen für nützlich. Kommandanten lernten, Krisen zu meistern, die den Situationen der Berufswelt ähnelten.Nach Studium und Armeedienst lässt der berufliche Erfolg nicht lange auf sich warten. Bald übernimmt er leitende Funktionen, zunächst bei der Schweiz-Tochter des Medizintechnikkonzerns B. Braun und dann beim Pharmagroßhändler Galenica. 1987 wird er Chef der Internationalen Verbandstoff-Fabrik in Neuhausen. Auch in dieser Funktion bleibt er Militär. Als Chef des Sanitätsdienstes des Schweizer Militärs sei Riguzzi sein eigener bester Lieferant gewesen, spöttelt der Schweizer Journalist Markus Schär in seinem Buch ?O Thurgau?.Als IVF 1993 vom deutschen Wettbewerber Hartmann übernommen wird, bedeutet das keinen Karriereknick: Die Heidenheimer nutzen seine guten Kontakte ins Schweizer Geschäft gerne auch für sich.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.06.2004