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Ron Sommer: ?Meine Batterien sind ordentlich geladen?

Von K. Slodczyk, G. Weishaupt
Der Mann, der aus dem Behördenapparat Bundespost einen internationalen Konzern formte, der soll sich jetzt mit Aufsichtsrats-, Beiratsposten und viel Privatleben zufrieden geben? Es gab Zeiten, da waren ihm Statussymbole nicht egal.
Ex.-Telekomchef Ron Sommer. Foto: dpa
Von solchen Geschichten hat er inzwischen einige auf Lager. Und sie machen deutlich: Man erinnert sich noch an sein Gesicht, die großen, weit geöffneten Augen hinter den Brillengläsern, die ihn jünger aussehen lassen als 55, den immer leicht belustigt wirkenden schmalen Mund. Das Gesicht gehört Ron Sommer, und sieben Jahre lang stand es für die Deutsche Telekom und für die T-Aktie.Langsam gerät das alles in Vergessenheit. ?Die meisten haben zwar so eine Ahnung, mich schon mal gesehen zu haben, aber sie können mich nicht mehr so genau einordnen?, sagt Sommer. Kein Wunder, seinen Top-Job hat er im Juli 2002 verloren. Seitdem taucht sein Konterfei weder im Fernsehen noch in Zeitungen auf. Nur ab und zu gibt es eine Meldung über eine neue Aufgabe in einem Beirat oder Aufsichtsrat. Mehr nicht. Erfüllt das einen, der Herr über 250 000 Mitarbeiter war? Der den größten europäischen Telekommunikationskonzern führte? Der aus den Deutschen ein Volk von Aktionären machte?

