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Ruhe vor dem Sturm

Felix Ullmann
IT-Experten stehen zur Zeit nicht mehr ganz so hoch im Kurs wie in den letzten Jahren. Doch schon bald wird das Gerangel um die Fachkräfte wieder massiv zunehmen.
Von Januar bis September 2001 bekamen wir, wenn überhaupt, einen deutschen Computer-Experten nur über Bekannte oder über gute Kontakte zu Universitäten", erzählt Rudolf Haggenmüller, Geschäftsführer von Fast, einer Beratergesellschaft für Informationstechnik. Dabei suchte das 90 Mann starke Unternehmen dringend Profis für einen neuen Auftrag: Für den Automobilhersteller BMW sollte Fast ein weltweit zugängliches E-Commerce Portal erstellen. Heute hat sich das Blatt gewendet: "Mittlerweile bekomme ich sogar Stellengesuche zugeschickt und wir müssen die Bewerber vertrösten", sagt Haggenmüller. Grund ist zum einen die Konjunkturflaute der Branche. Zum anderen hat die Green Card für Entspannung gesorgt. Sieben der 20 BMW-Projektmitarbeiter bei Fast stammen aus Ländern wie Indien, Sri Lanka und Malaysien. Ende gut, alles gut?

Von wegen. Die Branche hat die Talsohle erreicht und viele Unternehmer fürchten, dass das Gerangel um die IT-Experten schon bald wieder massiv zunimmt. Die Gründe sind der langfristig fehlende Nachwuchs deutscher Fachleute, das mangelnde Interesse ausländischer Experten an Deutschland und ihre begrenzte Einsatzmöglichkeit in den Unternehmen.

Die besten Jobs von allen


Bisher haben rund 11.000 Ausländer das Green Card Angebot wahrgenommen. "Nur", sagen Kritiker, denn ursprünglich rechneten die Bundesregierung und Branchenvertreter, mit einem wesentlich größeren Interesse. Die Gründe für die Zurückhaltung sind bekannt: Viele Ausländer schrecken vor der begrenzten Aufenthaltsdauer von fünf Jahren zurück. Andere meiden Deutschland wegen der hohen Steuern und Abgabegebühren. "Auch die negativen Schlagzeilen in der internationalen Presse wegen Übergriffen auf Ausländer machen Deutschland unattraktiv", sagt Jörg Menno Harms, Vizepräsident des IT-Branchenverbandes Bitkom.

Doch selbst wenn das Interesse ausländischer Experten zunehmen sollte, die Personalknappheit ist damit noch lange nicht gelöst. Nicht für jedes Problem lassen sich die ausländischen Fachleute einsetzten: "Zurzeit sind in der Branche eher Projektmanager als Techniker gefragt", sagt Werner Jung, Partner der Personalberatung Ray & Berndtson. Der so genannte Business Development Manager müsse interne und externe Projekte eines Unternehmens koordinieren, bündeln und optimieren können und zwar nicht nur technisch. "Ein Inder etwa könnte solche übergreifenden Aufgaben allein wegen der Sprache nicht leisten".

Auch fehlende Kenntnisse über die deutsche Unternehmenskultur machen den Einsatz ausländischer Experten schwierig: "Immer dann, wenn Verkaufs- und Beratungsgespräche anstehen, ist sehr viel Fingerspitzengefühl verlangt", sagt Georg Licht, der sich für das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung mit dem Fachkräftemangel der IT-Branche beschäftigt. "Ein ausländischer Experte kann aber nicht wissen, wie er etwa mit einem typischen Mittelständler umgehen muss."

Die Green Card allein kann das Problem des Personalmangels also nicht lösen. Private und öffentliche Weiterbildungsangebote sollen deshalb deutsches Personal IT-tauglich machen oder auf den neuesten Stand bringen. Bisher noch ungenügend, wie Cary Bruce, Geschäftsführer des Münchener Inhalte-Vermarkters Tanto Xipolis, findet: "Es gab 2001 viele Leute aus Scheinweiterbildungsprogrammen, die nicht gut genug waren, und auf der anderen Seite echte Spezialisten, die wir nicht bezahlen konnten." Auch Rainer Wiedmann, Präsident des Deutschen Multimedia Verbandes, übt Kritik: "Viele Unternehmen bilden ihre Leute in Eigenregie weiter, ohne dabei staatlich unterstützt zu werden", sagt er. Die staatlichen Angebote richteten sich überwiegend an Arbeitslose.

Das könnte sich schon bald ändern: Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn will künftig IT-Fachleute fördern, die Seiteneinsteiger aus anderen Berufen sind. Sie sollen die Möglichkeit bekommen, "ihr Wissen aufzufrischen, sich zu spezialisieren und höherwertige Abschlüsse, vergleichbar zu Bachelor und Master, zu erlangen".

