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Rückruf auf schweizerisch

Von Oliver Stock
Duplizität der Ereignisse: Die Deutsche Börse hat ihren Ex-Vorstand Reto Francioni von der Schweizer Börse zurück nach Frankfurt gelotst. Mit Antoinette Hunziker-Ebneter holt die SWX nun ihrerseits ihre ehemalige Chefin zurück. Ihre Karriere ist ein Märchen.
ZÜRICH. Doch. Ihren Kollegen ist Antoinette Hunziker-Ebneter trotz notorisch abwärts gerichteter Mundwinkel in freundlicher Erinnerung. Doch, doch. Sie war es schließlich, die den Gratis-Kaffee für Mitarbeiter an der Schweizer Börse SWX eingeführt hat. Damals, als sie noch hier Chefin war.Dann, 2002, verließ sie das Haus, um drei Häuserblocks weiter bei den Bären anzufangen, wie man in Zürich so sagt: als Leiterin der Handelsabteilung beim Bankhaus Julius Bär. Und jetzt soll die 45-Jährige, die ihre Lippen nicht nur bei unangenehmen Entscheidungen schmal übereinander legt, wieder zurück an die Schweizer Börse.

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Sie soll Reto Francioni als Verwaltungsratspräsident folgen, wenn der wie geplant im Oktober an die Spitze der Frankfurter Börse berufen wird. So hat es jedenfalls Francioni selbst vorgeschlagen.Der hat sich damit in der Schweiz Ärger eingefangen und kann nun gehen, wann er will. ?Vielleicht fängt er bei uns schon früher an?, freuten sich gestern Frankfurter Aufsichtsratskreise.Egal, wie es läuft: Francioni hätte den Namen Hunziker nicht in die Runde geworfen, wenn er sich nicht des Rückhalts der wichtigsten Akteure des Finanzplatzes Zürich sicher gewesen wäre. UBS-Präsident Marcel Ospel selbst soll mal wieder die Strippen gezogen haben, sagt man ? was aber nicht allzu viel heißt, weil Ospels Name immer fällt, wenn sich in der Szene etwas tut. Wichtiger ist auch, dass es schlechtere Entscheidungen gibt, sagen die SWX-Mitarbeiter, nippen an ihrem Kaffee und sind froh, sich in diesen Zeiten nicht auch noch mit einem Unbekannten einlassen zu müssen.Die Kaffeetrinker aus Zürich wissen um das Dilemma, in dem ihre Börse steckt. Sie ist zu groß, um unbeachtet zu bleiben. Sie ist zu klein, um eine führende Rolle zu spielen. Sie ist die geborene Übernahmekandidatin. Und sie leidet wie ihre Konkurrenten unter den Banken, die Handelsaufträge hausintern lieber verrechnen, statt sie über die Börse abzuwickeln. Das senkt die Erträge und führt zu Konsequenzen: In dieser Woche kündigte die SWX an, 50 bis 70 Stellen zu streichen, um so 20 Millionen Franken zu sparen. Jeder Achte also muss gehen. Nicht schön.Eine Dame, die Mut macht, lässt sich da gut brauchen. In ihrem engsten Umkreis wird Antoinette Hunziker ? die, solange ihre Nominierung noch gar nicht offiziell ist, schweigt ? dieses Talent zugesprochen. ?Wir möchten die Zukunft mitgestalten können. Das heißt, im europäischen Börsenzug nicht hinten in einem Wagen mitfahren, sondern vorne in der Führerkabine?, hatte Hunziker in früheren SWX-Zeiten gesagt.Genauso bekannt wie für ihren Ehrgeiz ist die Dame, die als erste Frau in Zürich mit 30 Jahren die volle Lizenz zum Börsenhandel bekommen hatte, für ihren Hang, schnell zu entscheiden. Im Jahr 2000 wurde sie dank ihrer Talente zur Unternehmerin des Jahres gewählt. Es gibt wenig Frauen in der eidgenössischen Männerwelt, die so weit nach oben kommen.Ihre Karriere ist ein Märchen. Allerdings eines, bei dem der Autor versäumt hat, rechtzeitig mit dem Schreiben aufzuhören: Studium in Sankt Gallen, Wertschriftenhändlerin bei der ältesten Schweizer Privatbank Leu. Gleichzeitig mit der Börsenlizenz bekam sie ihren Sohn Kurt. Jetzt werde sie ? fünf Jahre nur Mutter sein?, kündigte sie an, um zwei Monate später als freie Anlageberaterin zu arbeiten. Der Schweizer Börse half sie bei der Umstellung auf modernste Elektronik, was ihr so gut gelang, dass sie 1997 Vorsitzende der Geschäftsleitung wurde. Legende sind die Führungstreffen im luftigen Börsenfoyer. In Sitzungszimmern, hinter verschlossenen Türen, sagt Hunziker ? sei der Gedankenfluss weniger frei. Wenn die Zeit reichte, ging sie anschließend unter den alten Bäumen neben der neuen Börse spazieren: ?Ich kann sehr gut abschalten, das ist nicht das Problem. Man muss dies einfach bewusst machen. Ich lebe sehr bewusst, ich lebe im Jetzt. Das ist eine Stärke.?Dann allerdings kam der Knick. Ihr Lieblingsprojekt, die im Jahr 2001 gegründete paneuropäische Börse Virt-x, die die Schweizer in London betreiben, ist nie richtig auf die Beine gekommen. Modernste Technik und leicht niedrigere Gebühren sollten Börsianer dazu verleiten, europäische Blue Chips auf dieser Plattform zu handeln. Bis heute werden vor allem Schweizer Titel dort bewegt. Zuletzt war Hunziker immer stärker unter Druck geraten, weil Händler ihr Schönfärberei vorwarfen. Börse und ihre Chefin trennten sich schließlich ?im gegenseitigen Einvernehmen?.Schon wenige Tage nach der Kündigung übernimmt sie das Handelsgeschäft bei Julius Bär: ?Eine Ideallösung?, kommentierte damals Raymond Bär die Neubenennung. ?Der Gruppe tut eine ,professional female?, die mitstreitet und mitgestaltet, nur gut.? Danach wird es allerdings still um die Powerfrau mit dem kühlen Blick. Ihr Arbeitgeber macht dafür umso mehr von sich reden. Die Besitzerfamilie hat sich beim Bankhaus Bär zurückgezogen, die UBS an Einfluss gewonnen. ?Hunziker ist bei Bär völlig isoliert?, stellt ein Banker heute fest. Ein unbefriedigendes Halbjahresergebnis ihrer Abteilung dürfte ihre Position ebenfalls nicht gestärkt haben. Francionis Rückruf an die Börse kommt deshalb nicht ungelegen. Und wer weiß: Vielleicht wird es dem Gespann Hunziker in der Schweiz und Francioni in Deutschland gelingen, enger zusammenzuarbeiten.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.09.2005