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Sanft, offen und knallhart

Von Andreas Hoffbauer, Handelsblatt
Martha Lane Fox, Chefin von Lastminute.com, hat sich von der Internet-Queen zur anerkannten Managerin gewandelt.
LONDON. Wahllos stehen die kleinen Pokale und Wimpel auf dem Resopaltisch herum ? für das beste Start-up, für den erfolgreichen Börsengang, für das innovativste Gründerteam. Stück für Stück angestaubte Erinnerung an eine untergegangene Zeit: den Internetboom. Martha Lane Fox, Gründerin von Lastminute.com, dem inzwischen erfolgreichsten Online-Reisebüro in Europa, hat kaum noch ein Auge für die Auszeichnungen im Konferenzraum der Londoner Firmenzentrale.Dabei ist alles kaum vier Jahre her. Damals überschüttete man ihr Unternehmen mit Auszeichnungen. Der Börsengang von Lastminute.com im März 2000 wurde groß in New York zelebriert, die heute 30-Jährige und Mitbegründer Brent Hoberman wurden als ?Internetwunderkinder? gefeiert wie einst der Deutsche Lars Windhorst. Zur besten Sendezeit plauderte die Gründerin in englischen Top-Talkshows. Und selbst Premier Tony Blair schmückte sich mit dem jungen Gesicht der New Economy, machte sie zu seiner Internetbotschafterin.

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Es war einmal. Vom Premier habe sie lange nichts mehr gehört, sagt sie heute mit einem Lächeln. Und obwohl überzeugte Labour-Anhängerin, ist sie darum nicht verlegen. Der politische Kurs in London passt der jungen Frau wie so vielen Briten schon lange nicht mehr. Die Antikriegsplakate hinter ihrem Schreibtisch unterstreichen ihren Standpunkt: Was im Irak passiere, sei einfach ?Wahnsinn?, sagt sie entschlossen.Doch so richtig interessiert ihre Meinung die Öffentlichkeit nicht mehr. Es ist deutlich stiller geworden um die einst gefeierte ?Internet-Queen?. Von der Frau, die mal ganze Seiten und Titelblätter in der britischen Presse füllte, hat die Pressemeute längst abgelassen. Immerhin: So hat sie nun erstmals etwas Zeit für sich selbst.Eher unbeachtet bleibt darum in den Medien, dass Martha Lane Fox und Brent Hoberman in den vergangenen Monaten ein kleines Wunder mit Lastminute.com vollbracht haben. Sie haben den harten Absturz der Internetbranche nicht nur überlebt, sondern ihr Unternehmen sogar gestärkt aus der Krise geführt.Lastminute.com ist kräftig gewachsen ? allein im dritten Quartal stieg der Umsatz von 61 auf 150,9 Millionen Pfund ? und in vielen Ländern vertreten. Der Aktienkurs, der nach dem Crash an der Börse tief gefallen war, steigt seit Monaten wieder. Und am 20. November will Martha der Finanzwelt zeigen, dass die jungen Wilden auch anders können. Erstmals will sie einen Jahresgewinn präsentieren. ?Wir haben immer unsere Vorhersagen erfüllt?, weist die Jungmanagerin alle Krittler und Skeptiker schon mal zurück.Im Hauptquartier gleich neben dem Buckingham-Palast werden dann nicht die Sektkorken knallen. ?Bei uns hat es nie Champagner und Learjet gegeben?, sagt die Chefin. Eine Anspielung auf die Party-Zeiten der Branche, in denen Start-ups in Windeseile Millionen verbrannten. Die immer noch studentische Einrichtung der Lastminute-Zentrale ist ein Beleg für ihre Aussage.Das Ende der New Economy kam für sie keineswegs überraschend. ?Viele Online-Ideen waren doch einfach nur Müll?, rechnet sie mit Nachahmern ab. Erst hochgejubelt, dann fallen gelassen und beschimpft ? ein Schicksal, das am Ende auch Lastminute.com traf. Nach dem Börsencrash bekam Martha Lane Fox bis zu 3 000 Wut-Mails pro Woche. ?Die Art der Beschimpfungen war unglaublich?, sagt sie. Und für einen Moment schweigt die zierliche Frau, die sonst ohne Punkt und Komma ihre Firmenstrategie abspulen kann.Es ist das andere Gesicht der energischen Macherin, der knallharten Managerin, die für ihre rigorosen, aber fairen Entscheidungen bekannt ist: das sanfte, offene, aufrichtige. Mit einem Rehkitz verglich sie kürzlich eine britische Zeitung. Und beide Qualitäten machen Martha Lane Fox stark und glaubwürdig. Ihre oft sehr klaren Worte bekommen nie etwas Ausfallendes, Aggressives oder Beleidigendes. ?Ich würde nie von jemandem etwas verlangen, was er nicht tun möchte?, sagt sie.Aber sie verlangt, dass man handelt, wenn es erforderlich ist. Etwa im Kampf gegen die Todesstrafe, wofür sie sich seit Jahren in Menschenrechtsgruppen stark macht. Kürzlich hat sie einen DNA-Test für einen Kandidaten in einer US-Todeszelle bezahlt, um dessen Unschuld zu beweisen. ?Es hat mich einfach geschockt, dass einem offensichtlich unschuldigen jungen Mann die Todesstrafe droht?, lautet ihre Erklärung.Ob sie über Lebenspartner, Kinderwunsch oder Politik redet ? Martha Lane Fox wählt ihre Worte sehr genau. Sie spricht stets im feinen Oberklassen-Englisch, das sie aus dem Oxforder Elternhaus mitbekommen hat. Die Familie der Mutter hat adlige Wurzeln, der Vater liest als Professor in Oxford und schreibt seit Jahren als Gartenexperte für die ?Financial Times?.Vor allem der Vater habe ihr Mut gemacht für das Leben, erzählt sie. Und noch einem Mann verdankt die junge Millionärin nicht nur viel Geld: Brent Hoberman. Obwohl sie der Rund-um-die-Uhr-Job zusammengeschweißt hat, waren sie privat nie ein Paar. Dennoch hat sie für ihn eine echte Liebeserklärung: Lastminute.com habe es nur geschafft, weil die Geschäftsidee stimme ? und die stamme von Hoberman. Ihr Geschäftspartner musste die skeptische Martha erst lange überzeugen.Was aber hat Lastminute.com im Crash letztlich gerettet? Sie seien einfach schneller gewesen als die Konkurrenz. ?Hätten wir nur ein paar Tage gewartet, wäre unser Börsengang ein Flop geworden?, lautet ihre Bilanz. Dann würde niemand mehr über sie und Lastminute.com reden.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.10.2003