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Rot-weiß-roter Bulle

Staunend blickt Deutschland auf den kleinen Nachbarn: Die Alpenrepublik hat weniger Arbeitslose, mehr Wachstum und geringere Schulden. Renten und Hochschulen sind reformiert, deutsche Firmen drängen nach Südost. Was machen die Ösis besser?
Weder Ski noch Schokolade für Mozartkugeln führt Österreichs wichtigster Importeur ein: René Siegl ist auf deutsche Firmen spezialisiert. Seine Austrian Business Agency (ABA) holt im Auftrag des Wirtschaftsministeriums Investoren aus aller Welt in die rot-weiß-rote Republik. Für zuzugswillige Firmen findet die ABA passende Standorte, berät in Steuer- und Personalfragen und verwebt die "Zuag'reisten" geschickt ins Donau-auf- und -abwärts reichende Beziehungsgeflecht der Austria AG. Momentan hat Siegl einen leichten Job: Interessenten aus Deutschland rennen ihm die Türe am Wiener Opernring ein.

Dort, wo vor seinem Fenster Fiaker Touristen an Denkmälern aus Kaisers Zeiten vorbeikutschieren, wo gegenüber am Hotel Sacher Japaner wegen der berühmten Torte Schlange stehen und wo gleich nebenan die Diplomaten Litauens und Ungarns residieren, empfängt Siegl seine Gäste. Bei einem Verlängerten plaudert er über Wien, Kultur und Austrias Big Business: 2004 hat die ABA 107 Investitionsprojekte mit einem Gesamtvolumen von 283 Millionen Euro ins Land geholt. "Jedes dritte davon stammt aus Deutschland", bemerkt Siegl nebenbei.

Die besten Jobs von allen


Damit sind deutsche Investoren die Nummer eins unter den internationalen Neuzugängen. Insgesamt drängen sich 5.300 deutsche Firmen zwischen Boden- und Neusiedler See. Das sind rund 150.000 Arbeitsplätze, Tendenz steigend. "Die Großen sind alle da, jetzt kommt der Mittelstand", konstatiert der österreichische Wirtschaftsförderer und lehnt sich zurück.

Das bessere Deutschland
René Siegl hat gut lachen: Der deutsche Elektrokonzern Siemens ist Österreichs größter Arbeitgeber, BMW entwickelt seine Dieselmotoren in Steyr und fertigt seit 2004 in Graz seinen X3. Infineon wird 7,4 Millionen Euro in ein Forschungszentrum in Villach investieren und die Forschung in München aufgeben.
"Wie machen die Ösis das nur?", fragt sich manch ein um den Standort Deutschland besorgter Politiker hierzulande. Die Antwort ist einfach. "Für viele deutsche Firmen ist unsere letzte Steuerreform der Motivationsschub", sagt Siegl, der mit 50 weiteren Newcomern aus Nordwest pro Jahr rechnet

Vor allem Unternehmen profitieren von den Steuergeschenken jenseits der Hohen Tauern: Seit dem 1. Januar 2005 beträgt die Körperschaftssteuer in Österreich nur noch 25 Prozent. Damit liegt der Steuersatz für Aktiengesellschaften und GmbHs ganze 14 Prozent niedriger als in Deutschland mit rund 39 Prozent. Forschungsaktivitäten werden zusätzlich begünstigt, Gewerbe- und Vermögenssteuer wurden bereits vor dem EU-Beitritt Österreichs abgeschafft.
Alles in allem zahlt seit 2005 schätzungsweise ein gutes Drittel aller Steuerpflichtigen im Nachbarland keine Steuern mehr. So wie Ralf Schumacher. Der in Kerpen bei Köln geborene Formel-1-Pilot profitiert in seiner Wahlheimat Salzburg von der Findigkeit des österreichischen Fiskus in Sachen Steuersparmodelle. Sportler und Künstler können mit Vater Staat eine einmalige Steuerpauschale sozusagen als Eintrittsgeld ins Alpenland aushandeln.

Wirtschaftswunder made in Austria
Das Kalkül der Ministerialen geht auf: Wer einmal im Land ist, kauft auch dort ein und vergibt Aufträge an Einheimische - kurbelt insgesamt also die österreichische Wirtschaft an. Die brummt im Vergleich zum Rest Europas ohnehin ordentlich: Wiener Walzer und verschneite Gipfel locken alljährlich rund 19 Millionen Gäste ins Land. Das ist, bezogen auf die Bevölkerungszahl von rund acht Millionen Einheimischen, Weltrekord. René Siegl von der ABA lässt diese Spitzenposition eher kalt. Sein lapidarer Kommentar: "Mozart lebt nur noch für die Touristen."

