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Rote Karte für Spielverderber

Kirstin von Elm
Die Fußball-WM soll ein Fest unter Freunden werden. Dass es kein Schlachtfest für Hooligans wird, dafür sorgen Spezialisten der Polizei wie Ralf Klauck. Ein Job auf höchstem technischen und logistischen Niveau.
Schon vor dem Anpfiff der ersten WM-Partie im Juni ist Deutschland beinah Weltmeister. Nur ist es in diesem Fall kein Ehrentitel. "Neben England gelten wir als die Fußballnation mit den aggressivsten Hooligans", stellt Ralf Klauck vom Landeskriminalamt NRW klar. Der 37-jährige Polizeioberkommissar arbeitet in der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze (ZIS) in Düsseldorf - der bundesweit mächtigsten Bastion im Kampf gegen gewaltbereite Fußballfans.
Klauck und seine Kollegen sorgen dafür, dass das emotionsgeladene Massenspektakel friedlich abläuft. Erschütternde Bilder, wie die des während der Fußball-WM '98 in Frankreich von Hooligans schwer verletzten Polizisten David Nivel, soll es hier nicht geben. Schließlich ist die Welt "zu Gast bei Freunden"

Manndeckung für Gladiator
Kein leichter Job für die auf knapp 450 Mitarbeiter aufgestockte ZIS-Truppe. 9 000 potenzielle Krawallmacher hat allein das Gastland aufzubieten. Horrorszenario der Beamten: Holländische, polnische, englische und hiesige Schläger reisen spontan mit dem Auto an, um an öffentlichen Plätzen das Spiel ihrer Mannschaft zu verfolgen und anschließend zu verdreschen, was sich ihnen in den Weg stellt.
Wo sich Hooligans mit Pseudonymen wie "Gladiator" oder "Eskalation" per SMS innerhalb weniger Minuten zusammenrotten, droht Krawall hoch drei. Dass England ein pauschales Ausreiseverbot für mehr als 3 000 seiner schlimmsten Hooligans verhängt hat und Expressrichter an den zwölf Austragungsorten kurzen Prozess mit den Gewalttätern machen, hilft wenig: Zwei Monate Knast halten echte Krawallbrüder kaum davon ab, der Fußballwelt zu zeigen, wo der Hammer hängt.
Um schon mal die hiesigen Hooligans im Blick zu behalten, sind etwa 7 000 bei der ZIS in der Datei "Gewalttäter Sport" erfasst. Wer während eines Fußballspiels beim Randalieren erwischt wird, wer bewaffnet um die Häuser zieht, XXL-Böller in die Menge schmeißt oder Zuschauer bedroht, landet im Zentralrechner. Gleiches gilt für diejenigen, die einen Platzverweis kassiert haben oder vorübergehend in Gewahrsam genommen wurden.
Ob deutsche Rowdys daheim oder anderswo unangenehm auffallen - der ZIS-Computer kennt sie alle. Taucht bei der WM ein verdächtiges Gesicht dort auf, wo es nichts zu suchen hat, und befindet die zu Rate gezogene ZIS "Gefahr", dann greifen die Sicherheitskräfte vor Ort zu.
"Als einzige deutsche Dienststelle stehen wir in direktem Kontakt mit Kollegen in aller Welt", erklärt Ralf Klauck. Normalerweise ist für Auslandsangelegenheiten das Bundeskriminalamt in Wiesbaden zuständig. Doch wenn König Fußball regiert, bedeutet dies den Ausnahmezustand - sogar bei deutschen Behörden. Rund 200 ausländische Verbindungsbeamte sitzen im erweiterten ZIS-Team in Neuss, um ihre Pappenheimer im Auge zu behalten

Die besten Jobs von allen


Logistisches Meisterstück
Klauck weiß, was auf die Sicherheitstruppe zukommt, schließlich war er schon bei der WM-Generalprobe, dem Confederations Cup, im vergangenen Sommer dabei: Rund um die Uhr werden Klauck und Co. im Schichtdienst die Hooligans überwachen, Amtssprache ist Englisch. "Vor allem an den Spieltagen kann es ganz schön stressig werden", sagt der Polizeioberkommissar. An die 1 000 Infos laufen dann täglich bei den Beamten ein. Nicht nur was Kollegen, private Sicherheitskräfte und Medien aus den Stadien berichten ist Sache der ZIS. Die Beamten nehmen auch die Lage vor öffentlichen Großbildschirmen oder Partymeilen ins Visier. Denn der harte Hooligan-Kern, rund 2 600 Prügelfans mit bundesweitem Stadionverbot, hat in den WM-Spielstätten dank personalisierter Tickets keinen Zutritt. Sie werden die Randale auf die Straße verlegen, glauben die Experten.
Der WM-Einsatz der ZIS-Mannschaft gleicht einem gigantischen Puzzlespiel gegen die Uhr: Wo wurde gerade ein Bus voller "Kutten" gesichtet, wie die einschlägigen Prügelknaben genannt werden? Was wissen die Beamten vor Ort über den Verbleib von Hooligan X oder Y? Kursieren Gerüchte über Boxeinlagen im Park? Aus solchen Info-Bröckchen setzen die Hooligan-Wächter mehrmals täglich ein Lagebild für die Sicherheitsstellen zusammen, damit diese Personenkontrollen einleiten oder ihre Einsatzkräfte bündeln können. Pauschale Reiseverbote für bekannte Schläger wie in England gibt es in Deutschland nicht. Hier sind nur zeitlich befristete Einzelfallentscheidungen zulässig - ein ziemlicher Aufwand, den gewitzte Krawallmacher relativ leicht unterlaufen können

