Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Russische Seele

Von Oliver Stock
Jetzt fließt es also wieder, das Öl, das Russland durch die Pipeline mit dem schönen Namen Druschba ? ?Freundschaft? ? unter anderem bis nach Deutschland pumpt. Einer, der das Hin und Her um die Energielieferungen mit Hochspannung verfolgt hat, ist Matthias Warnig. Der Chef der geplanten Ostsee-Pipeline setzt auf Putin.
Matthias Warnig im Jahr 2005 bei einem Treffen mit Putin. Foto: dpa
ZÜRICH. Der gemütlich wirkende Deutsche mit dem weißen Haar hat einen der explosivsten Jobs, den die Energiebranche zu bieten hat: Er ist Geschäftsführer bei Nord Stream, jener Gesellschaft, die den Bau und Betrieb einer 1 200 Kilometer langen Erdgasleitung auf dem Grund der Ostsee von Wyborg nach Greifswald plant. Nord Stream haben letztlich der russische Präsident Vladimir Putin und der damalige deutsche Kanzler Gerhard Schröder aus der Taufe gehoben. Schröder ist heute Vorsitzender des Aktionärsausschusses.Das Pipeline-Projekt ist mit seinen fünf Milliarden Euro Baukosten selbst für beteiligte Unternehmen vom Schlage einer Gazprom oder Eon Ruhrgas und Wintershall kein Pappenstiel.

Die besten Jobs von allen

Scheitert das Projekt, weil sich die Partner nicht trauen, hat nicht nur Warnig ein Problem. Der Manager, dessen Dienstsitz das politisch neutrale und überaus steuerfreundliche Zug in der Schweiz ist, beeilt sich deshalb, die Wogen zu glätten: Die Auseinandersetzung über Öllieferungen rücke natürlich die Frage nach der Zuverlässigkeit von Energielieferungen in die öffentliche Diskussion, sagt er. ?Aus meiner Arbeit in und mit der Gazprom sehe ich aber auch die klaren Interessen und Bestrebungen, alle langfristigen Lieferverpflichtungen nach Europa vertragsgerecht zu erfüllen.? Handelt es sich um eine Machtdemonstration? Warnig ist anderer Meinung. ?Machtspiele?, hatte er dazu bereits früher erklärt, ?sind immer zweiseitig.? Wer am längeren Hebel sitzt, ist für ihn nicht ausgemacht: ?Russland ist auch abhängig von Importeinnahmen aus Europa.?Warnig geht als einer der wenigen Deutschen durch, die sich mit der russischen Seele besonders gut auskennen. Seine Biografie ist ? vorsichtig ausgedrückt ? außergewöhnlich. Der 51-Jährige kam bis 1989 als Stasi-Major unter dem Decknamen ?Arthur? in der so genannten Hauptverwaltung A-Residentur Nr. 1 in Düsseldorf zum Einsatz, zuständig für Industriespionage in Westdeutschland. Damals stand Warnig bereits seit 15 Jahren im Dienst der DDR-Staatssicherheit und hatte Medaillen für treue Dienste bei der Nationalen Volksarmee im Schrank. Als er 1987 seine Arbeit in Düsseldorf aufnahm, war die DDR gerade gegenüber der Bundesrepublik mit Warenlieferungen in Rückstand geraten. Einige Produkte hatten sich als fehlerhaft erwiesen. ?Arthur? sollte helfen, den Plan wieder zu erfüllen, und zwar indem er Material in Westdeutschland sammelte, um Wissenslücken in der DDR zu schließen. Wirtschaftsspionage ist dafür auch ein Ausdruck.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Persönliche Bekanntschaft mit Putin Was Warnig lieferte, stuften seine Abnehmer in Berlin ein als ?wertvolles Material von hoher Bedeutung für die ökonomische Forschung?. Wie weit es tatsächlich nutzte, ist dahin gestellt, wenn Warnig beispielsweise auch einen Katalog über ?Produktinformationen für Rohrleitungsarmaturen? in den Osten sandte. Er selbst stellt sein Licht unter den Scheffel, wenn er später sagt: ?Meine persönliche Arbeit in der Spionage ist in staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen aufgearbeitet worden, die wegen Geringfügigkeit eingestellt wurden.?Gleich zu Beginn seiner Arbeit in Düsseldorf trug Warnig Informationen über Embargo-Bestimmungen gegen den Ostblock bei der Dresdner Bank zusammen. Die Beziehung zur Bank gediehen so gut, dass Warnig nach dem Fall der Mauer im März 1990 nicht mehr als Spion, sondern als Trainee das Haus von innen kennen lernen durfte. Die Banker machten ihn später zum Russland-Chef.Warnig dürfte nicht zuletzt wegen seiner persönlichen Bekanntschaft mit Putin dafür gesorgt haben, dass die Allianz-Tochter eine der wichtigen Investmentbanken auf dem russischen Markt geworden ist. Noch immer waltet Warnig in einem Aufsichtsratsgremium der russischen Dresdner-Bank-Tochter. Auch die Familie wohnt in Moskau.Er sehe sich als Moderator zwischen der deutschen und der russischen Seite, sagt er. Der neutrale Boden der Schweiz sei dafür genau der richtige Standort. Und er sei genau der richtige Mann. Einer, der ?nach vorne schauen muss, um eine komplizierte Aufgabe wahrzunehmen?.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.01.2007