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Sahras Welt: Linker geht nicht

Martin Roos
Wer Sahra Wagenknecht hört, sieht rot. Ist sie die Rosa Luxemburg des 21. Jahrhunderts? Oder nur eine Romantikerin, eine hoffnungslose Idealistin? Gegen das Leistungssystem ist sie jedenfalls nicht, aber gegen Kapitalismus - und das ziemlich engagiert:
Links von Ihnen gibt es nur noch die Wand. Viele beschimpften Sie als "rote Sahra", als Erz-Sozialistin. Wie lebt es sich damit?
Nach links gestellt zu werden empfinde ich nun nicht als Makel. Außerdem sollte man mal fragen, wer das linke Lager überhaupt noch repräsentiert. Die SPD jedenfalls nicht.
Links von Ihnen gibt es nur noch die Wand. Viele beschimpften Sie als "rote Sahra", als Erz-Sozialistin. Wie lebt es sich damit?
Nach links gestellt zu werden empfinde ich nun nicht als Makel. Außerdem sollte man mal fragen, wer das linke Lager überhaupt noch repräsentiert. Die SPD jedenfalls nicht

Was ist denn für Sie "links"?
Links ist ein sozialer Anspruch und ein friedenspolitischer. Links heißt in meinen Augen, dass man sich nicht in den gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnissen einrichtet, sondern über langfristige Alternativen nachdenkt und die auch anstrebt.

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Sahras Leben
Sahra Wagenknecht wurde 1969 in Jena geboren. Nach dem Abitur studierte sie mit Bafög in Jena, Berlin und Groningen ("Niederländisch kann ich besser verstehen als sprechen") Philosophie und Neuere Deutsche Literatur. Ihr Lieblingsautor ist Goethe - mit 16 Jahren las sie erstmals den Faust. "Der wird niemals unmodern", sagt sie. Seit 1996 studiert Wagenknecht im Selbststudium BWL und VWL. Zurzeit schließt sie ihre Dissertation in VWL ab.1989 trat sie in die SED ein. "Ich hatte nie den Drang verspürt, politisch aktiv zu werden. Wissenschaftlerin war mein Ziel. 1989 aber wollte ich etwas verändern und Einfluss nehmen." Von 1991 bis 1995 war sie im Parteivorstand der PDS, dem sie seit Oktober 2000 wieder angehört. Im Februar 2004 stellte ihre Partei sie als Kandidatin auf der Liste (Platz 5) zur Europawahl auf. Heute sitzt sie als Abgeordnete für die "Linkspartei.PDS" im Europäischen Parlament. Dort verdient sie 7.009 Euro brutto im Monat.
Was bedeutet dann "rechts"?
Das rechtskonservative Spektrum ist heute das, was man als neoliberal bezeichnet. Also die, die meinen, dass sie die Probleme dadurch lösen, indem sie den Kapitalismus immer mehr entfesseln und Marktmechanismen ungebremst walten lassen. Dadurch wachsen Armut und Arbeitslosigkeit. Und Unternehmen machen stets mehr Gewinne

Kapitalismus lehnen Sie ab. Was ist Ihr Modell?
Ein reformierter Sozialismus, eine Gesellschaft, die nicht kapitalistisch ist, sich aber dennoch erheblich vom System der DDR unterscheidet

Wie stellen Sie sich das vor?
Wir brauchen mehr Regulierung an den richtigen Stellen. Es kann nicht sein, dass Banken mit Milliarden auf den internationalen Finanzmärkten herumspielen, aber kleinere Unternehmen keine Kredite mehr bekommen. Wir brauchen ein Steuersystem, das dort greift, wo sehr viel Geld verdient wird, damit der Staat seinen Aufgaben, etwa in der Bildung, überhaupt wieder nachkommen kann. Und es gibt viele Bereiche, wo ich gesellschaftliche Eigentumsformen sinnvoller finde als private

Verstaatlichung von Großunternehmen - passt das noch zur Globalisierung?
Warum nicht? In Frankreich gibt es eine ganze Reihe staatlicher Unternehmen, die sicher nicht die Philosophie haben, die ich mir wünschen würde, die aber zumindest international bestens aufgestellt und konkurrenzfähig sind. Ein Staatsbetrieb ist ja nicht automatisch ein Schlafbetrieb. Natürlich muss es Abrechnung nach Leistung und klare Verantwortlichkeiten geben

