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Saitenwechsel

Wenn sich Unternehmen und Orchester bisher zusammentaten, dann meist, um die Musik zu fördern. Das ändert sich: Orchester entdecken, dass auch die Wirtschaft Förderung gebrauchen kann - und erklären Führungskräften, wie ein Weltklasse-Team arbeitet.
Am Aufgang zum Orchesterpodium staut es sich. Niemand will als Erster die Bühne betreten. Nur zögerlich suchen sich die Frauen und Männer ihren Weg an die Notenpulte. Violine I - darf ich hier sitzen? Trompete III - könnte das mein Platz sein? Die Berührungsängste sind groß. Schließlich haben viele von ihnen noch nie ein Instrument gespielt, geschweige denn auf einer Orchesterbühne gesessen.

Doch heute sind sie Teil eines Experiments, das Kunst und Wirtschaft zusammenführt: "Vom Hören zum Zuhören" heißt die Bildungsreihe der Wirtschaftsjunioren München. Hier treffen junge Unternehmer und Führungskräfte eines der besten Orchester Deutschlands - das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Auf dem Lehrplan stehen weder Gehörbildung noch Rhythmik, sondern Managementmethoden. Und die Lehrer sind nicht diejenigen in den Business-Anzügen

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Cheffes Dream-Team
Was junge Führungskräfte in teuren, aber oft fruchtlosen Seminaren eingepaukt bekommen - Teamarbeit, Disziplin, Führungsstärke -, das leben Orchestermusiker jeden Tag. Sie sind Hochleistungskünstler im Ensemble, immer auf der Suche nach der bestmöglichen Interpretation eines Musikstücks. Von solchen Top-Teams können die meisten Chefs nur träumen. Warum also nicht mal Manager mit Musikern zusammenbringen, um voneinander abzugucken?

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks hat seine Gäste ins Allerheiligste eingeladen: auf die Bühne des Herkulessaals der Münchener Residenz. Morgen soll dort ein Konzert stattfinden, aber noch ist der Zuschauerraum leer. Während hinten auf der Bühne die ersten vorwitzigen Gäste durch die Notenhefte blättern, stimmt vorne ein Klarinettenquintett die Instrumente. "Willkommen in der Produktion", begrüßt Bratschist Klaus-Peter Werani die Wirtschaftsjunioren. "Wir haben für Sie ein Stück ausgesucht, das uns auch noch fremd ist. Schließlich sollen Sie ja sehen, wie Musiker miteinander kommunizieren.

Tutti statt solo
Wenn sich Kultur und Wirtschaft bisher zusammentaten, dann war klar: Wirtschaft sponsert Kultur, Kultur bedankt sich artig. Dass Unternehmen von Künstlern lernen können, war für Manager bislang eine abwegige Vorstellung. Das hat sich mit dem Orpheus Chamber Orchestra aus New York geändert: In den 90er Jahren machte es in Managementkreisen Furore mit seinem revolutionären "Orpheus Process". Das Konzept: Es gibt keinen Dirigenten, sondern die Führung rotiert innerhalb des Orchesters. Große Unternehmen und Business Schools wie Harvard und Stanford schmücken sich seitdem gerne mit den exotischen Gasttrainern

Auch in Deutschland spricht es sich herum, dass Orchester ihrem Publikum mehr zu bieten haben als Musik. "Management by orchestra" ist angesagt - erst recht, seit der Dirigent und Führungscoach Christian Gansch 2006 ein unterhaltsames Managementlehrbuch herausbrachte: "Vom Solo zur Sinfonie - Was Unternehmen von Orchestern lernen können". Seit Jahren lässt sich auch die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen von Führungskräften über die Schulter schauen. Ihr "Fünf-Sekunden-Modell", ein Managementtraining für Hochleistungsteams, entwickelten die Musiker zusammen mit dem Saarbrücker BWL-Professor Christian Scholz. Nicht nur zusehen, sondern selbst erleben, wie ein Orchester arbeitet - darum geht es auch an diesem Abend im Münchener Herkulessaal.

