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Rückkehr eines Patriarchen

Von Oliver Stock
Pferdezüchter Klaus Jacobs hat am Dienstag das gemacht, was von einem Reiter erwartet wird, wenn sein Rennstall keine Turniere mehr gewinnt: Er wechselt die Pferde und nimmt die Zügel selbst in die Hand.
ZÜRICH. Der 68-jährige Unternehmer aus Leidenschaft und Spross jener Kaffeerösterdynastie aus Bremen, deren Wurzeln bis ins zwölfte Jahrhundert reichen, hat zwei Jahre mit angesehen, wie sein bestes Pferd im Stall lahmte: Adecco. Das weltgrößte Zeitarbeitsunternehmen aus der Schweiz und neben der Beteiligung am Schokoladenhersteller Barry Callebaut wichtigstes unternehmerisches Engagement des schlanken Hanseaten kann es beim Wachstum nicht mit Verfolgern wie Manpower aufnehmen. Seit der Konzern sich voriges Jahr selbst ein Bein stellte und eine 100 Millionen Euro teure Untersuchung seiner Bilanz vornahm, die kein nennenswertes Ergebnis brachte, läuft es nicht mehr rund. Vor allem die Margen im wichtigen französischen Markt blieben schwach.Jetzt übernimmt Jacobs. Seine Holding kündigte am Dienstag an, in zwei Schritten 29,3 Prozent der Adecco-Aktien zu kaufen, was den Milliardär beim aktuellen Börsenkurs knapp eine Milliarde Euro kosten wird. Den Anteil erwirbt er von seinem Partner und Co-Verwaltungsratspräsidenten, der leider allzu oft auch sein Widersacher war: Der französischstämmige Adecco-Mitbegründer Philippe Foriel-Destezet überlässt dem Deutschen das Feld. Er bleibt einfaches Verwaltungsratsmitglied und behält ein kleineres Aktienpaket. Jacobs wird alleiniger Präsident.

Die besten Jobs von allen

Damit nicht genug: Der Machtmensch löst auch Jérôme Caille ab, der Adecco geleitet hat und als Ziehsohn Foriel-Destezets gilt. Während der Einfluss der Franzosen schwindet, stärken die Deutschen ihre Macht durch eine weitere Rochade: Jürgen Dormann, Verwaltungsratspräsident beim Schweizer Technologiegiganten ABB und bislang einfaches Mitglied in diesem Gremium auch bei Adecco, rückt an die Seite von Jacobs und wird Vizepräsident. Damit ist ein Machtkampf entschieden, der das Unternehmen gelähmt hat, seit es vor neun Jahren aus einer Fusion der Schweizer Adia mit der französischen Ecco hervorgegangen ist. Damit dürfte auch eine Partnerschaft endgültig zerbrochen sein, die gerade mühsam gekittet wurde.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gegenseitiges Schulterklopfen.Es war ein heißer Tag Ende Juni vergangenen Jahres im schweizerischen Lausanne: Ein quirliger Mann mit hoher Stirn räumt das Mikrofon im Kongresszentrum, wohin sich die Adecco-Aktionäre zur Generalversammlung begeben hatten: ?Klaus?, ruft Foriel-Destezet und gibt sich Mühe, seine Stimme so munter wie möglich klingen zu lassen, ?jetzt darf ich dir das Wort überlassen.?Der Angesprochene nimmt schwungvoll die Stufen zum Pult: ?Lieber Philippe, vielen Dank für deine freundlichen Worte.? Die Einigkeit hält noch ein paar Stunden, während deren sich beide mit dem Verwaltungsrat über die weitere Führungsstruktur des Konzerns verständigen und während der Konzernchef Caille wie ein Abiturient, der auf seine Noten wartet, vor dem Sitzungszimmer auf und ab streicht. Schließlich wird er hineingebeten und erhält seine Verlängerung als Konzernchef. Jacobs und Foriel-Destezet kommen heraus und klopfen sich zum Beweis gegenseitigen Vertrauens auf die Schulter.Anschließend aber verliert sich die wiedergefundene Männerfreundschaft in den Mühen des Alltags. Die Meinungen, wie Adecco stärker ins profitable Geschäft mit Führungskräften einsteigen soll, gehen auseinander. Jacobs dürfte mehr auf Wachstum durch Übernahmen gedrängt haben als sein Präsidenten-Partner. Jacobs werde jetzt härter durchgreifen als seine Vorgänger, sagen Analysten.Der Patriarch will es allen noch mal zeigen ? bis auf weiteres. Die aktionärsfeindliche Konstruktion einer Doppelspitze wolle er nur auf Zeit ausüben, ließ Jacobs am Dienstag mitteilen. Vielleicht hofft er auf einen würdigen Nachfolger aus dem Kreis der Söhne ? wie bei Barry Callebaut. Dort wird Andreas Jacobs demnächst Verwaltungsratspräsident. ?Jede Generation?, sagt Jacobs, ?wird ihre Unternehmer in der Familie Jacobs haben.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zur Person.Klaus Jacobs
  • 1936 wird er am 3. Dezember in Bremen geboren. Er absolviert die Akademie für Internationalen Handel und Wirtschaftsbeziehungen in Hamburg und studiert im kalifornischen Stanford.
  • 1972 übernimmt er von seinem Vater Walther Jacobs den Chefposten der Kaffeerösterei Joh. Jacobs & Co. GmbH und baut sie zur Jacobs-Suchard AG aus.
  • 1990 verkauft er das Unternehmen an den US-Konzern Philipp Morris und baut sich einen Beteiligungskonzern auf, zu dem der Zeitarbeitsanbieter Adecco gehört.
  • 2004 rücken er und Philippe Foriel-Destezet an die Verwaltungsratsspitze von Adecco.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.11.2005