Die besten Jobs von allen

?Was ich heute mache, das ist schon sehr zufrieden stellend?, sagt Sommer bei einem Treffen in einem Kölner Hotel, die linke Hand lässig in der Hosentasche, die rechte auf dem Tisch. Entspannt wirkt er. Leicht gebräunt wie immer, schlank wie immer, mit Krawatte wie immer.Aber, stopp, etwas ist anders. Er trägt keinen souveränen Zweireiher, sondern ein legeres, grünlich-braunes Cordjackett mit dunkler Hose.Einen Tag zuvor ist Sommer aus Moskau zurückgekehrt, wo er den russischen Mischkonzern Sistema berät. Spätabends hat er sich noch in eine Telefonkonferenz des US-Mobiltelefonherstellers Motorola eingeklinkt, wo er seit diesem Juli im Aufsichtsrat sitzt. Zudem gehört er zum Beratergremium der US-Investmentgesellschaft Blackstone und ist Aufsichtsratsmitglied der Münchener Rück. ?Alles spannende Aufgaben, kein Kaffeekränzchen.?Aber ein Vollzeitjob ist nicht dabei. Da blieb ihm genug Zeit, um den Privatpiloten- und den Instrumentenschein zu machen. Während er so in immer höhere Sphären vordringt, hat ihm seine Frau ein ?Down to earth?-Programm verordnet, damit er sich wieder im Alltag zurechtfindet. ?Bahn fahren, das kann ich inzwischen wieder. Ich find? auch den Knopf zum Öffnen der Tür und suche nicht mehr den Hebel?, sagt Sommer, nicht ohne Selbstironie ? eine neue Seite, die er als Telekom-Chef nie zeigte.Der Mann, der aus dem Behördenapparat Bundespost einen internationalen Konzern formte, der soll sich jetzt mit Aufsichtsrats-, Beiratsposten und viel Privatleben zufrieden geben? ?Ich muss nicht der Chef von Hunderttausenden Menschen sein. Ich muss nicht ständig in der Öffentlichkeit stehen.Ich brauche keine Statussymbole?, sagt Sommer.Es gab Zeiten, da waren ihm Statussymbole nicht egal ? bei einer Italienreise mit Journalisten zum Beispiel. Die Presseleute hatten im Firmenjet Platz genommen und warteten auf Sommer. Ein Fehler. Der Pressechef der Telekom führte sie aus der Maschine zurück zum Warteraum mit dem Hinweis: Sommer lege Wert darauf, das Flugzeug als Erster zu betreten. Dann traf Sommer ein und marschierte ? den Journalisten voran ? zum Jet.Es waren Begebenheiten wie diese, die mit der Zeit das Bild von Sommer bestimmten. Hinzu kam seine stets betont rationale Art, frei von Emotionen, seine vorgestanzten, ausweichenden Antworten auf persönliche Fragen. So entstand das Bild eines arroganten, unnahbaren Managers, an dem jede Kritik abzuperlen schien. Selbst Medienexperte Peter Glotz, der sich tagelang mit ihm unterhalten hatte, gestand am Ende, ?dass ich nicht genug Stoff für ein Buch über ihn habe?.Das Buch schrieb er trotzdem und bewies: Sommer ist als Privatmensch kaum zu fassen. Auch Ex-Telekom-Vorstandskollegen fällt nur wenig ein, wenn es um den Menschen Sommer geht: ?Er sprach immer sehr viel von seiner Familie und davon, dass er ein emotionaler Mensch ist. Aber so etwas lebt man und betont es nicht ständig in Gesprächen.?Es sind andere Attribute, mit denen Sommer in der Öffentlichkeit bedacht wird. Aus dem ?Marketinggenie? und ?Wunderkind?, wie die ?Businessweek? ihn kurz nach seinem Amtsantritt im Mai 1995 nannte, wird der ?Blender? und ?Bibelverkäufer?. ?Ich polarisiere, das ist meine Art. Denn, wer sich engagiert, muss polarisieren?, sagt er heute. ?Ich habe immer die Giftpfeile auf mich gezogen.? Das allein kann die Erklärung für seinen tiefen Fall aber nicht liefern. ?Die Leute sind meinem Rat gefolgt und haben erst mit der Telekom-Aktie Geld verdient und nachher verloren. Das war aber kein Einzelphänomen, sondern spiegelte den Verlauf der Börse wider?, sagt Sommer.Die Enttäuschung der T-Aktionäre entlädt sich auf der Hauptversammlung im Mai 2002. Buhrufe, Sprechchöre: ?Hi-ha-ho, Sommer ist k.o.? Viele Anleger verlassen den Raum, als Sommer von ?Prozessverbesserungen? und Wachstumspotenzialen neuer Technologien spricht und Zukäufe wie die US-Mobilfunktochter verteidigt. Im Nachhinein hat er Recht behalten: Das US-Geschäft ist heute einer der größten Wachstumstreiber der Telekom.Im Mai 2002 ist das nicht absehbar. Die Anleger sind erzürnt, dass die Vorstandsgehälter steigen, während ihr Vermögen schrumpft. Der Großaktionär Bund, namentlich Bundeskanzler Gerhard Schröder, fürchtet, dass Sommer im Wahljahr zur Belastung werden könnte. Mitte Juli muss er gehen. Heute sagt er nicht ohne Genugtuung: ?Schröders Kalkül ist nicht aufgegangen. Er hat keine Wählerstimmen dazugewonnen, sondern in der Woche meines Abgangs in Meinungsumfragen Stimmen verloren.?Hätte Sommer nicht mit mehr Feingefühl auf die Anleger reagieren können? Hätte er mehr Verständnis zeigen sollen? ?Ob mein Umgang damals mit der Öffentlichkeit geschickt war, das wage ich heute nachträglich zu bezweifeln. Ich habe aber mehr Zeit mit den Fragen verbracht, wie bringe ich das Unternehmen nach vorne.?Und welches Unternehmen bringt er demnächst nach vorne? ?Ich bin zufrieden mit dem, was ich heute mache. Wenn mir aber ein interessanter Chefposten in einem Konzern angeboten würde, wo ich noch etwas bewegen kann, könnte es sein, dass ich ihn annehme.? Er habe keine Wettbewerbsbeschränkungen mehr und ? ?meine Batterien sind ordentlich gelade n?.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.11.2004