Deshalb dürfen die Wirtschaftsjunioren auf den Plätzen der Musiker sitzen. Eng ist es auf der Bühne; der Abstand zum Pultnachbarn beträgt nur ein paar Zentimeter. Und damit lernen die Besucher Lektion Nummer eins: In einem Orchester kann sich niemand in sein Büro zurückziehen, wenn es mal Stress mit dem Kollegen gibt. Persönliche Abneigungen müssen vor der Saaltür bleiben. "Es ist ganz wichtig für den Zusammenhalt der Gruppe, dass jeder mit jedem spielen kann", erklärt Violinist und Orchestervorstand Franz Scheuerer. "Deshalb wechseln wir Musiker innerhalb unserer Stimmgruppe systematisch die Plätze. Das dient letztlich der Kommunikation im gesamten Orchester."

Schau mir in die Augen, Geiger!
Vorne auf der Bühne setzt das Klarinettenquintett seine Instrumente an. Plötzlich ist da dieser dunkle Ton, kaum hörbar. Aber wer hat den Einsatz gegeben? Und warum schauen die Musiker immer wieder von ihren Noten hoch? Das ist non-verbale Kommunikation der Spitzenklasse: die Augen ständig in Bewegung; hochgezogene Brauen signalisieren einen neuen Einsatz. Und wenn der Klarinettist die Stimmführung übernimmt, biegt sich sein Körper vor und zurück. "Wir müssen sehr genau wissen, wen wir in welchem Takt anschauen", erklärt der erste Geiger Key-Thomas Märkl in der anschließenden Diskussion. Starten zwei Musiker gleichzeitig eine neue Phrase, müssen sie sich darüber mit Blicken verständigen

"Und wer gibt jetzt bei Ihnen den Ton an?", fragt es ungeduldig aus dem Publikum. Die Gäste sind neugierig auf die Machtfrage: Schließlich gibt es in Unternehmen immer einen, der das Sagen hat. Dass ein kleineres Ensemble auch ohne Führungspersönlichkeit auskommen kann, ist den Jungmanagern sichtlich suspekt. "Ein Orchester hält uns den Spiegel vor", erklärt Wirtschaftsjuniorin Annette Reisinger, der die Idee zur Bildungsreihe auf dem Grünen Hügel bei den Bayreuther Festspielen kam. Die Chefin einer Münchener Veranstaltungsagentur ist vor allem beeindruckt von der Eigenmotivation der Musiker: "In nur vier Proben ein Konzert auf die Bühne zu bringen, ohne Qualitätskontrolle, ist eine enorme Leistung. Davon können wir uns einiges abschauen.

Auch wenn die Noten feststehen, gibt es für Orchestermusiker viel abzustimmen: "In dieser Partitur steht an zwei Stellen ,mit Vibrato'", also einem bebenden Ton, erklärt Bratschist Klaus-Peter Werani. "Aber was will uns der Komponist damit sagen? Dass nur an diesen Stellen mit Vibrato gespielt werden darf, oder hier besonders intensiv?" Die Noten verraten es nicht; die Musiker müssen selbst entscheiden. "Das klingt nach elend langen Diskussionen", befürchtet eine Dame im Publikum. "Nein, wir einigen uns meist sehr schnell", widerspricht Violinist Key-Thomas Märkl. Kein Orchester kann sich Endlospalaver leisten, denn in ein paar Stunden muss die Bühne für das nächste Ensemble geräumt werden

Im Team kann jeder Musik machen
Wie Kommunikation im Orchester auch ohne Worte funktioniert, dürfen die Wirtschaftsjunioren zum Ausklang des Abends selbst probieren: Zwölf von ihnen trauen sich nach vorne auf die Bühne - und erschaffen mit Rhythmusinstrumenten, Klatschen, Stampfen und der eigenen Stimme ein nagelneues Musikstück. "Zugabe!", verlangt das Publikum, während sich die Musiker auf Probe etwas unsicher verbeugen