Warum sollte der Staat es besser können als private Gesellschaften?
Der Staat hat andere Verantwortlichkeiten und kann auch anders in die Pflicht genommen werden. Ist es legitim, dass Unternehmen, die Gewinne machen, Arbeitsplätze abbauen? Ja, sagen viele, denn mit dem Abbau der Arbeitsplätze können Anleger noch mehr verdienen. Vom privatwirtschaftlichen Gesichtspunkt ist das so: Ein privates Unternehmen ist der Rendite verpflichtet und sonst nichts. Ein öffentliches Unternehmen kann andere Prioritäten setzen

Ist "links sein wie Sahra" bei der jungen Generation noch aktuell?
Ich merke gerade bei meinen Veranstaltungen an Universitäten, dass auch junge Leute darüber nachdenken, ob man nicht andere gesellschaftliche Verhältnisse braucht, ob und wie es mit dem globalisierten Kapitalismus und den stets größer werdenden Kontrasten weitergehen kann.

Aber so wie Sie engagieren sich doch nur die wenigsten.
Ich kenne eine ganze Reihe, die sich gerne engagieren würden, für die aber die hergebrachten Parteien kein Aktionsrahmen sind. Ich bin mir sicher, junge Leute sind nicht a priori unpolitisch. Zu Recht erwarten sie aber nicht viel von der herrschenden Politik. Was da geboten wird, ist tatsächlich ein Trauerspiel an Langeweile, Intrigen und inhaltlicher Verwechselbarkeit

Dann ist ja jetzt das Schlimmste für Sie eingetroffen - die große Koalition. Links und rechts verschwimmen.
Na ja, verschwommen war es auch schon vorher. Die SPD wird ja nun nicht dadurch eine CDU light, weil sie jetzt in eine große Koalition geht. Sie war es sieben Jahre zuvor auch schon. Letztlich stehen beide Parteien seit Jahren im Wettstreit, wer die Forderungen der Arbeitgeber-Lobby am hörigsten erfüllt.

Da ist es wohl müßig zu fragen, was Sie vom Koalitionsvertrag halten?
Ich finde ihn schauerlich. Auch zynisch. Gerade die Mehrwertsteuererhöhung heißt ja, der breiten Mehrheit, deren Einkommen eh seit Jahren stagniert, das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das ist auch konjunkturpolitisch aberwitzig. Die Reichensteuer halte ich für ein Placebo. Schon die Größenordnung ist viel zu niedrig. Unter Kohl hatten wir einen Spitzensteuersatz von 56 Prozent

Den fanden Sie also gut?
Den fände ich gut - bei einer hohen Messlatte. Ich bin nicht dafür, dass man Leute mit einem Jahreseinkommen von 60.000 Euro mit 50 Prozent Steuern belegt. Aber Leute mit 250.000 Euro und mehr - wieso nicht?

Finden Sie es denn gut, dass eine Frau aus Ostdeutschland Bundeskanzlerin ist?
Ich knüpfe daran keine großen Hoffnungen. Viele Ostdeutsche finden es als Idee bestimmt gut, dass die Kanzlerin aus dem Osten kommt. Entscheidend aber ist die Politik, und ich denke, die Menschen im Osten ahnen, dass ihre Sorgen auch von Frau Merkel nicht sehr ernst genommen werden

Ihre Kritik zielt also vor allem auf die Leistungsgesellschaft?
Wieso? Es ist zwar kaum bekannt, aber nach Marx ist Sozialismus eine Leistungsgesellschaft. Ich finde, eine Gesellschaft sollte so strukturiert sein, dass sie Fähigkeiten und Begabungen fördert und dass sie Leistungen honoriert. Genau das aber tut die heutige Gesellschaft nicht. Ist es wirklich eine zu honorierende Leistung, was die Chefs von Deutsche Bank oder Telekom so treiben? Andererseits erhalten inzwischen sogar hoch qualifizierte Techniker, Ingenieure, Naturwissenschaftler in Deutschland gar nicht erst die Chance, etwas zu leisten, weil sie keinen Arbeitsplatz bekommen

Wer wird eher scheitern, die große Koalition oder das Tandem Gysi-Lafontaine?
Ich würde unser Ziel ungern darauf reduzieren, Frau Merkel zu überdauern. Das dürfte nicht allzu schwer sein

Werden Gysi und Lafontaine gut zusammenarbeiten?
Wir haben in unserer Partei immer unterschiedliche Ansätze gehabt. Lafontaine stimmt mit einigem überein, in anderen Fragen bringt er Neues ein. Das kann aber auch produktiv sein

Wann werden Sie Vorsitzende der Linkspartei?
So schnell habe ich da keine Ambitionen

Vielleicht auch, weil Sie in Ihrer eigenen Partei recht umstritten sind?
Ich glaube, Leute, die in ihren Parteien unumstritten sind, kann man sich sparen.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.01.2006