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Rudin Hood

Von Oliver Stock, Handelsbatt
Der Schweizer Anwalt und Aktionärsschützer Johann Christoph Rudin hat Alexander Falk zur Strecke gebracht.
HB ZÜRICH. Er hat darüber hinaus einen Kopierladen in der Grindelallee für ein Wochenende gebucht, studentische Hilfskräfte inklusive. Einzige Voraussetzung: Die Studenten dürfen kein Wort Deutsch verstehen. Sie kopieren Tag und Nacht und schaffen Akte für Akte in die Schweiz. Raus aus dem Einflussgebiet von Alexander Falk, dem Millionenerben und damaligen Noch-Star der sterbenden New Economy.Und Rudin wurde fündig: In einem unbeschrifteten Ordner entdeckte sein Team das Protokoll einer Sitzung, aus dem hervorging, mit welcher kriminellen Energie Falk und seine Getreuen Umsätze einer Firma aus ihrem Imperium künstlich nach oben getrieben hatten. Wegen ihrer schönen Zahlen konnte Falk die Ision AG später für 812 Millionen Euro verkaufen.

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Viel Freude an seinem Anteil aus dem Verkauf hatte er jedoch nicht. Wegen Rudin sitzt der smarte Millionenerbe in einem Hamburger Gefängnis in Untersuchungshaft. Seit Dezember läuft der Prozess vor dem Hamburger Landgericht wegen Betrugsvorwürfen und wird sich wohl bis Mitte des Jahres hinziehen.Der Weg in die Kanzlei von Rechtsanwalt Rudin in einem der schöneren Stadtviertel von Zürich wird durch eine massive Stahltür versperrt. Daneben ein Tastenfeld. Außerhalb der Besuchszeiten kommt nur der hinein, der den Code kennt. ?Grundsätzlich habe ich natürlich Angst vor Leuten, die sich rächen wollen. Aber ich lasse das nicht zu. Denn Angst macht unfrei?, sagt Rudin, ein behäbig wirkender 40-Jähriger mit hoher Stirn und dünnrandiger Brille. Sein Hund Fidel, eine Terriermischung, streift ihm um die Beine. Draußen parkt wahrscheinlich der Audi, vielleicht auch der 72er-Ford Mustang. Rudin ist ein Autonarr, fährt sogar gelegentlich Rennen. Seine Gegner dürften ihn unterschätzen.Sandra Willmeroth, Autorin des kürzlich erschienenen Buches mit dem Titel ?Der 800-Millionen?Jackpot?, das den Untergang von Falks Imperium schildert, beschreibt Rudin als ?Allround-Anwalt mit einer gehörigen Portion Idealismus?.Davon braucht ?Rudin Hood?, wie ihn die Autorin nennt, tatsächlich eine Menge, denn er ist sozusagen im Nebenjob Präsident der Schutzgemeinschaft der Investoren in der Schweiz. Aber ?Anlegerschutz?, klagt Rudin, ?ist nie gut dotiert?. Es sei ein Kampf mit begrenzten Ressourcen. Und mit stumpfen Waffen. Die Rechte der Aktionäre sind in der unternehmerfreundlichen Schweiz noch weniger ausgeprägt als in Deutschland. ?Da können Anlegerschützer keine Wächter sein?, stellt er nüchtern fest. Die Aufgabe verschiebe sich in eine politische Richtung. ?Wieso versagt der Staat beim Anlegerschutz?? lautet eine Frage, die Rudin vergangene Woche auf einer Podiumsdiskussion der Schutzgemeinschaft stellte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Durch den Fall Alexander Flak hat Rudin eine andere Einstellung zu seiner Arbeit bekommen.In Sachen Falk und dessen Schweizer Firma Distefora, über die die aller Wahrscheinlichkeit nach kriminellen Manipulationen abgewickelt worden sind, lag der Fall allerdings anders. Bei einer chaotischen Hauptversammlung, auf der sich das überclevere deutsche Management damals vor den Schweizer Aktionären blamierte, gelang es dem bodenständig und auf Schwyzerdütsch daherkommenden Rudin, sich zum Verwaltungsratspräsidenten der Distefora wählen zu lassen.Auf einmal war er in einer Position, von der Aktionärsschützer sonst nur träumen. Er hatte Zugang zu allen Unterlagen ? sofern er sie denn finden konnte. Und er verfügte über Geld aus dem Firmenvermögen, das er einsetzen konnte, um Licht in die dunklen Geschäfte zu bringen. Er ergriff die Chance. ?Wenn ich noch einmal vor so einer Entscheidung stünde, würde es mich wieder kitzeln?, sagt er heute. Dann fügt er nach einer längeren Denkpause hinzu: ?Ich hoffe aber: Ich sage dann Nein.?Ein knappes Jahr Arbeit und höchstwahrscheinlich ein paar graue Haare hat ihn der Fall Falk gekostet. Willmeroth beschreibt die Szene, in der Rudin mit seiner Tochter Weihnachtsbesuche machen will, während gegnerische Anwälte ihm die Hölle heiß machen. ?Bei mir läuft immer wieder ein Film ab?, sagt Rudin, wenn er die Geschichten von damals hervorkramt.Der Job kostete nicht nur Nerven. Er hat eine andere Einstellung zu seiner Aufgabe als Aktionärsschützer bekommen, seit er Falk hinter Schloss und Riegel gebracht hat. ?Distefora hat mich desillusioniert?, sagt er gut zwei Jahre nach den Ereignissen. ?Zu geschädigten Aktionären habe ich mitunter ein kritisches Verhältnis: Viele lassen sich sehr leichtfertig übers Ohr hauen und singen dann das Lied der Geprellten.?Nach Hamburg wird der David der Eidgenossen, der einen deutschen Goliath besiegt hat, was ihm die Landsleute hoch anrechnen, wohl noch einmal fahren müssen. Er steht auf der Zeugenliste im Falk-Prozess. Ob er dem Mann, den er zu Fall gebracht hat, in die Augen gucken kann? Kein Problem. ?Ich bin nicht der Jäger von Alexander Falk?, stellt Rudin fest. ?Ich habe meine Arbeit getan, nämlich den Aktionären Transparenz verschafft.?
Dieser Artikel ist erschienen am 07.02.2005