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Rolls-Royce der Mode

Von Katharina Kort
Prominente aus Politik und Jetset haben ihn berühmt gemacht. Nun tritt der italienische Modeschöpfer Valentino mit 75 Jahren ab. Sein Erbe teilen sich mehrere Designer.
Valentino mit der britischen Schauspielerin Elizabeth Hurley. Foto: ap
MAILAND. Im weißen Anzug und mit dunkler Krawatte, die noch mit 75 Jahren vollen, dunkelblonden Haare sauber vom Seitenscheitel weggeföhnt, schreitet der kleine Mann stolz den Laufsteg ab. Das Gesicht kämpft mit den Tränen, als Valentino die Hand hebt zum Gruß an die Gäste, die im Stehen applaudieren.Schauspielerinnen wie Sex & The City-Star Sarah Jessica Parker und Oscar-Preisträgerin Sophia Loren, Models wie Claudia Schiffer, der amtierende Regierungschef Romano Prodi und sein Vorgänger Silvio Berlusconi ? sie alle sind nach Rom gekommen, um in der italienischen Hauptstadt den weltbekannten Designer und sein Lebenswerk zu feiern. Ein dreitägiges Spektakel in Taft und Seide krönt die 45-jährige Karriere des Italieners.

Die besten Jobs von allen

Diese Woche, zwei Monate nach seiner Triumph-Feier, kündigt Valentino an, dass er als Kreativchef der nach ihm benannten Marke abtritt. Damit verliert die Modewelt nur drei Monate nach dem überraschenden Tod des Kollegen Gianfranco Ferré einen weiteren italienischen Designer.Die Valentino Fashion Group wird Valentinos Aufgaben in Zukunft stärker aufteilen. Wie das Unternehmen gestern mitteilte, wird die 35-jährige ehemalige Gucci-Designerin Alessandra Facchinetti den Damenmode-Bereich übernehmen. Die in Bergamo geborene Frau ist an der Seite des berühmten Tom Ford groß geworden. Grazia Chiuri und Pier Paolo Piccioli sollen sich dagegen um die Accessoires von Valentino kümmern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Ich möchte die Party verlassen, solange sie noch voll ist.?Nach Frankreich stellt sich auch in Italien bei vielen Modehäusern die Frage nach der Nachfolge. Marken wie Dior, Yves Saint Laurent und Chanel haben den Spagat bereits geschafft, die alte Marke mit neuen Designern weiterzuführen. Den deutlich jüngeren italienischen Top-Marken steht diese Herausforderung nun bevor. Die Gründer sind meist noch im Unternehmen, aber in die Jahre gekommen und müssen überlegen, wer sie ersetzen soll.?Valentino, ein Mann von größtem Takt und größter Sensibilität, hat sich entschieden, die Szene in dem Moment zu verlassen, in dem sein Stern am hellsten leuchtete?, kommentiert Giorgio Armani den Abgang des Kollegen. Er selbst, schon 72 Jahre alt, hat dagegen noch keine Nachfolgepläne verkündet.?Ich möchte die Party verlassen, solange sie noch voll ist?, begründet auch der 75-Jährige selbst seine Entscheidung in einer E-Mail. Aber vor allem verlässt er die Party in dem Moment, in dem die Private-Equity-Gruppe Permira die Macht bei Valentino übernimmt. Am Freitag läuft die Übernahmeofferte aus, mit der Permira die Valentino Fashion Group und deren deutsche Tochter Hugo Boss kontrollieren wird.Und so mancher in der Finanzbranche munkelt, dass es die Investoren ohnehin stärker auf Hugo Boss abgesehen haben. Immerhin macht die deutsche Marke mehr als drei Viertel des Umsatzes von 1,03 Milliarden Euro aus. Auch eine Aufteilung der Gruppe ist nicht ausgeschlossen.Valentino wird im Oktober in Paris seine letzte Prêt-à-porter- Kollektion vorführen. In Zukunft will er dann für sein Museum und seine eigene Stiftung arbeiten und Institutionen unterstützen, welche die Mode fördern. Seit 1990 unterstützt er Forschung und Informationskampagnen gegen Aids.Bereits seit 1998 ist der Designer nicht mehr der Eigentümer seiner Marke. Er hat das von ihm gegründete Modehaus damals an die Holding HDP verkauft, blieb jedoch Kreativdirektor. Dann, im Jahr 2002, kaufte die Textilgruppe Marzotto das Unternehmen und brachte drei Jahre später das Modegeschäft unter dem Namen Valentino Fashion Group an die Börse. Die Valentino Fashion Group wiederum kontrolliert auch die Hugo Boss AG in Metzingen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Mit 26 Jahren eröffnete Valentino an der Via Condotti sein eigenes Atelier.Valentino Clemente Ludovico Garavani wird 1932 im norditalienischen Voghera geboren. Er behält als Künstlernamen nur seinen ersten Vornamen. Schon früh zieht es ihn nach Frankreich, wo er die Ecole de Chambre Syndicale besucht. In den 50er-Jahren fängt er bei Jean Dessès im Atelier von Guy Laroche an.Schon mit 26 Jahren eröffnet er sein eigenes Atelier in der römischen Via Condotti ? noch heute die edels-te Einkaufsstraße der Hauptstadt. Als Jacqueline Kennedy den griechischen Millionär Aristoteles Onassis heiratet, trägt sie ein Spitzenkleid Valentinos und verhilft dem Italiener damit zu Weltruhm. In seinen Roben werden später auch Audrey Hepburn, Sophia Loren und Lady Diana gesichtet. Der Pop-Art-Künstler Andy Warhol malt ihn 1971.Dennoch hat Valentino von Popkultur wenig. Er ist zwar mit seinen Villen, seinen Bildern, seiner 42-Meter-Yacht Teil des internationalen Jetsets. Und in Frankreich residiert er in einem Schloss, eine Stunde von Paris entfernt, in dessen riesigem Garten und Wald man Pferde ausreiten kann, wie er selbst einmal betonte. Aber die Kleider des stets von seinen kleinen Carlino-Hunden begleiteten Mannes sind elegant luxuriös und nie schockierend. Die Amerikaner nennen ihn den ?Rolls-Royce der Designer?. Vor allem die Farbe Rot hat es dem Italiener angetan. Die Modewelt hat die Farbe eigens Valentino-Rot getauft.?Er hat das Made-in-Italy in die Welt hinausgetragen?, sagte Schauspielerin Sophia Loren über ihn, die den Oscar für ihr Lebenswerk in Valentino gekleidet entgegengenommen hatte.Valentino gilt als ehrgeiziger, eitler, aber auch reservierter Perfektionist. Erst anlässlich der Feier seines Lebenswerks im Juli hat er der Öffentlichkeit auch Privates preisgegeben: etwa über die verpatzte Verlobung mit der Schauspielerin Marilù Tolo, über die Dankbarkeit seines langjährigen Lebens- und Geschäftspartners Giancarlo Giammetti und über den Wunsch von vor vielen Jahren, einen marokkanischen Jungen zu adoptieren. Ein weiterer Wunsch ist noch offen: Er hat selbst einmal gesagt, dass er davon träumt, die britische Königin Elisabeth einzukleiden.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.09.2007