Statt des feschen Anton aus Tirol, Skilehrer von Beruf, rückt Siegl lieber andere Fachkräfte ins Rampenlicht: Wiener Biotechnologen oder steirische Autospezialisten, aber auch die Dienstleisterriege vom Banker bis zum Unternehmensberater. Etliche davon mit überdurchschnittlichen Kenntnissen slawischer Sprachen und intimen Einsichten in die Seele der jüngsten EU-Mitglieder und -Aspiranten wie Kroatien und Rumänien ausgestattet. Das Erbe der Donau-Monarchie sowie die Nachkommenschaft polnischer und ungarischer Flüchtlinge machen Österreich zum goldenen Tor zum Osten

Während Deutschland noch an den Folgen der Wiedervereinigung doktert, profitiert Österreich von seinen pumperlg'sunden KuK-Connections: Das Volumen der österreichischen Direktinvestitionen in Osteuropa betrug Ende 2003 rund 16,3 Milliarden Euro, darunter sind mehr als 16.000 Joint Ventures mit osteuropäischen Unternehmen. Österreich ist pro Kopf der größte Investor in Mittel- und Osteuropa. Rund 15 Prozent der österreichischen Exporte gehen in die ehemaligen Kronländer der Habsburger Monarchie. Etwa tausend internationale Unternehmen haben ihre Osteuropa-Zentralen in Österreich, rund 80 Konzerne sitzen in Wien: Die Pharma-Unternehmen Beiersdorf und Eli Lilly, Henkel und Coca- Cola haben sich locken lassen. Auch SAP managt 40 Niederlassungen von Russland bis Rumänien von Österreich aus

Corporate Austria spielt längst in der Liga der Industrienationen um USA, Japan und Deutschland mit. Zu den Hidden Champions zählt die A-Tec-Industriegruppe. Konzernchef Mirko Kovats will das Unternehmen zum Mischkonzern mit Europa-Format ausbauen und hat dazu den Schweizer Konzern Unaxis mit 7.000 Mitarbeitern geschluckt. Nun schaut er sich nach deutschen Übernahmekandidaten um.
Doch nicht nur bei A-Tec stehen die Zeichen auf Expansion, die österreichische Wirtschaft insgesamt ist auf Wachstum gepolt: 2004 legte sie mit zwei Prozent stärker zu als die deutsche mit 1,6 Prozent. Da sie jedoch ebenso exportabhängig wie die hiesige ist, hat sich die Prognose für 2005 eingetrübt - auf immer noch 1,8 Prozent Plus. Kein anderes EU-Mitglied hat so viele Standorte in den Top 100 der Rangliste der 1.207 EU-Regionen wie Österreich. Aktuell sind es 18, die Position der Alpenrepublik dürfte sich aber noch verbessern: Rund zwei Milliarden Euro sind von Bund und Ländern budgetiert, um das Schienen- und Straßennetz auf Vordermann zu bringen.

Trotz Steuergeschenken und üppiger Investitionen - blaue Briefe der EU braucht Finanzminister Karl-Heinz Grasser im Gegensatz zu seinem Kollegen Hans Eichel nicht zu fürchten: Die Staatsschulden überschritten noch nie das Maastricht-Limit. Lediglich in punkto Arbeitslosigkeit musste der EU-Musterknabe jüngst eine Schlappe einstecken: Nach der Umstellung auf EU-Zählweise stieg die Quote von 4,6 auf 5,1 Prozent. Damit landet Österreich nur auf Platz fünf - allerdings liegt es noch weit vor Deutschland, wo 11,4 Prozent der Bevölkerung joblos sind

Den erfolgsverwöhnten Primus hat der Absturz im EU-Ranking so erschreckt, dass Kanzler Wolfgang Schüssel sofort ein Extra-Konjunkturprogramm im Wert von 1,2 Milliarden Euro aufgelegt hat: Die Fördertöpfe für kleine und mittlere Unternehmen werden größer. Das soll bis zu drei Milliarden Euro an neuen Investitionen auslösen und 20.000 zusätzliche Arbeitsplätze bringen. Wirtschaftswunder in diesen Zeiten? Das kleine Österreich zeigt seinem großen Nachbarn, wie es geht: Vor allem in Bayern wurmt es Stoiber und Co. mächtig, dass der Mini seine Standortvorteile keck zum Slogan "Österreich - das bessere Deutschland" verdichtet hat und damit Firmen auf die andere Seite der Alpen lockt.