Schläger mit Köpfchen
Wer glaubt, dass sich in der Szene nur bildungsferne Schichten tummeln, liegt gründlich daneben. Während die eher dumpfe Hooligan-Generation der 80er Jahre langsam abtritt, spiegeln die heutigen Randalierer die komplette männliche Gesellschaft wider. "Da gibt es Handwerker, Schüler und Studenten genauso wie Rechtsanwälte, Zahnärzte oder Versicherungsvertreter", weiß Ralf Klauck. Soziologe Gunter Pilz vom Sportinstitut der Uni Hannover hat sogar festgestellt, dass deutsche Hools überwiegend gut ausgebildete, gut verdienende Männer sind, die den Kick suchen und sich selbst gern mit typischen Managertugenden beschreiben: knallhart, durchsetzungsstark, selbstbewusst und überlegen.
Damit es zum Schluss jedoch eins zu null für die Sicherheit ausgeht, laufen die Vorbereitungen der Polizei auf Hochtouren. Fast täglich telefoniert Klauck mit dem deutschen Fifa-Organisationsbüro in Frankfurt oder den Kollegen vom WM-Krisenstab des Bundesinnenministeriums. Daneben hält der Diplom-Verwaltungswirt Vorträge, um Polizisten aus dem ganzen Bundesgebiet auf die Hooligans vorzubereiten. Auf solch einem Kongress hat Klauck neulich erst Oliver Bierhoff, Marco van Basten und andere Berühmtheiten des deutschen Fußballs getroffen, und er hat auch schon persönlich die Nationalelf begleitet, um die Fans auswärts im Auge zu behalten.
Ralf Klaucks Job bei der ZIS läuft noch bis Ende des Jahres. Danach geht es zurück zur Dienststelle nach Duisburg. Dort hat der 37-Jährige einen Führungsposten in Aussicht. Die Chancen, dass der einstige Streifenpolizist bald zu den rund 120 Polizeibeamten zählt, die jährlich den Sprung in den höheren Dienst schaffen, stehen vermutlich besser als die der Deutschen, auch nur den Vizeweltmeistertitel auf dem Fußballrasen zu verteidigen

Karriere bei der Kripo

Ausbildung: Wer sich für den gehobenen Polizeidienst bewirbt, muss körperlich fit sein und Abitur oder Fachhochschulreife mitbringen. Einige Bundesländer setzen eine Mindestnote (2,5 bis 3,0) voraus. Angehende Polizisten absolvieren zunächst ein Studium (sechs Semester, Abschluss als Diplom-Verwaltungswirt FH) an einer Polizeihochschule des jeweiligen Bundeslandes. Auf dem Stundenplan stehen Kriminalistik, Einsatz- und Verkehrslehre, Recht, Psychologie und Sozialwissenschaften sowie mehrere Praxiseinsätze. Nach der Ausbildung bestehen Spezialisierungsmöglichkeiten, etwa als Ermittlungsbeamter bei der Kriminalpolizei, in der Polizeifliegerstaffel oder beim mobilen Einsatzkommando.

Chancen: Das Höchsteintrittsalter in den gehobenen Dienst liegt je nach Bundesland zwischen 25 und 34 Jahren. Pro Jahr schaffen 150 Spitzenkandidaten den Sprung in den höheren Dienst. Sie beginnen mit einem zweijährigen Studium an der Hochschule der Polizei in Münster. Der neue Studiengang Master of Public Administration - Police Management (ab WS 07/08) befähigt sogar zur Promotion. Juristen mit zweitem Staatsexamen starten im höheren Dienst (jährlich circa 30 Einstellungen). Sie absolvieren in Münster ein prüfungsfreies, sechsmonatiges Aufbaustudium

Beamtenstatus: In der Studienzeit gilt man als Beamter auf Widerruf, danach als Beamter auf Probe. Mit dem 27. Geburtstag wird man bei der Polizei Beamter auf Lebenszeit

Gehalt: Schon während des Studiums gibt es Geld. Ein Kommissaranwärter startet mit circa 850 Euro netto, ein frisch gebackener Kommissar steigt in der Besoldungsgruppe A9 ein (circa 1 700 Euro netto für Ledige). Im gehobenen Dienst ist als Erster Polizei- oder Kriminalhauptkommissar mit der Stufe A13 das Ende der Fahnenstange erreicht (circa 3 600 Euro netto für Verheiratete mit zwei Kindern). Der höhere Dienst beginnt mit der Position Polizei- oder Kriminalrat (A13). Ein leitender Polizei-/Kriminaldirektor kann es bis zur Besoldungsgruppe A16 bringen.

Kontakt für Bewerber: www.polizei.de

Dieser Artikel ist erschienen am 01.06.2006