Karin McCandlish von E.ON Bayern ist noch Stunden später perplex über ihre Spontan-Performance. "Ich bin normalerweise völlig unmusikalisch, habe gar kein Rhythmusgefühl." Und doch konnte sie hier problemlos den Takt halten - dank eines Teamgefühls, das auch professionelle Orchester zu Höchstleistungen trägt. Der Einblick in eine fremde Managementwelt hat McCandlishs Kollegen Timo Premru nachdenklich gemacht: "In Seminaren habe ich häufig das Gefühl: Da kommt nichts Neues, das hat man alles schon mal gehört. Aber das hier - das ist wirklich mal was Neues." Ein ganz besonderer Saitenwechsel eben

Britta Domke

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Disziplin
Unvorbereitet ins Meeting? Heute keine Lust auf Arbeit? So etwas gibt es bei Profi-Orchestern nicht. Wer zur Probe kommt, hat selbstverständlich das Stück gründlich geübt und ist hoch motiviert. Alles andere wäre ein Skandal.

Liebe
Orchestermusiker üben einen schwierigen Takt zur Not auch 15 Mal und sagen nicht irgendwann: "Passt schon." Der Grund: Sie lieben Musik. Mit ganzer Seele. Und sie wollen, dass sie so schön wie möglich klingt. Das ist schwierig, wenn man sich beruflich mit Stahlbau oder Steuern beschäftigt. Aber ein bisschen mehr Herzblut für das eigene Produkt tut der Arbeit gut - und der Seele gleich mit

Freiraum
Ein Dirigent gibt seinen Musikern zwar die große Linie vor, aber er würde ihnen nie vorschreiben, mit welcher Technik sie ihr Instrument zu spielen haben. Solche Einmischung ist tabu. Denn in der Regel sind die Musiker bessere Virtuosen als ihr Chef.

Klarheit
"Nein, das gefällt mir nicht. Spielen Sie das mal anders!" Mit solchen Wischiwaschi-Anweisungen kann kein Orchester etwas anfangen. Dirigenten müssen Bewegungen und Worte sehr präzise setzen. Unsicherheit überträgt sich auf die Musiker

Autorität
Stundenlanges Diskutieren ist hier nicht. Wenn einem Musiker die Anweisungen des Dirigenten nicht schmecken, muss er sich fügen oder gehen. In der Regel hat ein Spitzenorchester nur vier Proben plus Generalprobe für ein Konzert. Ließe der Dirigent diskutieren, bis alle sein Konzept abgenickt haben, müsste die Aufführung verschoben werden.

Zurückhaltung
Orchestermusiker auf dem Egotrip - das wäre das Ende der Harmonie. Anders als im Unternehmensmeeting geht es im Konzert nicht darum, wer am meisten, am schnellsten und am lautesten spielt. Kein Paukist käme auf die Idee, plötzlich ein Solo einzulegen, nur weil er lange nicht mehr dran war. Jeder Musiker kennt seine Rolle und stellt sich ausschließlich in den Dienst des Teams

Hierarchien
Für Konzertbesucher sieht es so aus, als bestehe ein Orchester aus nur einem Häuptling - dem Dirigenten - und vielen Indianern. Das täuscht: Der Dirigent vertraut auf das Fachwissen seiner Teamleiter. Die heißen "Stimmführer" und sind die Führungskräfte der einzelnen Instrumentengruppen wie Celli oder Trompeten. Sie entscheiden, wie sich die Vorgaben des Dirigenten für ihr Instrument technisch umsetzen lassen. Außerdem führen sie ihr Team während des Konzerts mit Augen- und Körperbewegungen

Demokratie
Braucht ein Orchester Nachwuchs, veranstaltet es ein Probespiel. Jeder Musiker hat eine Stimme, und die Mehrheit entscheidet, welcher Kandidat aufgenommen wird. Auch die Stimme des Dirigenten zählt nur einfach. Oft hat er noch nicht mal ein Vetorecht. Das verhindert Günstlingswirtschaft und gewährleistet, dass die Neulinge vom gesamten Orchester akzeptiert werden

Dieser Artikel ist erschienen am 26.04.2007