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Rollenwechsel

Katja Wilke
Schauspieltraining für den Job - das klingt ein wenig dubios. Lernt man da, Qualifikationen vorzutäuschen, einstudierte Monologe zu halten und den Chef anzuschleimen? Zum Glück nicht, wie ein Seminar in Hamburg zeigt.
18 Atome schießen durch den Raum. Die Teilnehmer des Seminars "Schauspieltraining für Führungskräfte" haben zwar keine Ahnung, wie sich ein Atom zu bewegen pflegt, aber sie sollen es "einfach mal versuchen", feuert Schauspieltrainer Christian sie an. Berater und Werber traben neben New-Economy-Gescheiterten durch den Raum und lassen die Arme schlackern. Bis es wieder gongt - das vereinbarte Signal, spontan ein Molekül zu bilden. Sie finden sich in Grüppchen zusammen und halten sich an den Schultern fest, bis der nächste Gong zum Aufbrechen des Moleküls auffordert und sie weiter durch den Seminarraum trudeln.

"Erfahrungen, die noch lange nachwirken", verspricht Christian, der Pädagogik studiert hat und seit 20 Jahren Theater und in TV-Serien spielt, zu Beginn des viertägigen Seminars. Grundlegende Schauspieltechniken will er vermitteln und Rollenspiele anbieten, in denen sich die Teilnehmer ausprobieren können.

Die besten Jobs von allen


Da ist gar kein Hund
Kein Problem für das Führungskräfte-Ensemble: Bereits am zweiten Tag sind die letzten Berührungsängste gefallen. Nur Helga, die Alter und Job in der Vorstellungsrunde nicht verraten hat, lässt sich nicht wie gewünscht kindlich unbefangen auf das Spiel ein. "Da ist doch gar kein Hund", antwortet sie barsch ihrem Spielpartner, der sie darum bittet, einen imaginären Vierbeiner zu streicheln. "Doch, da ist ein Hund", befiehlt Christian, der zwischen dem Publikum - den anderen Teilnehmern - mit schnellen Schritten auf und ab geht. "Mitmachen! Weiter, weiter!", treibt er die Akteure auf der Bühne an. Er hechelt dabei selbstverloren, fuchtelt mit den Armen. Als "Flow" würden andere Seminarveranstalter diesen Gemütszustand vielleicht bezeichnen. Christian lässt aufgeblasenes Vokabular beiseite. "Seht, was Ihr daraus mitnehmt", sagt er trocken.

Kreatives Loch
Analyse oder Diskussion will auch keiner. "Ich möchte Neues ausprobieren", erzählt Vanessa während einer Pause in der Teeküche neben dem großen Seminarraum. Die 33-Jährige ist Prokuristin in einem Unternehmen, das Schutzhelme herstellt. Früher war sie Unternehmensberaterin und hat in ihrem jetzigen Job "irgendwie verlernt, zu spielen und kreativ zu sein im Umgang mit Mitarbeitern".

Kreativität braucht sie zunächst beim Transfer von den Übungen ins Berufsleben, denn Christian verzichtet auf praktische Tipps zur Umsetzung des Gelernten. Aber er rät: "Seid neugierig auf Euch und auf Euer Gegenüber und seid bereit, Euch ohne Vorbehalte in neue Situationen zu begeben. Jeder neue Eindruck bereichert den eigenen Ausdruck! Durch das Handeln auf Probe fügt Ihr Eurer Alltagsrolle neue Aspekte zu."

Im nächsten Rollenspiel ist es der Aspekt "richtig Führen": Einer hält die Hand vor das Gesicht des anderen, der dann folgen muss - ohne dass der Abstand zwischen Hand und Gesicht variiert. Der 32-jährige Markus, Berater in einer Versicherung, führt behutsam, verändert die Dynamik langsam, ohne dass die Verbindung zu seinem Partner abreißt. Der hat's verstanden, sagt Christians Gesichtsausdruck.

Spiel mal neidisch
Markus' Partner ist weniger einfühlsam und scheucht den Berater durch den Raum. "Man kann nach kurzer Zeit aggressiv werden, wenn man schlecht geführt wird", erkennt Markus. Trainer Christian nickt heftig und bestätigt: "Führen heißt kommunizieren. Man darf nicht nur delegieren, sondern muss in der Lage sein, mitzugehen. Nur wer in Kommunikation tritt und bleibt, kann Mitmenschen erreichen und seine Rolle überzeugend spielen."

Er teilt weiße Masken aus. Allein durch Gestik sollen die Teilnehmer nun Eigenschaften und Gemütszustände wie "reich", "geizig", "neidisch", "verantwortungsvoll" darstellen. Bei "geizig" gehen sie gebückt, bei "neidisch" halten sie den Kopf schief, und auch bei "reich" herrscht Konsens: Man wippt beschwingt durch den Raum. Christian verlangt vollen Einsatz - ob seine Schüler nun imaginäre Kerzen an einem ebensolchen Baum ausblasen, sich in die Horizontale begeben und eine "Klangsäule" aus ihrer gesammelten Energie bilden oder - "rrrrr" - einen Presslufthammer spielen, der eine Betonwand durchbrechen soll. "Blut, Schweiß, Tränen", feuert Christian sie mit schelmischem Gesichtsausdruck an und tut so, als wäre es ihm rausgerutscht.

Am letzten der vier Tage sind die Schauspieler ausgelaugt, aber glücklich. "Die Übungen haben Spaß gemacht. Man erlebt sich ganz neu!", freut sich der 34-jährige Lars. Ob ihm die Übungen im Berufsleben etwas bringen, ist ihm egal. "Die Übungen sind gut für das Leben und nicht nur für den Job."
"Bühne frei"
Schauspielkurs für Führungskräfte, Berater und Trainer und alle, deren beruflicher Schwerpunkt der Auftritt vor Publikum ist.
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Dieser Artikel ist erschienen am 20.10.2002