Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Rumoren in Werdohl

Von E. Krummheuer
Vossloh-Chef Eschenröder eckte beim Start mächtig an. Mit dem neuen Großaktionär Guy Wyser-Pratte dürfte er sich aber gut verstehen.
DÜSSELDORF. Den Einstieg in den neuen Job in einer für ihn neuen Branche hatte sich Vossloh-Chef Gerhard Eschenröder vermutlich einfacher vorgestellt. Nicht einmal die ersten hundert Tage an der Spitze des Bahntechnik-Konzerns Vossloh blieben ihm, um sich ohne öffentliche Beobachtung einzuarbeiten.Dann ging es Schlag auf Schlag: Bilanzpressekonferenz; Hauptversammlung; die vom Kartellamt blockierte Übernahme der Gleisbausparte von Pfleiderer, mit der Konsequenz einer ersten Rücknahme der Gewinnprognose für 2006; und letzte Woche eine erneute Korrektur der Ergebniserwartung: Der Aktienkurs fiel um fast 20 Prozent. Und nun das: Guy Wyser-Pratte ist neuer Großaktionär. Und dürfte ihm nach aller Erfahrung bei anderen Unternehmen kräftig reinreden. Vieles wird sich ändern beim MDax-Mittelständler, der heute noch zu einem Drittel von der Gründerfamilie dominiert wird, und trotz internationaler Aufstellung seinen Stammsitz im westfälischen Werdohl behält.

Die besten Jobs von allen

Keine gute Ausgangsposition für einen Vorstandsvorsitzenden, der im Unternehmen, bei Anteilseignern und in der Bahnbranche in den ersten Wochen nach der Amtsübernahme vor allem Verunsicherung, Kopfschütteln und auch kräftige Verärgerung auslöste ? je nach Naturell und Betroffenheit. Wie aus dem Unternehmen zu hören war, zog Eschenröder gleich die Zügel an. Einsame Entscheidungen sollen alten Weggefährten zufolge auch schon in seiner Zeit bei Ruhrgas ein Wesenszug gewesen sein.?Er hat keine Ahnung vom Geschäft und weiß doch alles besser?, charakterisiert eine Vossloh-Führungskraft den 52-Jährigen. Nicht nur, dass dem promovierten Betriebswirt jegliche Branchenerfahrung fehlt: Er gilt im Unternehmen wie auch in der Industrie nicht unbedingt als erste Wahl ? hatte es doch nach der Rücktrittserklärung des Vorgängers Burkhard Schuchmann Wochen gedauert, bis er als neue Führungskraft ausgerufen wurde. Hinter den Kulissen wurde schon gemunkelt, Eschenröder habe den Vossloh-Job vor allem deshalb bekommen, weil er sofort zu haben war: Bei Ruhrgas Industries war er im September ausgeschieden.Eschenröders Problem sind auch die großen Fußstapfen seines Vorgängers. Schuchmann hatte den einstigen Gemischtwarenladen ausgebaut, für die Börse getrimmt und mit seinen großzügigen Wachstumsplänen die Phantasie bei Anlegern und Analysten reichlich bedient ? meist nicht zum Schaden des Kurses.Lesen Sie weiter auf Seite 2: 2006 das ?Jahr des Übergangs"Damit ist in der neuen Ära Schluss. Eschenröder nennt 2006 das ?Jahr des Übergangs?. Er hat angekündigt, alles im Unternehmen auf den Prüfstand zu bringen und neben weiteren Akquisitionen auch über den Verkauf von Vossloh-Sparten nachzudenken. Das hat ihm schon den bösen öffentlichen Vorwurf eingetragen, er mache den Konzern bewusst schlecht, um sich gegen Ende seiner dreijährigen Amtszeit als erfolgreicher Sanierer feiern zu lassen. Das ficht ihn nicht an. Es gebe ?einige Dinge zu korrigieren?, auch wenn keine Zweifel an der bisherigen ?tollen Entwicklung? des Unternehmens bestünden, sagte Eschenröder dem Handelsblatt. Jedoch: ?Wir leben nicht von der Historie, sondern für die Zukunft ? und da müssen wir einiges anpacken.? Hart am Wind zu sein ist für den Vater zweier Söhne keine neue Erfahrung: Er ist begeisterter Segler.Zustimmung wird er beim neuen Großaktionär Wyser-Pratte ernten. Der hat schon ähnliche Vorstellungen geäußert, bevor man sich überhaupt kennen gelernt hat. Aber auch von Analysten und aus Aufsichtsratskreisen ist zu hören, dass es nach der langen Schuchmann-Ära im Unternehmen Bedarf für die eine oder andere Kurskorrektur gibt.Bis September ist Eschenröder Zeit gegeben, seine Strategie zu präsentieren. So musste sein Auftritt auf der Hauptversammlung im Mai zwangsläufig blass bleiben. Die Anteilseigner erlebten das Gegenstück eines charismatischen Firmenlenkers. Vosslohs neuer leitender Angestellter wirkte auf die Aktionäre eher wie ein nüchterner Buchhalter ? aber da hatte er noch nicht einmal die ersten hundert Tage hinter sich.Gleichwohl nutzte er den Auftritt in der Düsseldorfer Messe zu kräftigen Seitenhieben gegen seinen Vorgänger und dessen Strategien. Als er dann feststellte, er wolle Vossloh zu ?neuer Glaubwürdigkeit? führen, stand er voll im Fettnäpfchen. Inzwischen hat er selbst ein Glaubwürdigkeitsproblem: Den Aktionären hatte er noch verkündet, nach einem schwächeren Start in den ersten vier Monaten liege das Unternehmen dann doch auf Kurs. Doch dann musste er vergangenen Freitag die Gewinnprognose erneut um 20 Prozent kürzen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: VitaGerhard Eschenröder1954: wird er in Gelsenkirchen geboren.1975: beginnt er das Studium der Betriebswirtschaftslehre und Informatik in Berlin, Köln und Bonn, anschließend promoviert er in BWL.1984: startet er bei AT Kearney in Düsseldorf als Unternehmensberater ins Berufsleben. Weitere Stationen sind Gerresheimer Glas und Vitakraft.1995: wechselt er zum Ruhrgas-Konzern.2003: wird er Vorsitzender der Geschäftsführung von Ruhrgas Industries. Nach der Übernahme durch einen Investor scheidet er 2005 aus.2006: wird er zum 1. März neuer Vossloh-Chef.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.06.2006