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Sandale und Hiebe

Von Peter Brors, Handelsblatt
Den Rosenkrieg gibt es auch im wirklichen Leben: Weil Susanne Birkenstock dem Schuh-Clan Konkurrenz macht, trifft sich die Familie heute vor Gericht. Ein Kampfbericht des Handelsblatts.
LINZ/BAD HONNEF. Er residiert auf Burg Ockenfels, einer Festung aus dem 11. Jahrhundert mit Türmchen und Erkern, gelegen auf einem Felsen hoch über Linz. Wer auf dem Balkon im oberen Stock steht, blickt über das weite Tal des Rheins, sieht im Süden die Weinberge und im Norden die schwarzen Stümpfe der im Krieg zerstörten Brücke von Remagen.Sie lebt in einer Jugendstilvilla, vornehm abgerückt von der Lohfelder Straße in Bad Honnef, umgeben von einem 3 000 Quadratmeter großen Grundstück. Der Rhein ist hier so nahe, dass von der Terrasse im Park mühelos erkennbar ist, ob ein vorbeiziehendes Frachtschiff nun Äpfel oder Birnen transportiert.

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Er ist ein bulliger Typ, braun gebrannt das füllige Gesicht. Sein schon mit Geheimratsecken ausgedünntes, dunkelblondes Haar gelt er meist zurück. Er trinkt gerne frisch gepressten Möhren-Apfelsaft. Seine Stimme klingt rheinisch gefärbt, als er sagt: ?Meine Frau hat ziemlich viel Power.?Sie ist groß gewachsen, schlank, das blonde, leicht gewellte Haar fällt ihr bis über die Schultern. Sie raucht eine Zigarette nach der anderen und beteuert: ?Nur Muttersein war mir zu wenig. Aber das hat meinem Mann nicht gepasst.?Er heißt Christian Birkenstock, 32, ist Erbe des gleichnamigen Sandalenkonzerns. Einer Firma, die täglich 40 000 Paar Schuhe aus dem Siebengebirge in über 100 Länder ausspuckt. Er sagt: ?Meine Frau hat Linien überschritten, das können wir nicht durchgehen lassen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Heidi Klum und Hugh Grant tragen die Leisetreter mit KorkfußbettSie heißt Susanne Birkenstock, 33, ist noch mit Christian verheiratet und Inhaberin der Firma SB International, eines Start-ups, das mit sechs freien Mitarbeitern eine eigene Pantolette entwickelt und diese gleich in den ersten vier Monaten nach der Markteinführung 35 000-mal verkauft hat. Sie sagt: ?Die Birkenstocks wollen mich fertig machen.?Heute treffen sich beide Seiten um 13.30 Uhr in Raum 235 des Landgerichts Köln. In der Verhandlung geht es noch nicht um die anstehende Scheidung des seit 15 Jahren verheirateten Paares, sondern um einen Markenstreit, den es in dieser Konstellation in Deutschland so noch selten gegeben hat.Tatsächlich verkauft Susanne Birkenstock seit einigen Monaten selbst Schuhe unter dem Label ?Beauty Step? und setzt in der Werbung auch ihren Namen ein. Ein Vorgehen, das die Familie Birkenstock künftig verhindern will. In einer Unterlassungsklage mit dem Aktenzeichen 31 O 688/04 schreibt das Unternehmen, es sei kein Grund ersichtlich, warum sich Susanne Birkenstock mit ihrem Namen ?an den guten Ruf der Marke anlehnt und an diesem schmarotzt?.Seit dem Herbst hat sich der Rechtsstreit zu einem wahrhaften Rosenkrieg entwickelt, den auch die Boulevardpresse in Atem hält. ?Latschen-Krieg. Die schöne Exfrau macht der Schuhdynastie Konkurrenz?, titelte etwa die ?Bild?-Zeitung.Das Thema ist vor allem deshalb so populär, weil 80 Prozent aller Deutschen sie kennen, die Leisetreter mit dem ergonomischen Korkfußbett aus dem Hause Birkenstock. Jene Sandalen, die in allen Milieus zu Hause sind: in Arztpraxen, auf Friedensdemonstrationen, aber auch in Diskotheken, seit Heidi Klum und Hugh Grant sie tragen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Jungunternehmerin in NotGroß gemacht hat die Firma Karl Birkenstock, 66, Vater der drei heutigen geschäftsführenden Gesellschafter, der Brüder Christian, Alex und Stephan. In seiner Heimat Bad Honnef nennt man ihn einen Konservativen, einen echten Patriarchen. Einen Mann, der mit viel Mut und Unternehmergeist ein kleines Produkt weltbekannt