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Sanfte Alleinherrscherin

Von Pierre Heumann
Galia Maor steuert die israelische Bank Leumi durch die Finanzkrise. Die leutselige Managerin, die schon mal eine ganze Abendgesellschaft mitreißen kann, kommt sich in der israelischen Machowelt mitunter fremd vor. Ein Portrait.
Galia Maor, CEO der Bank Leumi. Bild: bachmann-illustration.de
TEL AVIV. Sie entspricht so gar nicht dem Klischee eines kühlen Spitzenbankers. Galia Maor kann schon mal eine Abendgesellschaft mitreißen oder eine Tafelrunde zum Tanz auffordern. Sie singt auch ohne Scheu laut mit, wenn ihr eine Musik gefällt.Aber so leutselig die aparte 65-Jährige auch in Gesellschaft sein kann ? man sollte sie keinesfalls unterschätzen.

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Galia Maor ist die einflussreichste Frau Israels, seit Golda Meir das Land regierte. Maor gibt als Präsidentin und Chief Executive Officer (CEO) bei der Bankengruppe Leumi den Ton an, die Ende vergangenen Jahres den Konkurrenten, die Bank Hapoalim, vom ersten Platz in Israel verdrängt hat. Die israelische Wirtschaftszeitung ?The Marker? spricht von einer ?historischen Trendwende?. Außerdem treibt Galia Maor die Expansion im Ausland voran. Sie mischt bereits in Großbritannien, der Schweiz, Luxemburg und Lateinamerika mit und bereitet nun den Einstieg in Indien vor.Die Bankchefin, die so viel erreicht hat, kommt sich in der israelischen Machowelt mitunter fremd vor: ?Es ist immer merkwürdig, als Frau von einem Meer von Männern umgeben zu sein?, gab sie einmal zu Protokoll, ?aber ich kann ehrlich sagen, dass ich jede Gelegenheit genossen habe. In meiner ganzen Karriere bin ich nie auf männliche Feindschaft gestoßen.?Eine Karriere, in der sie nichts dem Zufall überlässt und ?ihre Ziele eisern verfolgt?, wie der Ex-Chairman der Bank, Mosche Sanbar, sagt, der sie im Jahr 1991 zur Bank holt, wo sie 1995 zur Chefin aufsteigt.Eisern hält sie auch an ihrer Strategie fest, nicht schnelles Geld mit risikoreichen Geschäften zu verdienen ? anders als der Konkurrent, die Hapoalim-Bank. Ihre Vorsicht zahlt sich jetzt in der Krise an den Finanzmärkten aus. ?Deshalb hat Leumi in den vergangenen Monaten weniger Geld verloren als Hapoalim?, sagt Yuval Ben-Zeev, Chefanalyst der Brokerfirma Clal Finance in Tel Aviv. Außerdem ?legte sie stets Wert auf eine hohe Kapitalausstattung und verhielt sich dabei konservativer als die Hapoalim-Bank?, meint Ben-Zeev.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Motto: unnötige Krisen vermeidenAuch privat zeigt sich Maor eher von der vorsichtigen Seite. So hat die Hapoalim-Bank versucht, sie abzuwerben. Doch sie lehnte das höhere Gehalt ab und blieb ihrer Bank treu ? eine Eigenschaft, die sie auch von ihren Mitarbeitern fordert. Die Bank belohnt jetzt ihre Loyalität und verlängert ihren Vertrag bis Februar 2010, ?in Anerkennung ihres fantastischen Erfolgs?.Ihr Managementstil wird von Bankern als ?kooperativ? beschrieben. ?Man muss seine Ziele erreichen, ohne Krisen zu provozieren, die nicht nötig sind?, bringt sie ihr Credo auf den Punkt ? und macht es gleich vor: Sie strich 1 200 Stellen, ohne für Zoff zu sorgen, indem sie die Angestellten in die finanziell abgesicherte Frühpensionierung schickte. In einem anderen Fall gelingt es ihr, Filialen zu schließen, ohne sich mit den Gewerkschaften anzulegen.Maor hat das Institut fest im Griff. Sie erscheine, so ist zu hören, als eine der Ersten in ihrem Büro im Zentrum von Tel Aviv, und sie sei eine der Letzten, die nach Hause gehe. Sie begründet das damit, dass sie das Geschäft der Bank in Nordamerika überwachen wolle. Maor kümmert sich zudem um die Tochtergesellschaften in Großbritannien, in der Schweiz, Luxemburg, Rumänien und Südamerika, in denen sie vor allem das Privatkundengeschäft pflegt. Derzeit prüft sie ein Engagement im indischen Markt.Bevor sie eine Entscheidung trifft, hört sie auf den Rat von Kollegen ? aber am Ende sagt sie, wo es langgeht. Denn Galia Maor hat freie Hand. Sie genießt das uneingeschränkte Vertrauen des Chairmans. Der Staat, der die Kontrollmehrheit besitzt, überlässt Maor alle wichtigen Entscheidungen.Die studierte Ökonomin hat den größten Teil ihrer Karriere im Staatsdienst gearbeitet. Das habe viele Vorteile gehabt, meinte sie mal in einem Interview: ?Als Beamtin konnte ich meine Arbeitszeit flexibel gestalten, während ich unsere drei Kinder großzog.? Sie und ihr Mann Joshua gehören zu den dynamischsten Ehepaaren des Landes, den sogenannten Power-Couples. Joshua leitete zwölf Jahre lang die israelische Tochtergesellschaft von IBM. Heute ist er prominenter Wagniskapital-Geber.