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Russlands kleiner Bloomberg

Von Mathias Brüggmann, Handelsblatt
Er ist so etwas wie der russische Michael Bloomberg. Wie sein großes amerikanisches Vorbild betreibt German Kaplun eine Nachrichtenagentur und einen Wirtschaftsfernsehsender. Außerdem gehört ihm ein IT-Dienstleister. Aber es drängt den Gründer, Chairman und Chief Executive Officer von Ros Business Consulting (RBK) bislang nicht in die Politik.
MOSKAU. Kapluns Lieblings-Projekt ist sein Fernsehsender. Stolz führt der stämmige Mann mit dem zurückweichenden Haupthaar auf der höher werdenden Stirn durch die frisch gestrichenen Räume in einem ehemaligen, sowjetischen Forschungszentrum. Meeresblau sind die zwei Studios von RBK-TV am Moskauer Stadtrand. Hier produziert der Sender täglich 18 Stunden Wirtschaftsfernsehen und wöchentlich ein einstündiges Programm für CNN.Der russische Bloomberg hat in der alternden Betonburg 550 Mitarbeiter untergebracht, 300 von ihnen sind Reporter, Nachrichtenredakteure und Kameramänner. Sie sitzen hinter weißen Säulen mit den Kürzeln weltweit wichtiger Börsenindizes wie Dax oder Nasdaq an ihren Monitoren. In der gesamten RBK-Gruppe beschäftigt Kaplun 1 300 Angestellte. Im vergangenen Jahr kam er auf einen Umsatz von gut 40 Millionen Dollar. Davon entfielen 60 Prozent auf die Mediensparte und der Rest auf IT-Dienstleistungen wie Systemintegration oder Softwareanpassung.

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In die Medienbranche kam der 35-jährige Moskauer über Umwege. Erst macht ein Diplom als Programmierer, überlegt es sich dann aber zum Start des neuen, marktwirtschaftlichen Russlands anders und wird Broker. ?Eine sehr lustige Zeit?, erinnert sich Kaplun: ?Ich war Broker an einer Metallbörse, für ein Wurstkombinat.? Wurstkombinat? ?Anders konnte es nicht an die für die Produktion erforderlichen Metalle kommen.?Doch die wilden Jahre des Umbruchs machen nur den reich, der unter die Händler geht. Und so nutzt Kaplun seine Computer-Erfahrungen und verkauft ab 1992 Rechner. Zwei Jahre später investiert der heute in feines Nadelstreifen-Tuch gehüllte Manager sein Geld in den Aufbau einer Bank, die er inzwischen verkauft hat.Die Idee für die Wirtschaftsagentur wird 1993 geboren. Kapluns Freund, der spätere RBK-Mitbegründer Alexander Morgultschik, lernt bei einem Praktikum in der russischen Zentralbank die Reuters-Wirtschaftsnachrichten kennen. Er beschließt, so etwas für sein Heimatland zu entwickeln. ?Der Anfang war recht bescheiden?, amüsiert sich Kaplun heute und zieht die Lippen seitlich hoch: RBK-Journalisten trugen Informationen zusammen, die auf sieben Zetteln täglich ausgedruckt und per Kurier zu den Abonnenten gebracht wurden.Der Aufschwung kommt erst, als Russlands Wirtschaft im August 1998 in die Knie geht. ?Plötzlich brauchten alle unsere Informationen wie die Luft zum Atmen?, erzählt Kaplun, während er durch die Redaktionsräume schreitet. An je fünf Doppelreihen sitzen links und rechts Journalisten wie Broker in einem Bank-Handelsraum vor ihren Bildschirmen, die Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt. Heute ist RBK Russlands größter Anbieter für Wirtschafts-Nachrichten und ein großer Dienstleister für Informationstechnologie.?Ich entscheide über die Strategie und kontrolliere?, umreißt Kaplun seine Aufgabe als Aufsichtsrats- und Vorstandschef. Die Börse ist offenbar zufrieden mit diesem eigenartigen Verständnis von Corporate Governance: Die seit 2002 börsennotierten RBK-Aktie legte im vorigen Jahr um 240 Prozent zu ? deutlich stärker als das russische Börsenbarometer RTS. 190 Millionen Dollar ist das Unternehmen heute auf dem Kapitalmarkt Wert. ?Noch in diesem Jahr werden wir weitere zehn oder 15 Prozent der Aktien an die Börse bringen, um unsere Expansion zu finanzieren?, sagt Kaplun. Heute werden erst 26 Prozent der RBK-Aktien gehandelt. Der Chef und seine zwei Kompagnons sind mit jeweils gut 24 Prozent die größten Aktionäre.Sie profitieren von einem boomenden Markt: Russlands Börse legte im vorigen Jahr um 58 Prozent zu, und die Werbeumsätze im Land stiegen laut der Assoziation der Kommunikationsagenturen Russlands (AKAP) um 31 Prozent auf 2,6 Milliarden Dollar. Und im nächsten Jahr werden Werbe-Umsätze von 3,5 Milliarden Dollar erwartet.Doch bei aller Dynamik, einige Dinge ändern sich nicht. Fast 13 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gilt bei RBK weiter der Spruch: ?Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?. So überprüft Kaplun getreu dem Lenin-Motto die journalistische Qualität der Produkte. Er will den in Russland weit verbreiteten bezahlten Journalismus verhindern: Firmen zahlen, Zeitungen drucken bestellte Artikel. ?Uns schützt, dass wir politische Ereignisse nicht kommentieren?, erklärt Kaplun, warum seine Medien nicht die gleichen Probleme unter Präsident Wladimir Putin bekommen wie andere Zeitungen oder TV-Sender.Vielleicht liegt es auch daran, dass sich der RBK-Chef auch international erfahrene Manager wie den früheren CEO und Chairman von Credit Suisse First Boston, Hans-Jörg Rudloff, in den Aufsichtsrat geholt hat. Aber sein großes Vorbild aus den USA, Michael Bloomberg, konnte Kaplun bislang noch nicht locken.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.02.2004