gemacht hat. Aber auch einer, der von seinen Angestellten neben Fleiß, vor allem eines erwartet: Gehorsam.Als die Belegschaft diesen in den neunziger Jahren verweigert und einen Betriebsrat gründet, kommt es zum großen Zank. Seitdem haftet der Firma mit ihren 2 000 Mitarbeitern das Etikett an, sie sei eine durch und durch gewerkschaftsfreie Zone. Auch dieser Streit geht damals durch die Gazetten, das Magazin ?Geo? etwa schrieb über ?Karls Krieg ? wie ein Familienbetrieb zum Kampfplatz wurde?.Heute wohnt Karl Birkenstock, der sich vor fast zehn Jahren aus dem operativen Geschäft verabschiedet hat, mit seiner Frau gleich neben dem Haus der Schwiegertochter und sieht, wie die liebe Verwandtschaft eine neuerliche Version von Dallas am Rhein aufführt.Alles beginnt im vergangenen Sommer, als Susanne Birkenstock erstmals davon erfährt, ?dass Händler gegenüber Kunden unseren neuen Schuh schlecht gemacht haben: ,Nicht ausgereift, gar gesundheitsschädigend sei das Modell??.Dieses Modell kann man sich als eine Art modische Sandale vorstellen, mit einem ungewöhnlichen Fußbett, bei dem die Ferse tiefer liegt als die Zehen. ?Das Bindegewebe wird so gestrafft und eine Anti-Cellulite-Wirkung erzielt?, erklärt Susanne Birkenstock und fährt fort: ?Dann drohte Birkenstock Händlern, die Rabatte zu streichen, falls sie meinen Schuh ins Programm aufnehmen.? Bei Birkenstock heißt es: ?Das können wir uns nicht erklären. Damit haben wir nichts zu tun.?Die Jungunternehmerin gerät in Not, Händler wie Kunden sind verunsichert. Sie ringt sich, zu diesem Zeitpunkt noch ohne Vorlage einer Klage, zu einer Unterlassung durch. Und verpflichtet sich, weder in ihrem Firmennamen den Zusatz Birkenstock zu führen, noch ihre Schuhe oder die Verpackung damit zu versehen. ?Ich hatte gehofft, so den Streit beizulegen.? Die Familie aber will mehr, möchte wohl erreichen, dass auch Zusätze in der Werbung, wie ?Designed by Susanne Birkenstock?, verboten werden. Susanne Birkenstock sagt: ?So heiße ich aber, und so kennt man mich in der Branche.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vergleichsvorschlag geplatztIm Herbst schlägt das Landgericht Köln einen Vergleich vor. Darin sind der Verwendung des Namens Susanne Birkenstock enge Grenzen gesetzt. Demnach dürfte etwa der Slogan ?Designed by Susanne Birkenstock? nur in gebührendem Abstand zur Marke ?Beauty Step? stehen und nur 20 Prozent der Schriftgröße der Marke ausmachen.Die Firma Birkenstock aber lässt den Vergleich platzen. Unterdessen heimst die Geschäftsfrau Auszeichnungen von Modemagazinen ein. Eine Kommission unter Schirmherrschaft von Niedersachsens Ministerpräsidenten Wulff beruft sie gar in die ?Mutmacher-der-Nation-Jury?, einem Wettbewerb, bei dem Jungunternehmer prämiert werden.Doch der ohnehin schon derbe Ton zwischen den Streitenden am Rhein erklimmt immer neue Höhen. In einem Brief an Politiker, einer geht auch an die Staatskanzlei in Hannover, und Händler listet die Firma die gesammelten Verfehlungen von Susanne Birkenstock auf. Da ist die Rede von ?Irreführung durch Verbreitung von Unwahrheiten als Grundlage der Werbung?. Aber auch ganz Persönliches zerrt der Brief, der von Birkenstock-Markenleiter Bernd Hillen unterzeichnet ist, in die Öffentlichkeit. Ein Passus daraus: ?Susanne Birkenstock verbreitet, sie habe das Wohnhaus, in dem sie ihre neue Firma betreibt, gekauft. Das ist unwahr. Sie hat dieses Haus von ihrem Ehemann (...) geschenkt bekommen. Zudem wurde ihr eine große Renovierung bezahlt. Hier lebt sie jetzt mit ihrem neuen Lebensgefährten.?Gegen die Verbreitung des Briefs erwirkt Susanne Birkenstock eine einstweilige Verfügung. Absender Hillen will nicht mehr über das Schriftstück sprechen. Noch-Ehemann Christian Birkenstock sagt nur: ?Ich habe den Brief erst später gelesen. Ich hätte das anders formuliert. Glauben Sie mir: Ich wünsche meiner Frau wirklich viel Erfolg.?
Dieser Artikel ist erschienen am 10.02.2005