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Ruhrgas-Chef: Der sture Diplomat

Von Jürger Flauger
Eigentlich ist Burckhard Bergmann, Chef des mächtigsten deutschen Gaskonzerns Eon Ruhrgas, ein erfahrener Diplomat. Doch im Gasstreit mit dem Kartellamt bleibt er unnachgiebig ? und isoliert sich.
In der europäischen Gasbranche gilt Bergmann als der einflussreichste Manager schlechthin. Sein Verhandlungsgeschick wird auch von seinen größten Konkurrenten in höchsten Tönen gelobt.Aber zurzeit gibt sich Bergmann höchst undiplomatisch. Erbittert streitet der passionierte Jäger mit dem Präsidenten des Bundeskartellamts, Ulf Böge, um die Öffnung des Gasmarktes. ?Wir weisen marktfremde Einschränkungen des Kartellamts zurück?, tönt er da.

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Böge hat eine empfindliche Stelle im Machtgefüge des Marktführers ausgemacht: die langfristigen Lieferverträge, mit denen große Ferngasgesellschaften wie Eon Ruhrgas ihre Hauptkunden, die Kommunalversorger, an sich gebunden haben.Über viele Jahre hinweg haben sich die Platzhirsche so einen Großteil des Gasbedarfs von Stadtwerken und Regionalversorgern gesichert und neue Anbieter aus dem Markt gehalten. Nun will Böge die Laufzeiten von neuen und alten Verträgen stark verkürzen, um für mehr Wettbewerb zu sorgen. Setzt er sich durch, muss vor allem Eon Ruhrgas um Marktanteile fürchten.Monatelang suchten die beiden Parteien nach einem Kompromiss, der zwar die Laufzeiten von neuen Verträgen rasch beschränken, bei alten Verträge aber einen sanften Übergang erlauben sollte. Tatsächlich sah es so aus, als könnten sich Böge, Bergmann und die Chefs anderer Gasgesellschaften zusammenraufen. Doch nach stundenlangen Gesprächen scheiterte die Einigung vor zweieinhalb Wochen in letzter Minute. An der fehlenden Kompromissbereitschaft Böges, heißt es bei Eon Ruhrgas. An Bergmanns hartnäckiger Haltung, hält dieser dagegen.Seither sind die Fronten endgültig geklärt. Eon Ruhrgas ist in der Branche isoliert. Kartellamtschef Böge und Bergmann liefern sich über Konferenzen und Presseerklärungen ein Fernduell, bei dem Bergmann weiter behauptet: ?Es gibt reichlich Freiraum für Wettbewerber.? Beide Parteien werden sich in wenigen Monaten vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf treffen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Konkurrenten schütteln den Kopf.Konkurrenten schütteln den Kopf: ?Bergmann verrennt sich?, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Von 15 Ferngasgesellschaften, gegen die Böge vorgegangen war, hatten 14 dem Kompromiss zugestimmt, nur Eon Ruhrgas nicht.?Bergmann ist ein Gasmanager vom alten Schlag?, erläutert ein Kenner des Unternehmens, ?er ist eben an die alten Machtverhältnisse gewöhnt und gibt nicht schnell klein bei.? Früher habe das Unternehmen einen Konkurrenten, der abspringen wollte, einfach aufgekauft.Der 62-Jährige hat fast seine gesamte Karriere bei Deutschlands größter Gasgesellschaft verbracht. Mit 37 Jahren trat er schon in den Vorstand ein, mit 59 wechselte er auf den Chefsessel. Immer verdiente der Gaskonzern prächtig, die Lieferverträge, die Bergmann als Chefeinkäufer aushandelte, waren vor der Liberalisierung des Energiemarktes Ende der 90er-Jahre eine Lizenz zum Gelddrucken. Aber auch danach hat das Unternehmen mit seiner Marktmacht den Angriff neuer Konkurrenten abgewehrt.Der gebürtige Westfale, der auf den ersten Blick eher steif und distanziert wirkt, sich aber in geselliger Runde von seiner humorvollen Seite zeigt, muss sein Unternehmen nicht nur gegen neue Wettbewerber behaupten. Seit der Übernahme durch den Energiekonzern Eon muss er um seine Pfründe kämpfen.Seine Vorgänger auf dem Chefsessel hatten noch weitestgehende Freiheiten genossen, weil sich die mächtigen Aktionäre ? internationale Ölkonzerne und deutsche Energieunternehmen ? durch ein kompliziertes Vertragsgeflecht weitgehend blockierten. Bergmann gab die Eigenständigkeit der Ruhrgas auf und unterstützte die Fusion mit Eon. Den kühlen Rechner reizten die Möglichkeiten, mit dem mächtigen Partner bei der milliardenschweren Suche nach Gaslagerstätten mitzuspielen. Die Ruhrgas sollte vom reinen Händler zum Produzenten werden. Der Preis ist hoch: Die Ruhrgas muss sich in das Konzerngefüge einbinden, Bergmann muss sich Eon-Chef Wulf Bernotat unterordnen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Integration ist in den Köpfen noch nicht verankert.Und die Integration ist auch fast drei Jahre nach der Fusion in den Köpfen von Mitarbeitern und Managern nicht restlos verankert. ?Da sind eben zwei Welten aufeinander geprallt?, sagt ein Branchenkenner. Hier der Weltkonzern Eon, der sich an internationalen Standards und seinen Aktionären orientiert, dort der Ruhrgebietskonzern, an Monopolstrukturen gewöhnt. Und an der Eon-Spitze der forsche Bernotat, bei Ruhrgas der behutsame Bergmann.Nicht immer sind die Manager auf einer Linie. Mühsam baute Bergmann die Beziehungen zum weltgrößten Gaskonzern, Gazprom, in Russland auf. Bernotat schlug dagegen eine harte Verhandlungslinie ein. Prompt booteten die Russen Eon bei einem wichtigen Gasprojekt aus. Nun muss Bergmann, der Diplomat, die Wogen glätten.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.10.2005