Doch auch an den Universitäten liegt noch einiges im Argen. Zwar stieg die Zahl der Informatikstudenten vergangenes Jahr von 28000 auf 38000. Doch nur 5700 schlossen ihr Studium ab - ein neuer Tiefstand. "Die Studienbedingungen sind, was Ausrüstung und Betreuung betrifft, teilweise katastrophal", sagt Harms. "Es macht keinen Sinn, eine immer größere Anzahl von Studenten zuzulassen, wenn nicht die nötigen Kapazitäten zur Verfügung stehen." Mit einer Entlastung des Personalmarktes durch deutsche Studienabgänger rechnet er frühestens in zwei bis drei Jahren. Bis dahin könnte der Krampf mit dem "Kampf um die Köpfe" die Gehälter wieder stark nach oben treiben. Derzeit würden die Unternehmen zwar kleinere Brötchen backen, doch "während der heißen Phase zahlen sie schon mal bis zu 20 Prozent mehr als üblich", sagt Jung von Ray & Berndtson.

Explodierende Personalkosten könnten schon sehr bald wieder auf die IT-Branche zukommen, glaubt Haggenmüller von Fast: "Die Unternehmen haben ihre Budgets nur verschoben. Im Herbst werden wir den gleichen Wahnsinn haben wie in den letzten Jahren."



STIMMEN ZUR BRANCHE.

Wie bewerten Sie die konjunkturelle Situation der IT-Branche?

Das Jahr 2001 gehört für die Branche zu den turbulentesten. Der Markt wuchs um knapp zwei Prozent auf 138 Milliarden Euro. Von der Cebit wird erwartet, dass sie den allmählichen Wiederaufschwung einläutet. 2002 wird das Wachstum etwa doppelt so hoch sein wie im Vorjahr.

Wie beurteilen Sie den bisherigen Erfolg der Green Card?

Etwa 11.000 Green Cards sind bisher vergeben worden. Dies entspricht knapp zwei Absolventenjahrgängen im Studienbereich Informatik und hat bei vielen Unternehmen zu einer spürbaren Entlastung der personellen Engpässe geführt, vor allem bei kleinen und mittelständischen Unternehmen.

Was können Politik und Wirtschaft tun, um mittel- und langristig Fachpersonal für die IT-Branche zu sichern?

Wir brauchen bessere technische Ausstattungen an den Schulen, Lehrer mit IT-Qualifikation und mehr Entscheidungsfreiheit für die Hochschulen. Und wir müssen unser Arbeitsrecht entkrusten. Die gesetzlich festgelegte Höchstarbeitszeit etwa macht oft keinen Sinn.

Volker Jung, Präsident des Branchenverbandes Bitkom.




Wie bewerten Sie die konjunkturelle Situation der IT-Branche?

Das Internet wächst weiter, und damit hat die IT-Branche weiterhin große Zukunftschancen. Das Platzen der "New Economy-Blase" ist kein Symptom für den Zustand der gesamten Branche, sondern für das Scheitern einer Vielzahl risikoreicher Geschäftsmodelle.

Wie beurteilen Sie den bisherigen Erfolg der Green Card?

Die Green-Card-Initiative hat den Fokus auf eine essenzielle Herausforderung gelenkt - die Verfügbarkeit hoch qualifizierter IT-Kräfte. In unseren Augen löst die Green Card weniger das Problem, als dass sie einen wichtigen Anstoß gibt für die Weichenstellung in der Aus- und Weiterbildung.

Was können Politik und Wirtschaft tun, um mittel- und langristig Fachpersonal für die IT-Branche zu sichern?

Immer öfter wandern zukünftige Eliten zum Lernen ins Ausland ab. Wir müssen unsere Ausbildung deutlich attraktiver machen, etwa durch Studienreformen, außeruniversitäre Spezialistenausbildungen und Partnerschaften zwischen Wirtschaft und Universitäten.

Nicola Söhlke, Geschäftsführerin AOL Deutschland.




Wie bewerten Sie die konjunkturelle Situation der IT-Branche?

Die System- und Beratungshäuser konsolidieren ihren IT-Bereich. Die Old Economy macht aber intensiver weiter als vorher. Allerdings gehen die Unternehmen dabei nicht so euphorisch vor wie die Startups in den vergangenen Jahren. Effizienzverbesserung und Kundenbindung sind die großen Themen.

Wie beurteilen Sie den bisherigen Erfolg der Green Card?

Die Green Card macht für Unternehmen Sinn, die eine bestimmte technische Expertise lokal anwenden müssen. Da ist es wichtig, die Experten aus dem Ausland möglichst schnell her holen zu können. Zurzeit spielt die Green Card keine große Rolle, da eher Projektleiter, als Techniker gebraucht werden.

Was können Politik und Wirtschaft tun, um mittel- und langristig Fachpersonal für die IT-Branche zu sichern?

Die Profis, die fehlen, werden die Unternehmen nicht mit schnellen Maßnahmen wie der Green Card nach Deutschland bringen. Da ist eine langfristige Entwicklung an den Hochschulen angesagt. Der IT-Student muss zukünftig auch in wirtschaftlichen Prozessen denken können.

Werner Jung, Partner der Personalberatung Ray & Berndtson.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.03.2002