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Russlands mächtigste Managerin

Von Mathias Brüggmann
Russlands reichster Oligarch, Oleg Deripaska, hat sich Gulschan Moldaschanowa, mit dem ?Roten Diplom? der Jahrgangsbesten promovierte Physikerin, für seine 23 Milliarden Dollar schwere Holding Basowy Element (BE) geholt. Doch nicht nur ihr Studium ist ungewöhnlich, sondern auch der Aufstieg der 41-Jährigen: Moldaschanowa kam vom Vorzimmer auf den Chefsessel.
MOSKAU. Doch nicht nur ihr Studium ist für die Welt der Wirtschaft ungewöhnlich, sondern auch der Aufstieg der heute 41-Jährigen: Moldaschanowa kam vom Vorzimmer auf den Chefsessel.Rückblende ins Jahr 1995. Die Sowjetunion ist zusammengebrochen, die Russen leiden unter den Folgen von Preisschocks, rasanter Rubelentwertung und Hyperinflation. Moldaschanowa muss ihr kleines Salär als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der berühmten Moskauer Staatsuniversität MGU aufbessern und heuert für 200 Dollar als Sekretärin der Aluminium-Vertriebsfirma Rosaluminiumprodukt ihres Institutskollegen Deripaska an: ?Ich musste ja mein Überleben sichern.?

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Zwei Wochen braucht sie als seine Vorzimmerdame, bis Deripaska die junge Kasachin zur Assistentin der Finanzdirektorin befördert. Ein Jahr später schickt er sie in die Außenhandelsabteilung seines Aluminium-Riesen Russkij Aluminii (Rusal).
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Heute ist Rusal der zweitgrößte Leichtmetall-Konzern der Welt. Und Moldaschanowa inzwischen mehr als Chef dieses Giganten. Denn seit Februar 2005 steht sie an der Spitze der BE-Holding. Seither hat die geschiedene Mutter einer dreijährigen Tochter einiges vorzuweisen: Das Industrie-Sammelsurium BE, das von Zellulose-Kombinaten über Autowerke sogar in England, eine Versicherung, einen Kurierservice, mehrere Baufirmen und eine Textilfabrik bis hin zum Aluminiumriesen Rusal und zu Agrarbetrieben ganze Branchen umfasst, ist inzwischen in sieben Divisionen aufgeteilt. Die Lenker: Moldaschanowa und der über allem schwebende Aufsichtsratschef Deripaska.Auch dank erheblicher Zukäufe ist der Umsatz 2006 gegenüber dem Vorjahr um 40 Prozent auf 18,5 Milliarden Dollar gestiegen, der Wert der 83 Einzelunternehmen um 61 Prozent auf 23 Milliarden Dollar ? sogar noch ohne die in diesem Jahr erfolgten Beteiligungen an den Baukonzernen Hochtief (9,9 Prozent) und Strabag (30 Prozent) sowie den Einstieg beim weltgrößten, kanadischen Automobilzulieferer Magna.Als Alleineigentümer von BE ist Deripaska der reichste Russe und Moldaschanowa ?seine rechte Hand?, wie sie im Gespräch in ihrem Moskauer Büro erzählt. Zierlich und zurückhaltend wirkt sie, ihre Visitenkarte übergibt die aus Alma-Ata stammende Topmanagerin mit leichter Verbeugung. Dabei gilt sie, die auf der ?Fortune?-Liste der mächtigsten Frauen der Weltwirtschaft auf Rang 22 steht und von ?Iswestija? zur ?erfolgreichsten Managerin Russlands? gekürt wurde, hausintern als ?eiserne Lady?. ?Fünf bis sechs Prozent Wachstum über 20 Jahre? schreibt sie denn auch allen sieben BE-Divisionen als Ziel vor.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der BE-Konzern hat Kreide gefressenAber ansonsten hat der wegen seiner umstrittenen Übernahmen bekannte BE-Konzern Kreide gefressen: ?Wir kaufen doch nicht einfach Aktien eines Unternehmens über die Börse und sagen dann: Jetzt sind wir da?, sagt Moldaschanowa, die zusammen mit Deripaska ?mindestens zweimal im Monat in Deutschland und Österreich? in Sachen Beteiligungen sei. ?Wir machen keine feindlichen Übernahmen?, behauptet sie. Auch an Hochtief oder Strabag strebe BE nicht die Mehrheit an. Es gehe ?um gemeinsame Projekte und Know-how für Russland?.Dabei könnten sich beide Baukonzerne ?auf große Aufträge freuen? für Deripaskas Großprojekte von Sotschi, das gerade den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2014 erhalten hat. Allerdings, räumt die zupackende Frau, die in ihrer Freizeit Blumen und Avocado-Bäumchen züchtet, ein, seien die Beteiligungen an europäischen Baukonzernen und bei Magna ?ein wichtiger Durchbruch?. Seither sei es viel einfacher, die Vorbehalte gegen russische Unternehmen im Westen zu zerstreuen. Über weitere Zukäufe will sie nicht reden. Nicht einmal über die diskutierte Schließung des verlustreichen Deutschland-Geschäfts von Hochtief, auch nicht über Magnas Pläne, die Ford-Töchter Volvo und Jaguar zu übernehmen: ?Das sind Entscheidungen des dortigen Managements.?Sie habe in Russland ?alle Vollmachten eines CEO?, und Deripaska sei im Konzern ?der Spielertrainer?, umschreibt Moldaschanowa ihre Rolle. Und wie ist es als Frau an der Spitze in der Schwerindustrie? ?Ich hatte bei Verhandlungen in Deutschland oder Österreich nie eine Frau als Gegenüber, wohl aber in den USA, Frankreich und sogar in China.? Wohin sie BE führt, ist offen. Ihr Konglomerat setze zwar weiter auf Übernahmen und Beteiligungen, das seien aber langfristige Investitionen. Und der gerade bei russischen Megakonzernen in Mode gekommene Gang an die Börse sei für BE ?kein Selbstziel?. Allenfalls zur Finanzierung von Großprojekten würden Aktien ausgegeben und ?um unsere Reputation weiter zu erhöhen?.Gulschan Moldaschanowa1966 wird sie am 11.Juni in Alma-Ata geboren.1989 schließt sie dort ihr Physikstudium ab und geht 1994 zur Moskauer Staatsuni.1995 beginnt sie als Sekretärin bei Oleg Deripaska und steigt rasant auf.2002 wird sie Strategie-Direktorin bei Rusal.2005 steigt sie auf zur Generaldirektorin in Deripaskas Holding.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.07.2007