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Rückzug des Kinokönigs

Von Gregory Lipinski, Handelsblatt
Hans-Joachim Flebbe muss zurückstecken: Der Filmhändler Herbert Kloiber wird der neue starke Mann beim größten deutschen Kinobetreiber Cinemaxx. Offenbar bekam die Dresdner Bank kalte Füße.
HB HAMBURG. Als er daraufhin vor Gericht zog, kündigte ihm Flebbe und stellte Strafanzeige. Den Grund erklärt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Freiburg: Flebbe wirft Reichel vor, im Arbeitsgerichtsprozess falsche eidesstattliche Versicherungen über die Arbeitsbedingungen beim größten deutschen Kinobetreiber abgegeben zu haben.Falls er seinen Job trotz Kündigung behält, muss Reichel sich möglicherweise nicht mehr lange über die Methoden des Vorstandschefs der Cinemaxx AG ärgern. Denn die größte Kinokette Deutschlands soll einen neuen Großaktionär bekommen: den Münchener Filmunternehmer Herbert Kloiber (RTL 2, Tele 5). ?Der Deal steht im Grunde?, sagte der Chef und Mehrheitsgesellschafter der Tele-München-Gruppe dem Handelsblatt. Er werde größter Einzelaktionär.

Die besten Jobs von allen

Flebbe wird damit zumindest einen Teil seiner Macht bei Cinemaxx verlieren. Der Vorstandschef war gestern trotz mehrmaliger Anfrage nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Und auch sein Finanzvorstand Hartmut Scheunemann äußerte sich äußerst wortkarg: ?Kein Kommentar.?Flebbe, einst der Sonnyboy der deutschen Kinobranche, kann den kapitalkräftigen Partner gut gebrauchen. Denn die börsennotierte Cinemaxx wies zuletzt hohe Verluste aus: 2002 waren es 25,1 Millionen Euro, im ersten Halbjahr 2003 knapp zehn Millionen Euro. Neue Geschäftszahlen sollen in den nächsten Tagen veröffentlicht werden.Angesichts dieser Zahlen bekam offenbar die Dresdner Bank kalte Füße. Mehrfach drohte die Cinemaxx-Hausbank Flebbe in den vergangenen Monaten damit, ihre Kredite von 20 Millionen Euro an einen ausländischen Fonds zu verkaufen, falls er nicht bald einen neuen, kapitalkräftigen Finanzgeber finde. Die Dresdner Bank wollte dies nicht kommentieren. Auch der Aktionärskreis setzte Flebbe unter Druck. So meldete der Berliner Filmkonzern Senator (?Good bye, Lenin?, ?Das Wunder von Bern?) vor kurzem Insolvenz an. Um die Gläubiger zu befriedigen, sucht der vorläufige Insolvenzverwalter jetzt einen Käufer für den 25-Prozent-Anteil an Cinemaxx.Die genauen Umstände von Kloibers Einstieg und auch die Höhe seiner Beteiligung sind noch nicht bekannt. Möglich wäre etwa eine Kapitalerhöhung. Kloiber könnte aber auch direkt Cinemaxx-Anteile von Flebbe, dem insolventen Filmkonzern Senator oder dem belgischen Anteilseigner Kinepolis N.V. übernehmen. Flebbe hatte die Kinokette 1989 gemeinsam mit Rolf Deyhle und Bodo Scriba gegründet. Cinemaxx betreibt in Deutschland 49 Kinocenter mit 356 Leinwänden.Noch vor drei Jahren hatte der Brillenträger mit dem verschmitzten Lächeln und dem stets kurz geschnittenen Haar große Pläne. Cinemaxx sollte zur größten Kinokette Europas ausgebaut werden. Flebbes Plan: Die Gesellschaft sollte im In- und Ausland kräftig expandieren. So plante er Kinos in mehr als 20 europäischen Metropolen ? von der Türkei bis nach Norwegen.Im Inland hingegen fusionierte Flebbe Cinemaxx mit der Düsseldorfer Ufa-Theater-Gruppe. Dadurch wollte er Synergieeffekte schaffen und Kosten in Millionenhöhe sparen ? vor allem durch gemeinsamen Einkauf von Spielfilmen und Merchandising-Produkten sowie eine gemeinsame Konzernzentrale. Denn während sich die Hamburger auf große, teilweise überdimensionierte Multiplex-Kinos konzentrieren, betrieben die Düsseldorfer traditionelle Filmtheater mit kleinen Leinwänden.Doch der Deal wurde ein Flop. Flebbe musste bald erkennen, dass die Firmenkulturen nicht zusammenpassten und die Kosten wegen eklatanter Abstimmungsprobleme aus dem Ruder liefen. Viel zu spät zog er Mitte 2001 die Notbremse und stieg wieder aus. Die Folge: Cinemaxx rutschte tief in die Verlustzone.Der entthronte Kinokönig musste auch öffentlich kräftig Schelte einstecken. Wütende Aktionäre gaben ihm auf einer Hauptversammlung sogar den Rat, erst einmal sein Studium der Betriebswirtschaftslehre zu Ende zu führen, das Flebbe nach 17 Semestern an der Universität abgebrochen hatte.Doch Flebbe gab nicht auf. Er setzt bei den Vermietern und Filmverleihern Einsparungen in Millionenhöhe durch. Zu wenig: Durch die rückläufigen Besucherzahlen geriet die Kinokette immer stärker unter Kosten- und damit Ertragsdruck. So wurden in Deutschland 2003 rund 149 Millionen Kinokarten verkauft ? rund zwölf Prozent weniger als noch ein Jahr zuvor. Verantwortlich hierfür sind nicht nur die knappen Haushaltskassen und der heiße Sommer. Die Krise bei den Hollywood-Studios brachte zuletzt ? bis auf einige Ausreißer wie die ?Herr der Ringe?-Trilogie oder die ?Harry Potter?-Episoden ? nur wenige Kassenknüller hervor.Betriebsratschef Reichel war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Ein Cinemaxx-Sprecher bestätigte nur auf Anfrage, ?dass das Vertrauensverhältnis mit Herrn Reichel gestört ist und eine Weiterbeschäftigung nicht möglich ist?. Ob Vorstandschef Flebbe seinen Posten bei der Kinokette behalten darf, konnte sein Pressechef hingegen nicht sagen.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.05.2004