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Sanierer mit Draht zur Spitzenpolitik

Von Holger Alich
Thierry Breton treibt mit brennender Ungeduld den Umbau der France Télécom von einer Behörde zu einem schlagkräftigen Telekomdienstleister voran. ?Den schwersten Teil habe ich noch vor mir?, sagt er nach rund anderthalb Jahren an der Spitze des Telefonriesen.
PARIS. Thierry Breton ist immer für eine Überraschung gut. Als der französische Kartellrat Anfang Juli zu einer seiner zahllosen Anhörungen einlud, wurde ein Fachmanager der zweiten Reihe von France Télécom erwartet: Stattdessen tauchte der Vorstandschef höchstpersönlich auf.In wichtigen Fragen verlässt sich Breton lieber auf sich selbst. So ist auch die neue Führungsstruktur bei France Télécom ganz auf ihn ausgerichtet: Er sitzt dem Exekutiv-Komitee vor und leitet zahlreiche Sub-Komitees wie das für Forschung und Entwicklung. Sein Ziel: schnellere Entscheidungen. Doch immer wieder muss sich Thierry Breton mit der Vergangenheit statt mit der Zukunft seines Unternehmens beschäftigten: So läuft bei der Brüsseler EU-Kommission noch eine ganze Reihe von Beihilfe-Untersuchungen gegen France Télécom. Die Verfahren haben ihren Ursprung in den neunziger Jahren, lange bevor Breton das Sagen hatte. In einem Verfahren verdonnerte nun EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti den Telekomriesen dazu, rund eine Milliarde Euro Gewerbesteuer nachzuzahlen.

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Breton will die Entscheidung vor Gericht anfechten. Politisch weiß der schlanke Manager mit dem naturkrausen Wuschelkopf die Spitzen der französischen Politik hinter sich: Von Staatschef Jacques Chirac über Premierminister Jean-Pierre Raffarin bis zum einflussreichen Vorsitzenden des Wirtschaftsausschusses im Parlament, Patrick Ollier. Kaum ein französischer Unternehmenschef ist in der Politik so gut verdrahtet wie der Chef von France Télécom. ?Für Chirac ist Breton ein guter Patron, und die Nachricht ist: Macht ihm keinen Ärger?, heißt es im Präsidentenpalast.Dabei hat Breton nie eine der üblichen Eliteschmieden wie die Verwaltungshochschule ENA besucht. Bei der Top-Uni Polytéchnique scheiterte er am Eingangstest.Sein persönliches Netzwerk hat der studierte Mathematiker und Elektrotechniker erst während seiner Karriere aufgebaut. Und er wusste stets, dieses für sich zu nutzen.Er gründet eine Software-Firma und wird 1986 zunächst Berater im Forschungsministerium für neue Medien. Dort wird Minister René Monory auf ihn aufmerksam und vertraut ihm die Entwicklung des High-Tech-Freizeitparks ?Futuroscope? an. Der entsteht in der Region Poitou-Charentes, in der ein gewisser Jean-Pierre Raffarin den Vorsitz führt. Der steigt 2002 zum Premierminister auf.Lesen Sie weiter auf Seite 2In den Neunzigern übernimmt Breton das Ruder beim Computerhersteller Bull. Schon damals setzt er sein Konzept um, mit dem er später den Unterhaltungselektronik-Konzern Thomson und jüngst France Télécom vor dem Zusammenbruch rettet: Mit kräftiger Finanzhilfe des Staates rekapitalisiert er das Unternehmen, drückt anschließend die Kosten und stellt es neu auf.Dabei setzt er seine Mitarbeiter unter großen Erfolgsdruck. Alle sechs Monate müssen die leitenden Angestellten bei France Télécom ihre drei Stärken sowie drei Schwachpunkte benennen und erklären, wie sie Letztere in den kommenden sechs Monaten beseitigen wollen. ?Ein hervorragendes Management- und Erfolgsinstrument?, findet Breton. Einige Angestellte fühlen sich dagegen fast schon ?terrorisiert?. Wer will, kann sich beim Chef persönlich beschweren: Breton filtert ? anders als viele Patrons in Frankreich ? seine E-Mails nicht: Jede kommt beim Chef an.Doch die ?Methode Breton? zeigt Erfolg: Der Betriebsgewinn von France Télécom stieg im vergangenen Jahr um 45 Prozent auf 9,5 Milliarden Euro. Die Schulden beliefen sich Ende vergangenen Jahres auf 44 Milliarden Euro. Als Breton sein Amt antrat, lagen sie ein gutes Drittel höher. An seinem Erfolg partizipiert er persönlich: Laut Geschäftsbericht verdiente er mit Boni vergangenes Jahr 1,3 Millionen Euro. Vorgänger Michel Bon musste sich mit einem Beamtensalär bescheiden.Nach der Sanierung steht nun der Umbau des Konzerns an: Im Frühjahr verpasste Breton ihm eine vollkommen neue Struktur: Die zuvor eigenständig agierenden Firmen wie die Mobilfunktochter Orange oder die Internet-Filiale Wanadoo nahm er von der Börse und sortierte sie in die fünf neuen operativen Einheiten ein, die auf Kundengruppen ausgerichtet sind.Die neue Struktur stößt sogar bei der Deutschen Telekom auf Anerkennung: ?So muss man sich heute als integrierter Telekomkonzern aufstellen?, sagt ein Manager des größeren Konkurrenten.Als Architekt und Baumeister auf der Baustelle France Télécom sitzt Breton oft sonntags im Büro. Daher findet der dreifache Vater keine Zeit mehr für seine alte Leidenschaft: Er schreibt Science-Fiction-Romane. Mit ?Softwar? gelang ihm 1984 sogar ein Bestseller.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.07.2004