Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Runter von der Couch!

Hans-Martin Barthold | Liane Borghardt
Mit sich und seinen Mitmenschen in völliger Harmonie leben – wer dies vom Psychologiestudium erhofft, wird herb enttäuscht: Eine Therapie ist das Studium nicht.
Mit sich und seinen Mitmenschen in völliger Harmonie leben – wer dies vom Psychologiestudium erhofft, wird herb enttäuscht: Eine Therapie ist das Studium nicht.

Vielmehr beschäftigt sich die akademische Psychologie mit Regeln und Gesetzmäßigkeiten, die menschliches Verhalten und Erleben bestimmen. ?Deshalb müssen sich Psychologiestudenten bereits im Grundstudium mit Statistik, Experimentalmethodik und Testtheorie befassen: Stoff, der meist als trocken empfunden wird und in keinem Zusammenhang mit der psychologischen Berufspraxis zu stehen scheint. Doch dieser Schein trügt“, sagt Manfred Schmitt, Professor für Sozialpsychologie an der Uni Trier.

Denn eine erfolgreiche Anwendungspraxis, zum Beispiel Psychotherapie, sei nur auf Basis guter Theorien möglich. ?Und um den Wert neuer Theorien und Methoden beurteilen zu können, braucht man das im Studium vermittelte Fachwissen“, so Schmitt

Die besten Jobs von allen


Kaum eine Situation, die nicht unter psychologischen Gesichtspunkten betrachtet werden könnte: der Mensch einzeln oder in Gruppen, am Arbeitsplatz, in der Freizeit, krank oder gesund, jung oder alt, als Lernender, als Straftäter oder als Elternteil. Entsprechend viele Berührungspunkte gibt es mit anderen Disziplinen, vor allem mit der Medizin, Soziologie, Biologie sowie den Wirtschaftswissenschaften

Wer sich für ein Psychologiestudium entscheidet, sollte als allererstes neugierig sein, wie Menschen funktionieren“, sagt Melanie Jonas vom Bundesverband Deutscher Psycho.logen (BDP). ?Aktives Zuhören“ hält auch der Kölner Psychologieprofessor Egon Stefan für eine wichtige Kompetenz in der beruflichen Praxis.

?Lehrangebote zum so genannten personenzentrierten Gespräch sollte jeder Student wahrnehmen – unabhängig vom angestrebten Arbeitsfeld“, sagt Stefan. ?Allerdings gibt es diese nicht an jeder Hochschule. Es empfiehlt sich, vor dem Studium die Vorlesungsverzeichnisse genau anzuschauen.“

Psychologen können die im Studium erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten in unterschiedlichen Berufsfeldern nutzen: als klinische, pädagogische oder forensische Psychologen oder aber in Werbung, Medien, Sport, Freizeit, Personal-, Gesundheits- oder Verkehrswesen. ?Die allgemeinen Grundlagen werden zwar im Studium vermittelt, auf jede psychologische Berufstätigkeit bereitet das Studium allerdings nicht vor“, sagt Sozialpsychologe Schmitt.

Spezifische Kompetenzen müssen Studenten also je nach Berufsziel erwerben. Für einen Job bei Vereinen oder Wohlfahrtsverbänden werden neben dem Diplom oft Fachkenntnisse in Verhaltens-, Gesprächs-, Sucht-, Kinder- sowie Familientherapie erwartet. Arbeitgeber in der Wirtschaft setzen meist Know-how in BWL und elektronischer Datenverarbeitung voraus.

?Studenten können den Elfenbeinturm der Wissenschaft daher gar nicht oft genug verlassen“, rät Diplom-Psychologe Hans- Georg Uhlenbrock, Chef der Beratungsgesellschaft tpm und Honorarprofessor an der Uni Regensburg. Methodisch und wissenschaftstheoretisch werde sie gut ausgebildet, findet Melanie Jonas; sie studiert Psychologie an der Uni Bielefeld. ?Aber der Praxisbezug ist völlig unzureichend.“

Wer sich als psychologischer Psychotherapeut oder als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut selbstständig machen will, braucht Ausdauer: Seit Januar 1999 schreibt das Psychotherapeutengesetz vor, dass Anwärter nach dem Studium ein Jahr lang in einer psychiatrischen Klinik arbeiten und eine dreijährige Weiterbildung an einer Hochschule oder einer staatlich anerkannten Einrichtung absolvieren müssen. Immer häufiger verlangen auch Kliniken diese zusätzliche Qualifikation.

Eine weitere Neuerung durch das Psychotherapeutengesetz: Gleichberechtigt mit Vertragsärzten sind die psychologischen Psychotherapeuten in die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) integriert. Um sich in einer Region niederzulassen, benötigen psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten die Genehmigung der jeweils zuständigen KV. ?Dafür muss man nachweisen, dass man sich während der zusätzlichen Ausbildung mindestens eine dieser drei Methoden angeeignet hat: Verhaltenstherapie, psychoanalytische oder tiefenpsychologisch fundierte Therapie“, erklärt die Bonner Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Marianne Gutmann. ?In ländlichen Gegenden hat man in der Regel größere Chancen auf eine Niederlassung als in Ballungszentren.“

Psychologe, Psychotherapeut, Psychiater – wo liegen die Unterschiede? ?Diplom-Psychologe darf man sich nach abgeschlossenem Hochschulstudium nennen. Psychologen führen den Titel psychologischer Psychotherapeut und Mediziner den Titel medizinischer Psychotherapeut, wenn sie sich dafür in einer staatlich anerkannten Ausbildung qualifiziert haben“, erläutert Gutmann. Eine Weiterbildung zum psychologischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten könnten auch Pädagogen und Sozialpädagogen absolvieren. Die Psychiatrie, die medikamentöse Behandlung von Patienten, sei den Medizinern vorbehalten.

Dieser Artikel ist erschienen am 24.08.2001