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Ruhiger Kämpfer

Von Oliver Müller
Nach Lakshmi Mittal hat die Welt ihren zweiten indischen Stahlbaron bekommen: Durch Tata Steels Übernahme von Corus für 12 Mrd. Dollar wird Ratan Tata künftig über die Zukunft der Branche ein entscheidendes Wort mitreden. Doch wer ist dieser Mann, der als Indiens mächtigster Wirtschaftsboss gilt?
Der neue, größere Indigo von Tata bei seiner Vorstellung vor zwei Wochen. Der Preis: ab 15.107 Dollar. Foto: ap
DELHI. Dass dem Chairman der Tata-Gruppe der Coup gelingt, hatten bis Dienstagabend selbst in Indien viele bezweifelt. Tata gilt als konservativ und schuldenscheu, sein Rivale um Corus, CSN-Chef Benjamin Steinbruch, als aggressiv und risikofreudig. Die bislang mit Abstand teuerste indische Übernahme in Übersee macht aus der bisherigen Nummer 56 der globalen Stahlbranche mit einem Schlag die Nummer 5. Dieser Sieg macht den Tata-Chef zum Super-Helden in der Heimat. ?Die Internationalisierung unserer Firmen hat mit diesem Deal einen neuen Höhepunkt erreicht?, jubelt R. Seshasayee, Chef des Industrieverbands CII, ?er ist ein Symbol für ein neues, selbstbewusstes Indien?.Für viele Analysten hat Tata einen zu hohen Preis gezahlt, die Tata-Steel-Aktie gab am Mittwoch um bis zu 10 Prozent nach. Doch dass Asiens ältester Stahlkocher nun einen fast viermal größeren Rivalen im Westen schlucken kann und dafür hohe Verbindlichkeiten einzugehen wagt, zeigt, wie radikal der Chairman seinen Konzern seit seinem Amtsantritt 1991 umgebaut hat.

Die besten Jobs von allen

Firmen-LabyrinthIm selben Jahr als Indien seine sozialistische Wirtschaftsordnung über Bord warf, übernahm Ratan Tata von seinem Onkel die Zügel eines labyrinthischen Konglomerats. Unsanft weckte er den Industrieriesen aus dem Dornröschenschlaf. Er pochte gegen massiven Widerstand auf Wachstum und Effizienz, stampfte verkrustete Hierarchien ein und baute den Konzern radikal um. Von 300 Gruppenfirmen sind nach Verschmelzung, Schließung und Verkauf heute noch 90 übrig. Die meisten sind generalsaniert.Die Stahlsparte Tata Steel zum Beispiel war ein schwerfälliger Koloss, der mit alter Technologie und einer aufgeblähten Belegschaft teuer produzierte. Der neue Chairman setzte harte Kostensenkungen durch, baute die halbe Belegschaft ab und strukturierte die Abläufe um. Das macht den Stahlkocher heute zu einem der billigsten Hersteller der Welt. Mit einer Jahresproduktion von nur 5,2 Mill. Tonnen machte Tata Steel im vergangenen Jahr 840 Mill. Dollar Gewinn, fast so viel wie Corus mit 18 Mill. Tonnen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Indiens erste Billigauto entsteht.So wie mit der Stahltochter gelang Tata die Revitalisierung der gesamten Gruppe. Unter seiner Leitung versiebenfachte sich der Umsatz auf 22 Mrd. Dollar. Erst damit wurde der Konzern fit für seine aggressive Internationalisierung, mit der er für Indien eine Vorreiterrolle spielt.Vor seinem Aufstieg an die Spitze hatte der studierte Architekt im Konzern nur Nebenrollen gespielt. Einmal an dessen Steuer, entwickelte er dann aber eine Kämpfernatur, die kaum jemand dem medienscheuen, zurückhaltenden Junggesellen zugetraut hätte. Skeptiker belehrt Tata seitdem immer wieder eines besseren. Als er die Nutzfahrzeugsparte 1999 ins PKW-Geschäft trieb und für 400 Mill. Dollar Indiens erstes selbst entwickeltes Auto aus der Taufe hob, verspottete es der Volksmund als ?Ratans Wolkenschloss?. Das Modell namens ?Indica? wurde ein durchschlagender Erfolg. Das machte Tata Mut zu einem noch gewagteren Projekt: der Entwicklung eines spottbilligen Einsteiger-Autos für unter 2 000 Euro, das die Motorisierung in Schwellenländern revolutionieren soll. Der Prototyp ist fertig, der Bau des Werks hat begonnen, und 2008 soll das Auto fahren.Tatas Rastlosigkeit hat einen Grund: Bevor er seinen Posten räumt, will der 70-Jährige den Konzern dauerhaft fit machen für den globalen Wettbewerb, und er fühlt sich noch nicht am Ziel. ?Ich wünsche mir eine Gruppe, die viel schneller Entscheidungen trifft, größere Risiken wagt und sich leichter mit den Zeiten ändert,? erklärt er mit sonorer Stimme. Die Corus-Übernahme ist ein Zeichen, dass der Konzern sich in die gewünschte Richtung bewegt.Tata bezeichnet sich selbst als ?unruhigen Menschen?, aber er ist zu sehr Gentleman, um dies andere spüren zu lassen. Sanfter Charme, aufrichtige Bescheidenheit, geschliffene Umgangsformen und eine Obsession mit Werten und Tradition machen ihn zum Aushängeschild von Indiens altem Unternehmer-Adel.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Späte Wiedergutmachung für erlittene Schmach.Auf den breiten Schultern des hoch gewachsenen, stilvoll ergrauenden Patriziers ruht das größte Firmen-Erbe der Nation. Daran erinnert wird Tata jeden Morgen, wenn er an der Marmorstatue des legendären Firmengründers vorbei läuft in ein nobles Gebäude im britischen Kolonialstil, das Bombay House. Im Kontrast zu dessen äußerer Hülle ist sein Büro jedoch hell und geräumig und hängt voll moderner indischer Kunst.Das Imperium wurde von Jamsetji Tata 1868 aus der Taufe gehoben. Er war ein Pionier der Industrialisierung seines Landes. Seine Firmen sollten nicht nur Profit abwerfen, sondern zugleich Bausteine liefern für ein unabhängiges, modernes Indien. Der Nationalist trotzte den Kolonialherren und brachte gegen deren Widerstand das erste Wasserkraftwerk, das erste Nobelhotel und die erste Naturwissenschaftliche Universität seines Landes auf den Weg.Indirekt ist die geglückte Übernahme von Corus, Nachfolger der einst staatlichen British Steel, auch eine historische Wiedergutmachung für die beleidigende Arroganz, mit der die Kolonialherren Ratan Tatas Urahn behandelt hatten. Als dieser Anfang des 20sten Jahrhunderts Indiens erstes Stahlwerk aus der Taufe hob, höhnte der Chef der indischen Eisenbahn, Sir Frederick Upcott: ?Die Tatas wollen Stahl britischer Qualität herstellen? Ich esse jedes Pfund davon.? 24 Millionen Tonnen wären Upcott kaum bekommen.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.01.2007