Lipizzaner statt Amtsschimmel
Allerdings heißt das nur in den wenigsten Fällen "Koffer packen und in Deutschland zusperren", relativiert René Siegl von der ABA. Fast immer geht es um die Expansion des Unternehmens. So wie bei Werner Pfadler, Geschäftsführer der mittelständischen IT-Firma Usenet. Pfadler hat mit einem Fünf-Mann-Team den Weg von München nach Graz angetreten. Ihm gefällt, wie unbürokratisch Newcomer unterstützt werden. "Uns wurde jeder Stein aus dem Weg geräumt. Der Notartermin zur Gründung unserer Grazer Gesellschaft hat keine halbe Stunde gedauert, so gut war alles vorbereitet", freut sich der Exil-Bayer

Service für Austro-Investoren wird groß geschrieben, die Erledigung von Behördenverfahren hat Priorität: Neue Betriebsanlagen werden zum Beispiel in weniger als drei Monaten genehmigt. Von so viel Entgegenkommen profitiert auch Siegfried Wolf, Chef des Autozulieferers Magna International, der zwischen 60 und 70 Millionen Euro in ein neues Elektronikwerk in Klagenfurt investiert. Er ist vom "raschen und unbürokratischen Vorgehen der Politiker" angetan. Außerdem seien die "qualifizierten Arbeitskräfte" entscheidend gewesen, dass man sich gegen einen Produktionsstandort in einem Billiglohnland entschieden habe. Siegfried Wolf: "Wir müssen keine Konkurrenz aus Fernost fürchten.

Doch nicht nur gegen Asien, sondern auch gegen ein Magna-Werk in Deutschland fiel die Entscheidung. Ökonomisch klug, wie eine Studie des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) belegt: In Sachen Infrastruktur, Bildung, Produktivität und Rechtssicherheit herrscht Punktgleichstand mit Deutschland. Aber österreichische Arbeitnehmer keulen aufs Jahr gesehen zehn Prozent mehr als ihre deutschen Kollegen - bei im Schnitt 20 Prozent weniger Lohn. "Österreicher sind flexibler und motivierter als die Bundesbürger", konstatiert Martin Schulte vom IWG.

Nicht nur hinsichtlich Freizeit und Lohn sind die Nachbarn bescheidener. Sie granteln auch nicht über gerade verschärfte Kündigungsregelungen: Außer Belegschaftsvertretern, Schwangeren und Behinderten kann Beschäftigten mit nur zwei Jahren Betriebszugehörigkeit innerhalb von sechs Wochen grundlos gekündigt werden. Erst wer länger bei einer Firma angestellt ist, genießt verlängerten Kündigungsschutz. Anders als in Deutschland müssen Chefs keine hohen Abfindungen oder Auseinandersetzungen vor Gericht fürchten. Die Gelassenheit der Berufstätigen mag mit der guten Konjunktur zusammenhängen, aber auch eine effiziente Jobvermittlung wirkt beruhigend: Bis Österreicher einen neuen Job haben, vergeht mit durchschnittlich 14 Wochen nicht mal halb so viel Zeit wie in Deutschland.

Gastarbeiter statt Langzeitarbeitslos
Der deutsche Bundesagentur-Chef Frank-Jürgen Weise blickt neidisch darauf, wie sich Österreichs Beamtenstadl in den letzten zehn Jahren zum schlagkräftigen Arbeitsmarktservice (ams) mauserte: Zielvorgaben, die Branchenspezialisierung der Berater und eine leistungsbezogene Entlohnung verleihen den Jobvermittlern Flügel.

Jede Menge Jobs zu vergeben
Das ist der Grund, warum immer mehr Ostdeutsche als Gastarbeiter nach Österreich kommen. Insgesamt arbeiten schon mehr als 46.000 Piefkes vor allem für Touristen in Tirol und Wien, aber auch am Bau. Wer eine hochwertige technische, juristische oder wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung abgeschlossen hat und slawische Sprachen beherrscht, ist als Manager willkommen.

Reformen, nicht nur Reförmchen
Das Beamtentum bei der Arbeitsvermittlung abgeschafft, das Rentensystem mit Unterstützung des deutschen Spezialisten Bernd Rürup modernisiert, den Telekom- und Energiesektor liberalisiert, die Unis in die Autonomie entlassen und Hochschulgebühren eingeführt - nach jahrzehntelangem Reformstau und politischem Stillstand unter den Sozialisten herrscht Aufbruchstimmung im Alpenland. Die Regierungskoalition aus Volkspartei und dem im Frühjahr von der Freiheitlichen Partei abgespaltenen Bündnis Zukunft Österreich hat frischen Schwung gebracht. Dem zufriedenen ABA-Kunden Werner Pfadler gefällt die neue Heimat. Vor allem die gute Stimmung begeistert ihn: "Kein Gejammer wie in Deutschland, hier heißt's: Auf geht's - wir sind gut, wir schaffen das."
Claudia Obmann
Dieser Artikel ist erschienen am 17.10.2005