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Bank als Volksaktie?Ihre Karriere begann die Tochter polnischer Immigranten in den sechziger Jahren bei der israelischen Zentralbank, wo sie 24 Jahre bleiben sollte. Zuletzt leitete sie dort die Bankenaufsicht. Den Posten hat sie erst ein paar Monate, als ein Bankaktienskandal auffliegt: Die Manager der größten Geldhäuser haben die Aktienkurse mit Manipulationen in die Höhe getrieben, was letztlich zu einem Crash führt, der die wirtschaftliche Existenz vieler Bürger bedroht. Eine Kommission untersucht die Vorgänge und wirft dem Notenbankchef vor, er habe zwei Jahre lang nichts gegen die Manipulationen der Banken unternommen. Bankaufseherin Maor aber kommt, weil erst frisch im Amt, ungeschoren davon.Um Banken vor dem Kollaps zu bewahren, übernimmt der Staat für sieben Milliarden Dollar ?vorübergehend? die Aktien. Der Staat hat inzwischen alle Aktien wieder abgestoßen ? alle, mit Ausnahme der Leumi-Papiere. Sehr zum Missfallen der Bankchefin: ?Der lange Privatisierungsprozess hat ein hohes Maß an Unsicherheit geschaffen?, beklagte sie sich im vergangenen Jahr, ?klare Besitzverhältnisse werden uns in der Zukunft helfen.?Die Ungeduld ist verständlich: Ihre Versuche, das Aktienpaket zu verkaufen, sind bisher regelmäßig gescheitert. Im vergangenen Jahr sorgte die Privatisierung gar für eine politische Krise. Premier Olmert geriet in Verdacht, dass er einem früheren Geschäftsfreund den Einstieg bei Leumi erleichtern wollte ? aber die Polizei stellte die Untersuchung mangels Beweisen ein. Zuvor sollte das Paket als Volksaktien verkauft werden oder an einen Auslandsinvestor.Inzwischen macht Maor aus der Not eine Tugend und sagt fast trotzig: ?Wir führen Leumi praktisch wie eine private Bank.?Derzeit unternimmt die Regierung einen neuen Anlauf und lässt sich von der Investmentbank NM Rothschild beim Verkauf des Kontrollpakets beraten. Sie sucht einen strategischen Partner, am liebsten aus der EU, heißt es in Tel Aviver Finanzkreisen. Mit einer halben Milliarde Euro sei man bereits dabei, hat Analyst Ben-Zeev ausgerechnet.Steigt tatsächlich ein strategischer Investor ein, bleibt Galia Maor, die sanfte Alleinherrscherin, dann noch lange im Amt?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Alles über die Bank und die Managerin Bank LeumiDie Managerin1943 Galia Maor wird in Israel als Tochter polnischer Einwanderer geboren. Sie studiert später Ökonomie an der Hebrew University in Jerusalem.1963 Sie heiratet ihren Mann Joshua, mit dem sie dann drei Kinder hat, und startet ihre Karriere bei der israelischen Zentralbank. Ab 1982 leitet sie fünf Jahre lang die Bankenaufsichtsbehörde. Zuletzt leitet sie bei der Zentralbank das Amt der Kapitalmarktaufsicht.1991 Sie wechselt zur Bank Leumi und wird zunächst stellvertretende Generaldirektorin.1995 Galia Maor schafft es, an die Spitze der Bank aufzurücken und wird Chief Executive Officer (CEO). Ihr Vertrag wurde inzwischen bis Februar 2010 verlängert.Das UnternehmenGalia Maor, die einflussreichste Frau Israels, ist Chefin einer klassischen Universalbank. Leumi kontrolliert in Israel rund 30 Prozent des Marktes. Außerhalb des Heimatmarktes ist Leumi vor allem im Privatkundengeschäft tätig. Die Leumi-Gruppe beschäftigt heute insgesamt rund 12 800 Mitarbeiter. In Israel unterhält sie derzeit 240 Filialen. Die konsolidierte Bilanzsumme betrug Ende September des Jahres 2007 insgesamt 302 Milliarden Schekel (rund 57 Milliarden Euro). Der Staat besitzt 11,94 Prozent der Aktien. Je zehn Prozent der Titel halten eine Investitionsfirma und eine Versicherungsgruppe, 65 Prozent sind breit gestreut.Die Historie: Leumi ist mit der Geschichte des Staates Israel eng verbunden. Ihre Vorgängerin, die Anglo-Palestine Bank, brachte 1948 die ersten Geldscheine des neu gegründeten Staates in Umlauf. Sechs Jahre später übernahm die Bank of Israel die Rolle einer Währungsbehörde.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.02.2008